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Lebensweise, die Manieren, die Bräuche und Inter¬
essen der Argentinier angeeignet.
Am meisten aber hat Krjukow in Erstaunen
gesetzt, daß sich bei den jüdischen Kolonisten
Argentiniens ein richtiges landwirtschaftliches Leben
entwickelt. Die Leute verschmelzen mit der Land¬
wirtschaft, weil sie sehen, daß ihre Arbeit keine
verlorene ist, die sie zu steigendem Wohlstand führt.
In Argentinien sei der Beweis geliefert, daß man
bei einer gewissen Organisation, bei einer gewissen
Verausgabung von Mitteln die in schmutzigen Städchen
eingepferchte jüdische Bevölkerung in Landwirte
umwandeln könne. Nur müsse man im Auge behalten,
daß sich eine solche Umwandlung natürlich, nicht
durch den Erlaß dieses oder jenes Gesetzes, sondern
nur durch eine praktische Organisation, durch ein
teilnahmsvolles Verhalten zu der Bevölkerung er¬
reichen lasse.
Literatur.
Dr. Felix Pinkus, Studien zur Wirtschafts-
steilung der Juden. Berlin 1905. 5ö S. 1 M.
Die These des Verfassers ist: Die Wirtschafts¬
weise der Juden war schon vor der Zerstörung ihres
nationalen Staatswesens ebenso wie bei den Phöni¬
ziern, Griechen und den Römern der Kaiserzeit die
kapitalistische, d. h. durch das Erwerbsstreben des
Einzelnen beherrschte. Während die Phönizier,
Griechen und Römer in den Stürmen der Völker¬
wanderung untergingen, blieben die Juden erhalten
und behielten ihre kapitalistische Wirtschaftsweise
bei. Da alle diejenigen Völker, die durch die Völker¬
wanderung die Herren Europas geworden waren,
noch auf der Stufe einer von ethischen Gesichts¬
punkten beherrschten, antikapitalistischen Natural¬
wirtschaft standen und darin verharrten, (wie das
am schärfsten in dem Zinsverbote des kanonischen
Rechtes zum Ausdrucke kam), „waren die Juden in¬
mitten der neuen Naturalwirtschaft der Träger ab¬
gelebter, aber doch nicht toter (Wirtschafts-j Formen".
(Be ter Beweis: ihre Befreiung vom kanonischen
Zinsverbot.) Hierdurch wurde ein Antagonismus
erzeugt; die christlichen Völker empfanden die
kapitalistische Wirtschaftsweise der Juden selbst¬
verständlich nicht als eine höhere Wirtschaftsform,
sondern als einen Ausfluß der besonderen Ver¬
schlagenheit der Jaden. Dies hatte Haß uud weiter¬
hin die Judenbedrückungen im Gefolge, als deren
letzter —also auf wirtschaftlichen Motiven beruhender
— Ausläufer der heutige Antisemitismus zu betrachten
ist. Der letztere ist, wo er auftritt, immer ein
Zeichen, daß das Land die kapitalistische Wirtschafts¬
weise noch nicht völlig adoptiert hat und deshalb
den rein kapitalistisch wirtschaftenden Juden als
eine übermächtige Konkurrenz empfindet. Wo der
Antisemitismus sich auch in zweifellos bereits völlig
von der kapitalistischen Wirtschaftform beherrschten
Ländern zeigt, wie z. B. in England und Amerika,
hat er seine Ursache nicht mehr im Hasse gegen
den jüdischen Kapitalisten, sondern in dem Hasse
gegen den einwandernden jüdischen Proletarier, von
dem Lohnunterbietung und Herabdriiekung der
nationalen Lebenshaltung befürchtet wird.
Wir halten die Ausführungen des Verfassers im
ganzen für zutreffend; manches davon ist ja schon
früher von Depping, Stobbe, Roscher und Sombart
gesagt worden; aber es ist wertvoll, daß der Ver¬
fasser das dort leicht hingeworfene weiter entwickelt,
systematisch verarbeitet und scharf lieraus-
gemeißeit hat.
Ob allerdings der Verfasser mit Recht glauben
kann, durch seine Schrift die bisher (Sombart)
übliche Heranziehung des „ Handelsgeistes" der Juden
als einer Ursache in der Geschichte ihrer Wirtschaft
überflüssig gemacht und mit der materialistischen
Geschichtsauffassung, deren Anhänger er ist, als
letzte Ursache in der Wirtschaftsgeschichte der
Juden bestimmte ökonomische Bedingungen auf¬
gezeigt zu haben? Es spricht vieles für die
Annahme, daß die Juden im Verhältnis zu den
Christen nicht nur eine andere Wirtschaftsform,
sondern auch bereits eine andere Geistesanlage aus
dem Altertum ins Mittelalter hinüberbrachten. Der
Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung
kann zwar einwenden, daß diese andere Geistes-
richtung dann eben auch ihren Grund darin habe,
daß die Juden bereits im Altertum kapitalistisch
gewirtschaftet hätten. Aber der Geschichtsschreiber
darf, wenn er sich nicht ins Unendliche verlieren
will, (im Gegensatz zur Naturwissenschaft) sich nicht
darauf verlegen, zu jeder geschichtlichen Erscheinung
ihre unendliche Ursachenreihe auffinden zu wollen.
Er muß irgendwo in der Vergangenheit einmal etwas
gegebenes ais gegebenes hinnehmen. Und ob als
dieses letzte Gegebene in der Geschichte besser die
verschiedenen Eigenschaften der menschlichen Rassen
oder ihre verschiedenen ökonomischen Verhältnisse
angenommen werden — über dieses Grundproblem
aller Geschichtsschreibung ist das letzte Wort noch
lange nicht gesprochen. ^ r
Berichtigung.
In dem Artikel von Dr. S. Weißenberg: „Das
jüdische Rassenproblem" in der vorigen Nummer
der Zeitschrift sind auf S. 6 rechte Spalte Zeile 19
von oben durch ein Versehen des Setzers einige
Worte ausgelassen worden. Es muß daselbst heißen:
„Der höhere Prozentsatz der Langköpfigkeit bei den
New Yorker Juden, deren Heimatsland hauptsächlich
Osteuropa war, ist vielleicht dadurch zu erklären,
daß unter ihnen sich auch einige aus Palästina und
Afrika befanden, und diese letzteren nicht berück¬
sichtigt zu haben, ist entschieden als ein Fehler der
sonst fleißigen Arbeit Fishberg's zu betrachten."
Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Arthur Kupp in, Cliarlottenburg. — Verlag des Bureaus für Statistik der Juden,
Haleusee. — Druck von K. Boll. Berlin.