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jungen Theologen die homiletischen Wege weisen und
die trefflichen Musterbeispiele bieten, nach denen sie sich
bilden können. Sie könnte auch dem Laienpublikuni als
eine überaus anziehende und anregende und beleh¬
rende Lektüre empfohlen werden, um unsere Gegenwart,
wo die Kenntnis des früheren Judentums so sehr ge¬
schwunden ist, über die rabbinischen Grundanschauungen,
Glaubenssätze und Sittenlehren zu orientieren. Geschickt
geordnet, würde diese Predigtsammlung -dem Volk und
namentlich dem gebildeten Teil zur erbaulichen Postille
dienen können und für die Gegenwart das bedeuten,
was dem jüdischen Mittelalter der -nxon nTDD „der
Leuchter mit dem Licht" *) geleistet hat. Jellineks ge¬
druckte Predigten werden immer seltener, darum wäre
es eine Ehrenpflicht, welche nicht dlos die österreichische
Judenschaft, auf die er einen außerordentlichen Einfluß
geübt hat, sondern auch die deutsche Judenschaft über¬
haupt dem Meister der deutschen Synagogenrede schuldet,
auch seine nachgelassenen und verstreuten Reden zu sam¬
meln und sie sämtlich durch eine billige Volksausgabe
allgemein zugänglich zu machen.
2 .
Wenn vorhin Jellinek als eine „Leuchte der jüdischen
Wissenschaft" gerühmt wurde, so bedarf dies doch einer
näheren Erklärung und mutz auf das richtige Maß zu¬
rückgeführt werden. Er war dies eigentlich mehr in
rezeptivem. Sinne, als im schöpferischen Geist, d. h. er
verfolgte ebenso aufmerksam wie verständnisvoll alle
wichtigen Neuerscheinungen und pflegte an sie einzelne
Bemerkungen und Aperyüs zu knüpfen, — er hat ferner
zahlreiche handschriftliche Funde aus der dunklen Ver¬
borgenheit der Bibliotheken ans Licht gezogen und alte,
fast verschollene Druckschriften der Öffentlichkeit wieder
erschlossen, allerdings ohne die in solchen Fällen nötige
Sorgfalt stets walten zu lassen?) Er hat eben das
’) Der Titel ist frei, nicht wörtlich übersetzt.
2 ) Gerade durcb diese Editionen hat er sich die theologisch streb¬
same Jugend zu Dank verpflichtet. Er hat den Druck von Haupt-