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Der Beruf
lediglich in der Verwirklichung der Humanitätsidee nach allen
Richtungen und Beziehungen gegeben; ja auch das VevMtniß
des Menschen zu Gott finde in der Verwirklichung der Humani¬
tätsidee seinen Ausdruck und zwar seinen vollkommen erschöpfenden
Ausdruck. Daß der Mensch auch solche Verpflichtungen habe, die
ein unmittelbares Verhk'ltniß zu Gott ausdrücken, oder mit andern
Worten, daß die Religion als Gottesdienst, als Anbetung
Gottes sich zu manifestiren habe, wird, weil außerhalb des Hu¬
manismus liegend, nicht mehr anerkannt, weit eben die Humani¬
tätsidee die verschlingende Erbin werden soll alles anderweitigen
religiösen Lebens. Es hat sich wohl noch keine geschlossene Ge¬
nossenschaft auf Grundlage eines solchen, mit klaren Worten
ausgesprochenen Princips constitutrti allein eine ungeheure An¬
zahl von Individuen in allen Netigtonskreisen bethätigt durch
Schrift, Wort und Leben, daß sie dem erwähnten Grundsatze im
vollsten Maaße huldige, und wollen sie in demselben einen dritten
Bund oder ein zweites Evangelium erkennen. Man ist im Allge¬
meinen gewöhnt, die Regungen und Bewegungen in der neueren
Zeit auf den verschiedenen höheren Gebieten des menschlichen
Daseins dem Wiedercrwachen des wissenschaftlichen Sinnes und
dem Eindringen des altrlassischen, griechischen und römischen Geistes
zuzuschreiben; allein die Überschätzung der Humanitätsidee ist
nach unstrm Daftirhalten ein Erzeugniß des historischen")
Christenthums, eine nothwendige Eonsequenz einer zu seinem
positiven Inhalt gehörenden Grundlage. Die Erhebung des Stifters
der christlichen Religion zum Gotte. welche in der Dreieinigkeits¬
lehre ihren vollsten Ausdruck hat, findet wohl ihre sachgemäße
Erklärung darin, daß die Gottheit aus Liebe zur Mensch-
heit sich ihres ureignen Selbstes entäußert habe, aus Liebe zur
Menschheit in menschlicher Gestalt unter den Menschen einhergc-
wandelt sei, und sich durch jene Thatsache mit der Menschheit so
identificirt habe, daß sie durch jenen tatsächlichen Akt mit der
*) Wir legen einen besonderen Nachdruck auf das Wort „historisch»; denn
im Nrchristeiuhume ist das Verhältniß der Göttesidee zur Humanitätsidee
richtig erfaßt. Siehe Evang. Matth. 22,'37—40. Marc. 12, 30.