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Organ der Zionisten.
Herausgeber und Chefredactenr:
^ Ar. Mathan Mrnöaum. ^
Erscheint Anfang und Mitte eines jeden Monates.
Redaktion
Administration
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(Sprechstunde: Täglich nur von 1 bis
2 Uhr Mittags.)
Unsrankirte Briese werden nicht
aiigeiiomiue» und Mannscriplc nicht
retonrnirt.
Nr. 11 Wien. 1. August 1893. V!. Jahrgang.
M. Lombrvso über den Zionismus. — Aus Palästina: Jerusalem. — Aus anderen Ländern: Inland, Schweiz, Nord-
. Amerika-, Notizen. — Recension. — Eorrespondenz der Administration. — Im Eisenbahnwagen. (Fortsetzung) — Inserate.
Lombrojo über den Zionismus.
Im Leitartikel'der vorigen Nutnmer besprachen wir die
Ansichten des berühmten Gelehrten über den Antisemitismus,
welche er in einem Aussätze in der „Neuen Freien Presse"
niedergelegt hatte. Der Chefredactenr unseres Blattes über¬
sandte nun den erwähnten Leitartikel, sowie die von ihm
vor einiger Zeit heransgegebcne Brochüre „Die nationale
Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande" an
L o m b r o s o und erhielt bald darallf von diesenr folgendes
Alltwortschreiben:
„Alan sieht eine solche Aufrichtigkeit, eine solche Men¬
schenfreundlichkeit, eine solche Unparteilichkeit des Urtheiles
und der Logik in Ihrer Schrift, daß ich die Person, welche
sic geschrieben hat, küsien könnte, und daß ich fühle, daß
ich dieselbe lieben würde. Das hindert aber nicht, daß
ich mit ihr nicht nbereinstimmen kann. Es ist wahr,
daß die Gemiithsbewegung (l’emozione) die Grundlage
einer Religion ist, und daß unsere geringe Erregbarkeit
(emotivitä) das Entstehen neuer Religionen hindert. Aber
in den nördlichen Gegenden ivenigstens, sicher beim Angel¬
sachsen, ist die Erregbarkeit und daher die religiöse Frucht¬
barkeit nicht ausgelöscht. Und da, wo der Socialisnius so
große Fortschritte gemacht hat, müßte der neue Glaube
entstehen. Die ticse Bewegung und Erschütterung, welche der
beginnende Socialismus hervorbringt, im Verein mit inter-
essirten Hoffnungen, müßte dazu beitragen. Es kommt hinzu,
daß die Wunder des Hypnotismus und des sogenannten
Spiritismus geradezu geschaffen scheinen, um diese Gesammt- |
heit (insieme) wunderbarer Phänomene vorznbereiten,
welche in einer Religion zufammentreffen, um vorwärts zu
kommen. Es wäre das erstemal, daß die Männer der
Wiffenschast mit der Religion gemeinsame Sache machen
würden.
Ich kann für's Erste, was die Uebersiedlung (twasxorto)
der Juden nach Palästina betrifft, Ihre Meinung nicht
theilen, wenigstens soweit es auf die Juden des lateinischen
Europa, welche ich studirt habe, ankommt.
Dieselben haben sich den Geist des Landes, in welchem
sie. lebe», eingeimpft. Derselbe Conservativismus, welcher sie
eine so lange Zeit den Ideen der neuen Länder hat wider¬
stehen lasien, hat bewirkt, daß sie die Ideen der Länder, wo
sie sich etablirt (stabiliti) haben, mit Hartnäckigkeit
adoptirtcn. Sie bewahrten deren Sprache und Tracht und
nahmen selbe auch in andere Länder mit. Dieser nämliche
Geist bringt es mit sich, daß sie, obwohl sie sich in den
Ländern, in welchen sie seit fünf oder sechs Jahrhunderten
Wurzel gefaßt haben, in ihrer Weise naturalisirten,
deren Lebensweise (l'anüamonto) angenommen haben
und auch wahre Patrioten geworden siild. So sind
sie in Italien nicht nur Italiener, sondern auch Vene-
tianer im Venetianischen, Piemontesen in Piemont. Sie
haben sich allen Eigenthiimlichkeiten des Landes angepaßt.
Wie würden sich diese jetzt verpflichtet fühlen, Patrioten in
— Judäa zu werden? Welche Race von Ackerbauern wären
diese Makler und Juwelenhändler*) und welchen Ackerboden
kann diese halbverfallene Wüste Palästina bieten, an nichts
Anderem reich, als an Traditionen? Mit dem Glauben
der Mormonen würden sie, glaube ich, dasselbe leisten
können wie jene an der Salzsee. Aber auch bei den
Israeliten hat sich der Glaube, der Eifer abgeschwächt, cs
fehlt daher die Bewegkraft, um Wunder zu bewirken. Davon
nicht zn sprechen, das; die wenigen wahren Gläubigen, die
Russen, die weniger cultivirten und daher nicht im Stande
wären, die Wüste mit den Errungenschaften der modernen
Civilisation zu befruchten, mit Maschinen und der chemischen
Industrie nmzngehen."
Aus dem vorstehend abgedruckten Briefe ist zu erkennen,
wie leider selbst von an Gründlichkeit gewöhnter Seite
unserer Sache mit rechenschaftslosen Vorurtheilen begegnet
wird. Aber wir müssen gerade gegenüber solchen Männern
es an Bemühungen, sie eines Besseren zn belehren, nicht fehlen
lassen, und so hat denn unser Chefredactenr sich beeilt, die
Zuschrift Lombroso's mit nachstehendem Schreiben zu er¬
widern :
„Die Worte der Anerkennung, welche Sie für meine literarische
Thätigkeit finde», ermuthigen mich, Ihnen aufJhr liebenswür¬
diges Schreiben einiges zu entgegnen, was Sie gütigst einer
Beachtung werth halten wollen.
Sie geben selbst, hochgeehrter Herr Professor, zu, das; es
das erste Mal wäre, daß die Männer der Wissenschaft gemein-
same Sache mit der Religion machen würden. Dieses noch nie
Dagcwesene dünkt mir aber'sehr unwahrscheinlich. Das einzige
Volk, innerhalb degen sich Wissen und Glauben einigermaßen
verträglich gezeigt haben, ist das jüdische. Und sollten Sie, hoch¬
geehrter Herr Professor, denn doch nicht zuviel ans die religiöse
Erregbarkeit der europäischen Völker bauen? Die Geschichte hat
*) In Italien gibt es viele ci»l,eimische jüdische J»wcK„händler
und verkehren auch solche ans dem Anslande. Daher ossenbar gerade
dieses Beispiel. Die Redaclio».