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von Andächtigen füllen die Vorhöfe, die Arkaden, die
Gallerten und lauschen in lautloser Stille auf jedes Wort,
jede Bewegung der heiligen Handlung, die sich als ein
symbolisches Drama auf der obersten Tempelterrasse
vollzieht. Der Hohepriester hat eben das Sündenbekennt¬
nis für den Priesterstamm abgelegt und schreitet nun nach
Osten zum Volksopfer. Hier stehen zwei Opfertiere von
gleichem Wuchs, von gleicher Farbe, von gleichem Wert,
aber von entgegengesetzter Bestimmung. Der Hohepriester
tritt zwischen sie und zieht aus einer Urne zwei Lose;
das mit der rechten Hand gezogene legt er auf das ihm
rechts stehende Tier, das mit der Linken gezogene auf
das links stehende Tier. Auf dem einen las man: „lar
•Adonai“ (für Gott, den Ewigen) und auf dem andern:
„1a Asasel“ (für das Dunkle, Böse). .In Asasel findet
der Redner mit dem Recht des Midrasch die Gestalt des
dein späteren Judentum so vertraut gewordenen Jezer
hara, des Triebs zum Bösen, symbolisiert. In des Men¬
schen eigener Brust „da ruht etwas, was zu Adonai,
und etwas, was zu Asasel dich hinzieht, der Trieb zum
Guten wie zum Bösen, oder wie die Alten sich ausdrücken,
der Jezer tow und der Jezer hara; beide sind anfangs
ganz einander gleich, erscheinen in derselben Gestalt, reden
dieselbe Sprache usw." Nun setzt das Thema der Pre¬
digt ein, mit einem Spruch aus den Pirke Aboth, Kap. II.
„Kurz ist der Tag, groß die Arbeit, träge die Arbeiter,
reich der Lohn." So spricht der gute Geist, der Jezer
tow, und ebenso der böse Geist, der Jezer hara; jedoch
in den Folgerungen, die daraus zu ziehen sind, schlagen
sie entgegengesetzte Wege ein. Der Jezer hara spricht:
Kurz ist das Leben, darum genieße es. Dagegen der
gute Geist: Darum wende jede Stunde für Gott an;
der Jezer hara behauptet: Groß ist die Arbeit, darum
kannst, du sie nicht vollbringen, der gute Geist dagegen:
Versuche es mit Gott, er wird dich stärken; der Jezer
hara weist dich auf die Arbeiter hin: Die Arbeiter sind
träge, willst du es anders halten? Der gute Geist da¬
gegen: gerade darum ist um so dringender deine von
Gott dir gegebene Pfiicht, daß du arbeitest; der Jezer