Page
348
Zur Beschlleidmigöfrage.
dem Judenthume" und den betreffenden Knaben „als ein
religiöses Zwittergeschöpf, und als bis jetzt durchaus
keiner Religion angehörig" erklärte, und deßhalb die
christliche Behörde — Anspielungen auf das Jahr 1843 ein¬
mischend und den „Deckmantel der Humanität" beargwöhnend,
unter welchem die „Reformsucht" wirke — geradezu anging,
jenen Vater zur Beschneidung seines Sohnes zu zwingen. Die
Behörde wies diese Klage ab, mit der Hinzufügung, daß sie den,
Rabbiner rathe, den in Rede stehenden Knaben um so eifriger
in den mosaischen Neligionsgrundsätzen zu unterrichten, als es
für den Rabbiner ein nur um so größerer Triumph sein müßte,
wenn der Knabe, zur Selbstbestimmung gelangt, sich freiwillig
der Operation unterziehen würde. Der Rabbiner aber folgte die¬
sem Rathe nicht, sondern appellirte an eine höhere Instanz. Auch
diese wies die Klage ab, mit demselben Bedeuten, daß es die
Pflicht des jüdischen Neligionslehrers sei, einem solchen Kinde
nur um so eifriger den Religionsunterricht zu ertheilen. -- Auch
dabei glaubte der Rabbiner sich nicht beruhigen zu sollen; er
wendete sich an die höchste Instanz nach Wien, und von dort
kam, wie die öffentlichen BlMer melden, der Bescheid insofern
im Sinne der Anklage, daß gesagt wird, es könne kein Rabbiner
gezwungen werden, einen unbeschnittenen Knaben als Mitglied
der israelitischen Cultusgemeinde anzusehen, da hierzu „die Ve-
schneidung als das unumgängliche Mo m e n t stets gelte. ^ —
Allein die allerhöchste Entscheidung fügt diesem noch die Alter¬
native bei, daß der betreffende Vater anzuweisen sei — da ohne
bestimmte Religion kein Unterthan geduldet werden könne —
seinen Sohn entweder beschneiden oder sofort tllusell
zu la ssen.
Soweit der bisherige, in die Oeffentlichkeit gedrungene Ver¬
lauf der Sache. — Für welches von den beiden gliedern der
Alternative der Vater sich entscheiden, oder ob'er, Beides ver¬
meidend, ein Land verlassen werde, wo zum polizeilichen Reli-
glonSzwang die Regierung von den eigenen Religionsgenossen
aufgestachelt wird, ferner ob der betreffende Rabbiner nunmehr
und zwar noch weit energischer, gegen die andere Seite der Alter¬
native, gegen den TltNfzwang. auftreten und die Regierung
— sä libitum — als Substitut des Lstd-Viv nur in Be¬
treff des INItt (Bcschneidungszwanges) anerkennen, ihr
aber unter ^eder Bedingung das Recht ^ttlt^Q NNtt "NV!^
(ein e Seele dem Jsraelitenthum gewaltsam zu entreißen) absprechen
werde —darüber sind uns bis jetzt Nachrichten nicht zugegangen.