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November 1857.
5S. Ueber den Beruf des Judenthums in Gegen¬
wart uud Zukunft. Ein neues Wort über
ein altes Thema von IBi Dreifuß, Land¬
rabbiner im Großherzogthume Meiningen.
Mit Absicht fügen wir der Überschrift des folgenden Auf¬
satzes die Worte bei: „cm neues Wort über ein altes Thema",
weil wir fürchten, daß mancher Leser bei Weglassmig derselben
bet sich denken könnte: wie I da wird uns schon wieder ein Thema
vorgeführt, das in unserer Zelt von unfern hervorragendsten und
begabtesten Geistern, nach allen Richtungen und Beziehungen, in
Prosa und in Versen, in philosophischer Deduktion und in ge-
mlthltcher Volkssprache behandelt wurde — was kann hier noch
wesentlich Neues vorgeführt werden? — Deßhalb haben wir die
erwähnten Wone beigefügt, und um den Leser nicht lange in
Zweifel zu lassen, worin das „Neue" besteht, das wir heran¬
bringen, so fassen wir den Kernpunkt dessen, was wir zu sagen
gedenken, in dem Satze zusammen, daß der Beruf des Iudenthums
in Gegenwart und Zukunft auch darin bestehe, gegen den aus¬
schließlichen Humanitärscultus, d.h. gegen die Ueb ersch ätzung
der Humanitäts idee anzukämpfen. So paradox vielleicht diese
Behauptung Manchem klingen mag, so glauben wir diese doch
in Folgendem mit Sicherheit begründen zu können.—
Wer die Erscheinungen der Zeit und den in ihnen laut
und leise pulsirenden Geist mit tieferem Sinne betrachtet, der wird
wohl erkennen, daß gar viele Menschen die Humanttk'tSldee
M das höchste, verehrungswürdigste, alles andere überragende
Princip in den höhern Tätigkeiten des menschlichen Daseins an¬
schauen und anerkennen. Der Pflichtenkreis in der höhern Tätig¬
keit des menschlichen Daseins ist nach der Meinung gar Vieler
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