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ander zusammengefügt werden, daß aus ihrem Mosaik
ein Zauberspiegel ersteht, aus dem zeitgenössische Völker,
Parteien und Persönlichkeiten unverkennbar herausschauen,
ohne daß irgend ein Name genannt wird.
Der Grundton, auf den alle Homilien des Wiener
Kanzelredners mehr oder weniger gestimmt sind, ist die
Apologie des Judentums, maßvoll in der Polemik, vor¬
nehm in der Haltung, von einer reichen und reifen Ge¬
lehrsamkeit getragen. Wer sich in der jüdischen Apologetik
unterrichten will, gleichviel ob gelehrt oder ungelehrt,
findet in ihnen, allerdings vielfach verstreut, nicht nur das
Ouellenmaterial, das er leicht hier sammeln kann, son¬
dern auch eine ausreichende Erklärung und meist, wo es
not tut, eine geistvolle Deutung.
Die. Tendenz, von der Jellinek in seiner Predigtweise
sich leiten läßt, geht auf Belehrung aus, Belehrung über
das Wesen des Judentums, über seine herrschenden Ideen,
über seine Geschichte. Er suchte durch das Medium des
belehrenden Wortes auf das Gemüt zu wirken und ver¬
stand es, durch seine ebenso lehrsamen, wie anziehenden
Darlegungen, Herz und Seele seiner Hörer zu ergreifen,
der von Zeit oder Gelegenheit gegebenen Stimmung zu
entsprechen und dadurch die erschütternde und erhebende
Auslösung der Gefühle, wenn man so sagen darf, eine
Katharsis des inneren Menschen herbeizusühren. Dar¬
auf beruht eben der bleibende Wert seiner sämtlichen
Predigten, daß es im Grunde populäre Vorträge sind,
in denen ein Meister des Wortes und eine Leuchte der
jüdischen Wissenschaft die rednerischen Freiheiten der
Kanzelrede zu einer lichtvollen und anschaulichen Dar¬
stellung der jüdischen Weltanschauung benutzt?) Eine
Sammlung seiner sämtlichen Predigten mit ihrem Reich¬
tum an Gedanken uud Stoffen würde in erster Reihe
auch den erfahrenen Theologen zu gute kommen, ihnen
neue Impulse und Bereicherungen bieten, besonders
*) Bewundernswert ist, daß er sich in den so zahlreichen Predigten
niemals wiederholt, in Wort und Inhalt jeder einzelnen Rede stets
neu und originell bleibt.
Jahrbuch 1921.
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