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„Das Buch Ruth ist ein uraltes Denkmal jüdischer Duld¬
samkeit, jüdischer Liebe und Treue", und dieses Thema
wird in einer stimmungsvollen, gedankenreichen, erbau¬
lichen und fesselnden Weise begründet und ausgeführt.
Ein anderes Beispiel hierfür ist die Predigt „Israels
kleine Bibel" (Sabbat Emor 1861) J ) Der Redner er¬
klärt einleitend, daß man in kritischer Zeit, in schweren
Tagen darauf bedacht war, eine religiöse Losung auszu¬
geben, d. h. einen biblischen Spruch ins Volk zu werfen,
der Israel die Richtung weisen sollte, in der sich sein
Glauben und Handeln hauptsächlich bewegen und sammeln
sollte, gleichsam eine „Bibel im Kleinen", und daß auch
wir für unsere Gegenwart eines derartigen Spruches be¬
dürfen, als welchen er den Vers empfiehlt: „Entweihet
nicht meinen heiligen Namen; geheiligt will ich werden
unter den Söhnen Israels". (3. B. M. 22, 32). Ent¬
weihet nicht den Namen Gottes: ot^n heiligt den
Namen Gottes E*Tir> ist für die Gegenwart „die Bibel
im Kleinen". Die Ausführung gibt eine Geschichte
dieser kleinen Bibel und entwickelt dann „ihre Bedeu¬
tung für die Gegenwart und für die nächste Zukunft."
Man vergleiche mit der eben geschilderten Predigt die
Homilie „Die Canaaniter und Pheresiter wohnten im
Lande" (Sabbat Lech Lecha 1864) * 2 ), welche überaus
geistvoll und belehrend „auf die Rücksichten aufmerksam
macht, welche die Zerstreuung unter verschiedenen Völkern
uns auferlegt." Als eine der schönsten, eindrucksvollsten
Kanzelreden, weil aus der Tiefe der Volksseele
hervorquellend, muß die Predigt zum Versöhnungs-
fest 1863 3) herausgehoben werden. Schon das Stich¬
wort des Textes: „Die beiden Lose" (3. B. M. 16,8)
wirkt wie ein Posaunenton und rüttelt die Gemüter und
ihre Wißbegierde auf, zu hören, welche Vorwürfe darauf¬
hin das Haus Jakobs treffen sollen. Der Redner führt
die Hörer auf den Höhepunkt des Tempelkultus. Scharen
1) A. a. O. S. 227.
2 ) Predigten. Dritter Teil Wien 1866). S. 241. - 3 ) A. a. O.
S. 258.