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Ireibung schuldig, wenn man behauptet, daß jede Predigt
Jellineks eine wissenschaftliche Leistung ist, noch mehr —
«ine künstlerische Leistung, ein dichterisches Gebilde aus
agadischer Phantasie geboren, vom Duft des Libanon um¬
haucht, das Himmelslicht des Sinai in einzelne Strahlen
hell und klar zerlegend. Bei der Betrachtung der her¬
vorragenden großen Synagogenprediger aus dem vorigen
Jahrhundert taucht unwillkürlich zuweilen die Vorstellung
von einer Seelenwanderung auf, als seien Seelenfunken
der alten Midraschlehrer aus der Zeit des klassischen Tal¬
mudismus auf neuzeitliche Persönlichkeiten übergesprungen
und hätten deren Geist befruchtet, um auf der jüdischen
Kanzel Deutschlands die deutsche Methodik und den orienta¬
lischen Märchenzauber und das rabbinische Ingenium mit
einander zu verschmelzen, um dem Genius des Midrasch,
der von den Einen mit ihrer Liebe und von den Anderen
mit ihrem Haß gequält und mißhandelt ward, zu seinem
dichterischen und exegetischen Recht zu verhelfen. Solcher
Auserwählten giebt es freilich nur wenige, aber in ihre
Reihe gehört unstreitig Jellinek, ja er muß sogar als
Erster obenan in dieser Reihe gestellt werden, der noch
heute von keinem anderen übertroffen worden ist und un¬
vergleichlich dasteht.
1 .
Adolf Jellinek war ein Meister der literarischen Klein¬
kunst?) Eine gewandte und gewählte Sprache, eine feine
Schattierung der Ausdrucksweise, plastische Entwicklung
y Zur Orientierung mögen folgende biographische Notizen ge¬
nügen. Jellinek ist geboren am 26. Juni 1821 in Drzaslowitz, ei¬
nem Dorfe in Mähren, nahe bei Ungar. Brod. In seiner Jugend
erhielt er eine talmudische Ausbildung, ging dann, um sich sortzu-
bilden, nach Prag und von da nach Leipzig. Als sich zu Leipzig
eine jüdische Gemeinde zu bilden begann, wurde er im Februar
1848 als Religionslehrer mit einem Fahresgehalt von 100 Talern
angestellt, im März 1850 übernahm er zugleich die Predigerstelle,
wurde vom Elementarunterricht an seiner Religionsschule befreit und
sein Gehalt ward auf 450 Taler erhöht. Im November 1856 wird
er nach Wien als Prediger berufen, tritt aber sein Amt dort erst
im Oktober 1857 an. In Men ist er am 29. Dezember 1893 gestorben.