Seite
Selbst- Emancipalion.
Al»o»nemr»ts-Prrise
tZ»,kNdun, inbcgriyk»)
FiirOesterreich-Ungcirn gmizj. fl. 4
„ Deutschlciiid „ Mk. 8
„ Rußland „ Rbl. 4
„ Amerika „ Doll.. 2
„ die übrigen Länder „ Frcs. 10
Halb- u. vierteljähriges Abonnement
zu den entsprechenden Theilbeträgen.
Das Abonnement.kann mit jeder
Nummer beginnen.
Einzelne Exemplare 18 kr.
Organ der Monisten.
Herausgeber und Chefredakteur:
Ar. Zlathan Wirnöaum. ^
Erscheint Anfang und Mitte eines jeden Monates.
1!edaction
A d m i it i ft t* a t i a n
Wien, II./3, Miesbachgaffe 12.
(Sprechstunde: Täglich nur von I bis
2 Uhr Mittags.)
Unfrankirte Briefe werden nicht
angenommen und Manuscripie nicht
retournirt.
Nr. 13 Wien. 1. September 1893. V!. Jahrgang.
7^..(’f. Einheit.— Der Katholikentag in Krakau. — Original-Correspondenzcn: Inland, Rußland, Türkei. — Notizen. — Dlcccir
<y U-ljUH. sioneu. — Im Eisenbahnwagen (Schluß.) — Nastali Zewi Berlin. — Inserate.
' Einheit.
Unter dem Titel „Die Einheit des Judenthums"
veröffentlicht Herr Dr. Jellinek in der „Neuzeit" einen
gegen die Zionisten gerichteten Leitartikel. Die früheren
Kundgebungen des greisen Predigers gegen das National¬
judenthum waren geradezu beleidigender Natur und drängten
uns daher ivider Willen zu herben Erwiderungen. Umso an¬
genehmer überrascht sind wir, daß sich Herr Dr. Jellinek
gegenwärtig einer weit, milderen Sprache befleißt,^ wenn ,
auch noch so manches'Wort freundlicher klingen könnte.'
Dürfen wir hoffen, daß sich auch diese letzten Spuren von
Animosität mit der Zeit verwischen werden'?-
Herr Dr. Jellinek knüpft seine Ausführungen an
einen Aufsatz in einer nationalen Zeitschrift an, der über
die Einheit des Judenthlims handelte. Der begabte hebräische
Schriftsteller Rüben Brandes veröffentlicht näiillich in ,
der 1. Nununer der neuen Monatshefte „Hasaron" einen '
„ha-Achduth“ (Die Einheit) betitelten Artikel, worin er
die Idee der jüdischen Nationalität als die Grundlage der
jüdischen Einheit preist. Herr Brandes gehört zu jener
verschwindend kleinen Gruppe von Nationaljnden, welche den
Kern des Zionismus, den wahren Gvlusbrecher, die Palästina-
Idee zu Gunsten des abstracten nationalen Gedankens ver¬
nachlässigt. Es ist selbstverständlich, daß Männer dieser
Richtung die hebräische Sprache und ihre Wiederbelebung
in die erste Linie stellen, nachdem sie ja am Ende doch ein-
sehen, daß die nationale Einheit, um eine solche im Sinne
voller Aktivität zu werden, irgend einer materiellen Grund¬
lage bedarf. Daß jedoch ein gesundes wirthschastliches Volks¬
dasein die allernothwendigste Basis für eine dauernde
nationale Einheit ist, wird übersehen. Uebersehen wird, daß Er¬
weckung des nationalen Bewußtseins und Belebung der
hebräischen Sprache jetzt nur Mittel sind, und erst dann Selbstziveck
werden können, wenn der jetzige Selbstziveck — Zion — erreicht
sein wird. Zion jedoch, das Ende der Exilsleiden, kann nicht
durch jene Mittel allein erreicht werden, und soferne die¬
selben in Anwendung kommen, müssen sie im Namen Zions
gebraucht werden. Tenn, wenn das nationale Bewußtsein
nicht einmal den Verlust eines Vaterlandes verhütet, ivie
die Geschichte so oft gezeigt hat, wie sollte es, ans sich
allein gestellt, als abstractc Idee verkündet, die Sicherheit bieten,
daß es mit Ausdauer und Conseqnenz den Erwerb eines
Vaterland durchsetzen wird? Oder verzichten die reinen
Nationalen auf diesen Endzweck? Das tonnen wir nicht
glauben. Wir wollen davon absehen, daß nationales Be¬
wußtsein und wiederbelebte hebräische Sprache in der Zer-
streung nur znnr kleinen Theile durchdringen können; aber
angenommen, es könnte sein, wären wir nicht dann weiter
Minorität, der Gnade und Ungnade unserer Wirthe über¬
lassen? Würden unsere Masien und unsere Hunger-Intelligenz
besser gestellt, wenn sie hebräisch redeten ? Wir wollen damit
nicht der oberflächlichen Verhöhnung des nationalen Gedankens
nnd seines Allsdruckes, der nationalen Sprache, wie sie von
deninternationalen Socialdemokraten geübt wird,dasWort
-reden. Wir tvissen. ganz, gut, daß auch nationales Zusamnieu-
halteu und der durch' die nationale Sprache befestigte, und
belebte nationale Geist wirthschaftliche Ziffern sind, — aber nur,
wenn noch eine andere umnugängliche Voraussetzung eintrifft, —
das Territorium. Ein Volk ohne Land hat ebenso wie
politisch auch wirthschaftlich keinen Werth und das Sich-
nationalgeberdeit wird in diesem Falle zum Kinderspiel.
Doch wo sind wir hingerathen? In eine kleine Polemik
mit den reinen Jüdisch-Nationalen, während wir nur
constatiren wollten, daß Dr. Jellinek eben in Folge
dieses Abstrahirens vom Wesen des Zionismus seitens des
Herrn Brandes, auch seinerseits diesmal den Palästina-Ge¬
danken als solchen nicht berührt und sich nur gegen die
Idee der jüdischen Nationalität und die Wiederbelebung der
hebräischen Sprache ausspricht. Wenn er sagt: „Die Herren
Zionisten kümmern sich nicht um das Urtheil der Stationen
und legen sich nicht die Frage vor, was denn die Juden er-
ividern können, wenn man ihnen zürnst: Ihr bildet eine
besondere Nation, strebt nach der Verwirklichung einer
nationalen Idee, wollt Euch nicht assimiliren und seid Frenrde
in unserer Milte, die geduldet, aber nicht gleichberechtigt
mit uns sein.können." —so ist das ein Einwand, den wir
schon Hunderte Male ausführlich widerlegt haben. Wird er uns
verstehen wollen, wenn wir ihm kurz erwidern : Diese ganze
Art der Erwägung fft uns fremd. Wir richten unsere Hand¬
lungen so ein, daß sic erstens vor dem Nichterstuhle unseres
Gewissens Stand halten, und kehren uns nicht daran, was
die Anderen dazu sagen, umsomehr, als diese gewohnt sind.
Alles, was die Juden thun, zu tadeln. Ferner ist für
uns das wohlverstandene dauernde Interesse des ganzen
jüdischen Volkes maßgebend, und das verlangt eine Wiederbe¬
lebung der jüdischem Nationalität auf jüdischem Boden.
Gegen die Erlösung aus dem Golns wiegt der befürchtete
Verlust einiger mehr oder minder eingebildeter Vortheile
nicht aus, der übrigens, wie wir ebenfalls dutzende Male
aussührten, gar nicht eintreten dürfte. Was sind die
kleinen und kleinlichen Freiheiten, welche das Exil gewährt,