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Martin Buber:
gefühls der eine Heimstätte bereits besitzenden Juden, sondern auch einer Zwei¬
deutigkeit schuldig, die für Sie „den ganzen Zionismus zu einer schier unbegreif¬
lichen Unwahrhaftigkeit macht". Ohne Wahrhaftigkeit aber gebe es keine „richtig
orientierte" Religiosität. Und in der Tat: wie die Zionisten durch ihren Pantheis¬
mus der jüdischen Religion widersprächen, so ergehe sich die zionistische Literatur,
auch in Schriften deutscher Rabbiner, in frivoler Verhöhnung der höchsten Idee der
jüdischen Religiosität, der Idee der messianischen Menschheit. Diesem Zionismus,
der das allgemeine Vorurteil der Christen gegen uns, daß wir keine Religiosität
hätten, bestätige, müsse entgegengehalten werden, daß wir „in irgend einer Natur¬
tatsache, wie der der nationalen Abstammung," nicht „den eigentlichen und ein¬
zigen Halt für unser Selbstbewußtsein" suchen könnten. „Wer mit der ganzen
Glut des Herzens, mit Zittern und Beben sein Schema Jisrael betet, der, und er
allein, befestigt sein jüdisches Ich unerschütterlich in Geist und Seele." Von diesem
Gesichtspunkt aus sei auch die zionistische Forderung einer Wiederbelebung der
hebräischen Sprache zu betrachten; wohl sei es unsere Pflicht, die hebräische Sprache,
zu pflegen, aber nicht als eine profane Umgangssprache, sondern als die Sprache
unseres Gebetes; so viel Hebräisch müsse demgemäß (so präzisieren Sie Ihre For¬
derung) jeder gebildete Jude sich anzueignen bestreben, als zum Verständnis der
wichtigsten Gebete erforderlich ist. Durch solche Befestigung und Vertiefung ihres
Verhältnisses zum Judentum würden die deutschen Juden, so meinen Sie, den Zio¬
nismus überwinden.
Ich kann heute nur auf jene Punkte Ihres Briefes eingehen, die mir besonders
wichtig scheinen, und auch auf sie nicht mit der wünschenswerten Ausführlichkeit.
2.
„Wenn nun der Zionismus Religion und Nationalität gleichsetzt, so erheben wir
zunächst den Einspruch, daß wir Nichtzionisten keineswegs die Religion außer
Verbindung setzen mit der Nationalität."
Wir Nichtzionisten! Glauben Sie wirklich, im Namen der Nichtzionisten diese
Erklärung abgeben zu können ? Oder auch nur im Namen der liberalen Juden, als
deren Sprecher Sie, und gewiß mit Recht, wenige Sätze vorher auftreten?
Seit einem Jahrhundert und länger betonen die mehr oder minder liberalen
Juden in allen Zungen und Tonarten, es gebe überhaupt keine jüdische Nationalität,
oder, wie Moritz Lazarus, ein akkreditierter Vertreter, offenbar in Verallgemeinerung
der Ergebnisse seiner Selbstbetrachtung es formulierte: „Die Juden haben keine
eigene Nationalität mehr; es gibt schlechterdings keinen Juden mehr, der nur noch
einen jüdischen Geist hat." Sie aber, Herr Geheimrat, sprechen, als sei die An¬
erkennung der jüdischen Nationalität ein integrierender Bestandteil der nichtzio¬
nistischen, insbesondere der liberal-jüdischen Lebensanschauung, und verargen es
dem Zionismus, daß er diesen Bestandteil nun einmal nicht wahrzunehmen vermag.
Allerdings betonen Sie, daß Sie in der Nationalität, die wir als eine historische
Kategorie aufzufassen gewohnt sind, nur eine „Naturtatsache" sehen; und in der
Tat gebrauchen Sie auch sonst in Ihren Schriften die Termini „Nationalität" und
„Stamm" oder „Abstammung" als Synonyma. Aber wie vermögen Sie, von Ihrem
Standpunkt des strengen altjüdischen Monotheismus,' die Abstammung als eine
„Naturtatsache" zu behandeln? Das jüdische Urwort „Samen", das nirgends fehlt
wo Gott mit Abraham und Abrahams Geschlecht seinen Bund schließt und erneuert,