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Frauen-Vereine bildet die Ausübung:
religiöser Gebräuche bei Sterben¬
den und gestorbenen weiblichen ;
Personen, ähnlich wie bei den Männer-
Vereinen, den sogenannten heiligen Bruder¬
schaften oder Chewras-Kadischas. Man darf
wohl annehmen, daß von fast allen Frauen-
Vereinen diese Pflicht erfüllt wird, die haupt- \
sächlich in der Totenwache, im Waschen ;
und Kleiden der Toten, im Liefern der
Leichenwäsche, welche im Frauen-Verein
selbst hergestellt ist, besteht. Es ist nicht I
ausgeschlossen, daß bei sehr vielen Vereinen j
die Ausübung dieser Gebräuche den Anstoß \
zur Bildung des Frauen-Vereins gegeben
hat, und in den kleineren Gemeinden bildet j
sie fast den ausschließlichen Zweck desselben. I
Wir kennen in Deutschland auch eigene •
Frauen-Chewras-Kadischas, so die Chewra- !
Kadischa in Heidelberg, die dort 1891 gegrün- |
det wurde. Aber auch dieser Verein ^orgt, wie j
aus dem Bericht hervorgeht, für Kranke und j
arme Personen, denn nahezu die Hälfte !
der Ausgaben im Jahre 1911, nämlich 654 M. \
von insgesamt 1561 M. war für bedürftige j
Kranke und Verpflegung derselben bestimmt, j
Ein besonderes Kapitel bildet die Kinder- j
Fürsorge, der sich neuerdings die jüdischen ]
Frauen-Vereine in starkem Maße widmen. \
Wir verstehen darunter die Fürsorge für \
kranke und schwächliche, sowie erholungs¬
bedürftige Kinder, welche von ihnen in Ferien¬
kolonien und in Kinderheilstätten geschickt ;
werden. Ferner die Speisung und Beklei- \
dung von Schulkindern, die Gründung von :
Säuglingsmilchküchen, Kindergärten, Kinder¬
heimen und Kinderhorten usw. Im einzel- 1
nen wird an den betreffenden Stellen (im ;
Kapitel Jugendfürsorge) hierüber ausführlich j
gehandelt. Die Bekleidung armer Kinder ;
erfolgt in der Regel durch Channukah- und
Purim-Bescherungen. Die Veranstaltung von
Bescherungen lag früher häufig in den Hän- i
den der Jungfrauen-Vereine, welche ur¬
sprünglich zu dem Zweck gegründet waren,
arme Bräute auszustatten und arme Kinder
zu bekleiden. Sie haben indessen, wie wir
bald sehen werden, ihren Aufgabenkreis sehr
erweitert.
Etwas eingehender müssen wir ein
weiteres Gebiet der Frauen - Vereine, das
von immer größerer Bedeutung wird, be¬
rühren, nämlich die Fürsorge für
die schulentlassene weibliche
Jugend, die Heranbildung derselben zu
einem Berufe, die Ausbildung für die
Hauswirtschaft, die Unterbringung in Ge¬
schäften usw. Hier betätigen sich nament¬
lich die Jungfrauen- Vereine, von
denen vorhin die Rede war, Sie sind
unbemittelten Mädchen zur Erlangung
einer selbständigen Existenz behilflich, so
in Beuthen, Stuttgart, Breslau. Besonders
weitreichend ist das Tätigkeitsgebiet des
Breslauer Jungfrauen-Vereins, dessen Zweck
nach der Satzung die Beförderung ehren¬
hafter Erwerbstätigkeit unter den armen
Mädchen am Orte ist, namentlich die Her¬
anbildung zu einem ihren Fähigkeiten an¬
gemessenen Lebensberufe, sowie Unter¬
stützung Belohnung verdienenden Fleißes.
Der Verein gewährt Unterstützungen:
a) zu dem Zweck einer Ausbildung für
Lehrerinnen, Erzieherinnen in öffentlichen
Lehranstalten,
b) zur Erlernung einer den künftigen Lebens-
unterhalt sichernden gewerblichen oder
hauswirtschaftlichen Tätigkeit,
c) Prämien an weibliche Dienstboten,
d) ausnahmsweise vorübergehende bare
Geldunterstützungen an weibliche Per¬
sonen, die sich durch ihrer Hände Arbeit
ernähren, und ohne ihr Verschulden
erwerbsunfähig geworden sind. Dann
auch Gewährung von Schulgeld an Schü-