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welche von einem reichen, welligen Haarwuchs scharf um¬
rahmt, von allerlei feinen Furchen durchzogen war, so
daß man fast zu einer Metoposkopie herausgefordert'
schien. In der Unterhaltung erwies sich Jellinek lebhaft^
anregend und fesselnd. Sein merkwürdiges, treues und
sauberes Gedächtnis erregte Verwunderung, er sprühte
von biblischen und talmudischen Anspielungen, von der¬
artigen Wortspielen und Geistesblitzen. Er führte fast
ausschließlich das Wort, das man ihm auch gern da¬
rum überließ, weil er schon damals schwerhörig war und
doch diesen Mangel einen Fremden nicht merken lassen
wollte. Viel sprach er von dem, was er auf der Kanzel
leiste, wie er von da aus seine Stimme, vielleicht als
der einzige in Wien, gegen Reaktion, Unduldsamkeit und
klerikalen Judenhaß erhebe, daß er wohl niemals, wenn
nicht unvorhergesehene Zufälligkeiten ihn dazu zwängen,
unvorbereitet vor das Publikum trete und daß er ge¬
wöhnlich für die Vorbereitung auf eine Sabbathpredigt
drei Tage verwende. Gegen die Breslauer Theologen¬
schule war er von Vorurteilen nicht ganz frei, vielleicht
weil sie sich, nach seiner Anschauung, zu stark der konser¬
vativen Richtung zuneigte, wahrscheinlich aber, weil sie
zwar seine homiletische Virtuosität anerkannte, seine wissen¬
schaftlichen Arbeiten hingegen nicht genügend würdigte.
Überhaupt schien es, als hätte er gegen die jüdischen Ge¬
lehrten Deutschlands und auch Galiziens manches auf
dem Herzen, als ob sie seinen literarischen Verdiensten
nicht die — wie er glaubte — gebührende Gerechtigkeit
widerfahren ließen. Sein Temperament war aus Aner¬
kennung und Beifall eingestellt, er gehörte eben zu dem
genas irritabile vatum und hat es daher schwer empfun¬
den, daß man seiner wissenschaftlichen Bedeutung nicht die
gleiche Anerkennung zollte, wie sie in reichem Maße seiner
Kanzelberedsamkeit zuteil wurde. Die spezifischen Talrnu-
disten insonders, welche damals nur flügellahme Epigonen
der talmudischen Heroen einer verblaßten Vergangenheit
waren, wollten kein anderes Wissen gelten lassen, als das
talmudisch-halachische, nach dialektischem Zuschnitt aufge¬
putzt. In Wirklichkeit jedoch macht man sich keiner Über-