Seite
des Gedankens durch Häufung der Worte und Rede¬
wendungen, ein streng logischer Zusammenhang, eine
durchsichtige Klarheit, ein scharf bestimmtes Ziel sind
Vorzüge, welche schon in seinen journalistischen und
feuilletonistischen Aufsätzen sich angenehm geltend machen
und nun gar den Predigten mit ihren rhetorischen Mitteln
Glanz und Kraft und Spannung verleihen. Zu solchen
Mitteln verwendet er treffende Gleichnisse oder geschicht¬
liche Belege und Anknüpfungen, welche stets genau und
zuverlässig wiedergegeben werden; gar nicht selten läßt
er je nach Gelegenheit und Umständen einen scharfen
oder zarten, immer aber leicht verständlichen Sarkasmus¬
spielen. Dazu kommen, um Wirkung und Eindringlichkeit
zu verstärken, Anspielungen auf Bibel und Talmud noch
hinzu, welche ganz ungesucht und selbstverständlich wie
rythmische Untertöne hineinklingen und erst hinterdrein
als originell aufgesaßte Zitate erkannt werden oder als
feinsinnige Deutungen grotesker Märlein und Sprüche
sich geben. Form und Inhalt stehen in gleicher Weise
aus der Höhe der modernen Stilforderung und des
alten Midraschgeistes, beides ergänzt einander und erklärt
sich gegenseitig, so daß durch die elftere erst das wirkliche
Verständnis des letzteren, namentlich dem Leser, aufgeht.
Darauf beruht der unvergängliche Reiz der Jellinekschen
Homilien und das sichert ihnen für immer einen klassischen
Wert. Wer diese Reden nur einigermaßen aufmerksam
liest, hat das wohltuende Gefühl, als würde ihm ein
smaragdgrüner Römer kredenzt, der mit leuchtenden Ro¬
setten besät, in zartem Farbenwechsel schimmert und
flimmert, aus dem ihm der perlende und prickelnde Würz¬
wein der Torah entgegen duftet. Es fei beispielsweise
auf eine Predigt am Wochenfest 1861 1 ) hingewiesen, „Ruth"
betitelt. Sie schildert zunächst in lebhaften, glühenden
Farben die hohe kulturgeschichtliche Bedeutung des Festes
und geht dann zu der allgemein bekannten Frage über,
warum an einem solchen Feste ein Idyll wie „Ruth"
zu lesen empfohlen wird. Darauf erfolgt die Antwort r
*) „Predigten", Erster Teil (Wien, 1862), S. 3.