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rechtliche Natur der Staatsangehörigkeit und ]
Naturalisation sind ebenso und besser in jedem j
Kompendium des Staatsrechts zu lesen. Und was j
das Buch sonst an historischem und statistischem j
Material über die rumänischen Juden enthält, ist j
sehr dürftig und mitunter aus sehr zweifelhaften j
Quellen geschöpft.
Um mit ein paar Worten auf den Inhalt des
Buches einzugehen, so ist es dem Verfasser um j
den Nachweis zu tun, daß die rumänischen Juden \
erst im Laufe des 19. Jahrhunderts gegen den Willen
der rumänischen Regierung und mit Uebertretung
der rumänischen Gesetze, welche die Einwanderung
verboten, in Rumänien eingewandert seien- Sie
hätten hiernach weder einen rechtlichen noch einen
moralischen Anspruch darauf, das rumänische
Bürgerrecht zu erhalten. Richtig sei zwar, daß
durch Artikel 44 des Berliner Vertrages von 1878
den Juden die volle politische Gleichberechtigung
in Rumänien gewährleistet werden sollte. Aber die
rumänische Regierung habe sich mit Recht der Aus¬
führung des Artikel 44 widersetzt, da das Lebens¬
interesse des rumänischen Staates gefährdet sei,
wenn die Juden die volle Gleichberechtigung er¬
hielten.
Man dürfte erwarten, daß der Verfasser nun
den Beweis für diese letztere Behauptung in exakter
Weise anträte. Statt dessen finden wir — durch
das ganze Buch zerstreut — nur vage Behauptungen,
daß die Juden durch den Branntwein verkauf das
Volk verdürben, daß sie sich stärker als die christ¬
lichen Rumänen vermehrten und daß sie als
Kaufleute und Handwerker durch größere Geschick¬
lichkeit und Erfahrung den Christen unerträgliche
Konkurrenton seien. Davon, daß die Juden an der
kommerziellen und industriellen Entwicklung des
Landes den hervorragendsten Anteil genommen
haben und nehmen und daß ihre Elimination den
Zusammenbruch der jungen rumänischen Industrie
bedeuten würde, findet sich in dem Buch keine
Silbe. Der Verfasser kennt nicht einmal den im
Jahre 1904 von der rumänischen Regierung heraus¬
gegebenen Bericht über die rumänische Industrie-
Enquete, sondern benutzt zweite und veraltete
Quellen. Das gilt für alle statistischen Angaben.
Für die Geburtenhäufigkeit der Juden in Deutsch¬
land und Frankreich kennt der Verfasser z. B. keine
neueren Daten als für die Jahre 1848 und 1850. Auf
Seite 22 berechnet er die Zahl der Juden in der
Moldau für das Jahr 1803 auf 3000 Familien oder
12 000 Seelen und nimmt diese Zahl zur Grundlage
für alle weiteren Ausführungen, welche die rapide
Vermehrung der rumänischen Juden beweisen sollen.
In Wirklichkeit betrug aber — nach Ausmerzung
eines Additionsfehlers in der Tabelle auf S. 21 —
die Zahl der jüdischen Familien 3600 bis 3700 und
dies entspricht einer Seelenzahl von mindestens
20 000 Juden. Damit fallen alle an die Existenz
von nur 12 000 Juden geknüpften Folgerungen ins
Wasser.
Alles in allem: wieder einer der vielen Beiträge
zur Judenfrage, die nichts zur Klärung beitragen,
weil sie neben wenigen unsystematischen und unzu¬
verlässigen tatsächlichen Angaben nur subjektive
Gedanken des Verfassers bringen und aus Mangel
an geeignetem Tatsachenmaterial dem Leser keine
Möglichkeit geben, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
A. R.
The Jewish Year Book. An Annual Record of
Matters Jewish 5666. (London 1905).
The American Jewish Jewish Year Book 5666;
(Philadelphia 1905).
Das englische Jewish Year Book, herausgegeben
von Isidor Harris, liegt im 10., das amerikanische
Jewish Year Book, herausgegeben von Cyrus Adler
und Henrietta Szold, liegt im 7. Jahrgange vor.
Beide Bücher, in ihrer Anlage überhaupt sehr ähnlich,
haben die gleichen Vorzüge und die gleichen Mängel.
Zu den Vorzügen rechnen wir die glänzende äußere
Ausstattung und die systematische Gliederung des
Inhalts, zu den Mängeln dagegen, daß sie sich zu
viel mit den Personen und zu wenig mit den Dingen
und Vorgängen innerhalb des Judentums beschäftigen.
Das englische Jahrbuch bringt in jedem Jahrgange
eine > uns völlig überflüssig erscheinende Rubrik
„ Jewish Peerage and Baronetage " auf mehr als einem
Dutzend Seiten und eine ebenso lange Rubrik» Anido-
Jewish Celebrities", während die Personalbeschrei¬
bungen in der Rubrik ; ,Who is who in British
Jewry" so.iar an 100 Seiten einnehmen. Die Sta¬
tistik der Juden, deren Behandlung sonst dem Buche
als Verdienst anzurechnen ist, wird dagegen auf
10 Seiten abgetan. In noch höherem Maße gilt das
eben Gesagte von dem amerikanischen Jahrbuche,
das fast zur Hälfte des Inhalts aus biographischen
Mitteilungen über amerikanische Juden bestehe.
Sollten die englisch lesenden Juden wirklich
gerade diese literarische Kost verlangen? A. R.
Uebungen auf dem Gebiete der Sta¬
tistik und Demographie der Juden.
Seminaristische Uebungen dieser Art werden in
diesem "W.-S. in den Räumen der jüdischen Lese¬
halle in München unter der Leitung des Vor¬
sitzenden des dortigen Vereins für Statistik der
Juden, Dr. Cohen, jeden zweiten Sonntag im
Monat Vorm. 10—12 Uhr abgehalten. Es wird
ein Referat erstattet und Diskussion gepflogen.
Bisher sprachen: Dr. Batke über die Volkszählung
1905, namentlich in Beziehimg auf die Erhebung
der Konfession; stud. Teilhaber über die von ihm
i vorgeschlagene Erhebung betr. die jüdischen
| Studenten in Bayern; Dr. Straus über die baye-
| rische Unterrichtsstatistik und ihre Ergebnisse
I hinsichtlich der Juden. Die beiden letzten
! Uebungen waren von etwa 30 Personen, meistens
I Studenten, besucht. Am Schlüsse derselben
j wurden aus je 5 Personen bestehende Kommis-
| sionen gebildet, welche die betr. Prägen und die
i vorgebrachten Anregungen weiter verarbeiten und
! verfolgen sollen.
Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Arthur Rnppin, Charlottenbnrg. — Verlag des Bureaus für Statistik der Jnden,
Halensee. — Drnck von R. Boll, Berlin.