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Verdienstvolle, aber undankbare Geschäft <zuf sich genom¬
men: „Scherbenaufzuheben, unter denen Andere die Perle
dann gefunden haben", wie eine talmudische Metapher
derartiges ausdrückt. Es wird daher sehr schwer, seine
mnbestreitbaren wissenschaftlichen Verdienste nach Gebühr
zu würdigen, und die Gefahr liegt nahe, seine Leistungen
in dieser Hinsicht zu unterschätzen. Während er auf ho¬
miletischem Gebiet selbst Trivialitäten neuen, frischen Reiz
einzuflößen wußte und Funken jener schöpferischen Ori¬
ginalität. welche man mit dem undefinierbaren, vieldeu¬
tigen 'Begriff „Genie" bezeichnet, aus seinen Predigten
-allenthalben hervorsprühen, verläßt ihn bei wissenschaft¬
lichen Darbietungen diese hohe Himmelsgabe, selbst bei
solchen, welche man noch heute als bedeutsam gelten
lassen muß; in seinen gelehrten Arbeiten, namentlich in
philosophischen und kritischen Abhandlungen, Vorreden
und Einleitungen vermißt man Saft und Kraft, er kommt
über gelehrte Einzelheiten, geistvolle Subtilitäten nicht
hinaus. Es fehlt ihm an Konzentration, an der Geduld
und Ausdauer, ohne welche kein echt wissenschaftliches
Werk, selbst im kleinen, ausreifen kann.
Als sein bestes Buch, das aus dem Zug seiner geisti¬
gen Veranlagung hervorgegangen ist und daher noch
heute als interessant und lesenswert empfohlen werden
bars, verdient „Der jüdische Stamm" (Wien 1869)
hervorgehoben zu werden. Trotz der philosophischen
Aufmachung, mit der es sich einführt, enthält es wohl
sehr schöne. und treffende Gedanken über den Stamm¬
charakter Judas, auch feinsinnige Deutungen von agga-
dischen Sprüchlein und Parabeln, aber es bietet nur
Werken veranlaßt, ohne deren eigenen Besitz ein sorgfältiges
Studium sehr erschwert wird, während durch den Neudruck ein An¬
kauf möglich wurde. So hat er den Neudruck von Saadiahs
„Emunoth wedeoth" zum mindesten veranlaßt (Leipzig 1859), hat
das „Milchamoth Haschern" des Gersonides, trotz des Neudruckes
<em noch heute seltenes Buch, wahrscheinlich selbst herausgegeben
(Leipzig 1866); ebenso war er bei dem Druck der „Nesponsen und
Briefe" des Maimonides (Leipzig 1859) beteiligt.
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