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Daten und Materialien
zusammenfallen zu lassen. Prof. Buzek*) gibt
folgende Berechnungen über die Bevölkerungs¬
verhältnisse des Kgr. Polen im Vergleich zu
Galizien und der Provinz Posen.
Die Gesamtbevölkerung betrug (in Tausen¬
den):
Im Jahre i. Kgr. Polen i. Westgaliaen i. d. Prov. Posen
1880 7 322 2 113 1703
I9IO I2467 2693 2 100
Der Zuwachs in den Jahren 1880—1910
im Kgr. Polen in Westgalizien in der Prov. Posen
5 235 0 58o o397
in Prozenten
42 21 19
Wir sehen also, daß der Volkszuwachs in
den Jahren 1880-1910 im Kgr. Polen doppelt
so groß war wie in Galizien und in der Provinz
Posen.
Daraus geht unwiderlegbar hervor, daß in¬
folge der Einwanderung der Juden und der un¬
geheuren Entwicklung der Industrie und des
Handels die Bevölkerung in Polen stärker
zunahm als in den Ländern, wo der Prozentsatz
der Juden gesunken ist. Der Zustrom der Juden
verursachte keineswegs eine Beeinträchtigung
des Erwerbes für die Polen, sondern er hat im
Gegenteil neue Erwerbsmöglichkeiten eröffnet
und dementsprechend zur Einschränkung der
konstanten Auswanderung der Polen nach
Amerika beigetragen. In den Boykottperioden
haben verschiedene Pseudo-Volkswirtschaftler
(unter denen es an Mitgliedern der revolutio¬
nären Fraktion der polnischen sozialistischen
Partei nicht fehlte) sich auf die Provinz Posen
berufen, die ihre Juden ,,los wurde,'* was an¬
geblich in der „objektiven Tendenz der kapi¬
talistischen Entwicklung" gelegen habe. Dabei
hat man die beredten Ziffern der polnischen
Auswanderung aus der Provinz Posen und aus
Westpreußen, die alle Phrasen von der „Un¬
Produktivität" der Juden zunichte machen,
*) Poglad na wzrost ludnosci ziem polskich
w wieku XIX (Ein Blick auf den Bevölkerungs¬
zuwachs in den polnischen Ländern im XIX.
Jahrhundert), Krakau 1915.
hartnäckig verschwiegen. Der von uns oben
erwähnte Prof. Buzek gibt (auf S. 14—16) sta¬
tistische Tabellen, auf Grund deren wir im¬
stande sind, die Durchnittszahlen für den Zeit¬
abschnitt 1881 bis 1910 festzustellen.
Von 10 000 Seelen sind auf die Dauer aus¬
gewandert:
In den Jahren aus der Prov. Posen W.-Preuöen W.-Galirien
1881-189O 135 14O 34
189I-I9OO Il8 92 71
1901-1910 90 96 86
Die Durchschnittszahlen in den Jahren 1891—1910
aus der Prov. Posen Westpreußen Westgalizien
114 109 64
Was die polnische Auswanderung aus dem
Kgr. Polen betrifft, so betrug sie in den Jahren
1890—1910 nur 38 Seelen auf 10 ooo. Im
Jahre 1890 waren es 23 auf 10 000, und wenn
die Auswanderung allmählich gestiegen ist, so
war daran nur die geringe Intensität des land¬
wirtschaftlichen Betriebs schuld.*)
Die jüdische Auswanderung aus dem Kgr.
Polen nach Amerika ist nicht genau bekannt,
weil die einzige statistische Quelle („Annual
reports of immigration"), die wir haben, keinen
Unterschied macht zwischen der Auswande¬
rung aus Polen und der aus Rußland. Die rus¬
sischen statistischen Beweise über die soge¬
nannte Paßauswanderung lassen jedoch ver¬
muten, daß die jüdische Auswanderung aus
dem gegenwärtigen deutschen Okkupations¬
gebiete 18% der Gesamtzahl beträgt, was un¬
gefähr dem prozentuellen Verhältnis der dort
wohnenden Juden entspricht. 86,4% aller
Auswanderer Polens emigrieren nach Nord¬
amerika und es liegt kein Grund vor zur An¬
nahme, daß sich die Richtung der Auswande¬
rung — besonders der jüdischen — nach dem
Krieg ändern würde.
*) Auf 1 Hektar Landes entfallen im Kgr.
Polen 11,3 Zentner Weizen, 10,5 Zentner
Gerste; in Deutschland 24 Zentner Weizen
und 22 Zentner Gerste. Die Volksdichte beträgt
auf 1 qkm im Kgr. Polen 98, in der Provinz
Posen 72, in Westpreußen 67.
Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mayer, Berlin-Wilmersdorf, Uhlandstraße xxo/xii. — Für Österreich-Ungarn:
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