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nicht Platz greifen soll, ist es jedoch für den unbefangenen
und wahrhaft ernsten Forscher ein mißlicher Umstand, daß
ihm bei näherem Eingehen fn die neueren kritischen Arbeiten
oft überraschend entgegentritt, nicht allein wie leichtsinnig,
sondern sogar fast wie hämisch dabesi viele, sonst ausgezeich¬
nete Exegeten zu Werke gegangen sind, indem sie die klein¬
sten, leicht zu ordnenden Auffälligkeiten mit einer Härte des
Urtheils ausgefaßt, die Einem das größte Mißtrauen zu ih¬
nen selbst einflößt. Als ein ganz besonderes Beispiel, und
dessen Widerlegung heben wir eine Kommentarstelle aus des
genannten Bibelwerkes sechster Lieferung zum 1. B. Mos.
Kap. 40. V. 1. hervor.
„Unser Kap. insonders war es, welches den neueren
Kritikern zur Grundlage diente, um dem ersten B. Mosch,
einen spätem Ursprung nachzuweisen. Denn de? in demsel¬
ben der Traum des Oberschenken den Weinbau in Aegyp¬
ten zu Josephs Zeit voraussetzt, so wollte man, gestützt auf
eine Stelle im Herodot 2, 77, wo derselbe sagt, es gäbe
dort keine Weinstöcke (iv rfi x^QV sehr ungenau), und
man trinke eine Art Bier, den Weinbau in so hohem Al¬
ter nicht statt finden lassen — folglich gehöre die ganze Er¬
zählung einer spätem Zeit an. Wie aber, wenn Herodot
dennoch den Wein in Aeg. an einer andern Stelle als vor¬
handen angibt? II, 36. berichtet er, daß jedem ägypt.
Priester täglich nebst Gänse- und Rindfleisch auch Wein
gereicht werde, (vgl. nawa tPiiniDP pN “O 47, 22),
und zwar ausdrücklich Traubenwein, nicht Obst- oder
Gerstenwein (SiSoza dt ocpi y.ui oivov a^int’kiv ov,)
und II. 39 läßt er sie Wein bei den Opfern gebrauchen —
was doch Beides einen sehr bedeutenden Verbrauch an Wein
voraussetzt, eine regelmäßige Einfuhr fremden Weines in
diesen Zeiten aber noch nicht zu denken ist. Was anders
erweist dies nun, als daß Herodot bei dem ägypt. Volke
nicht wie bei dem griechischen den Wein als gewöhnliches
Gzttstnk, und deshalb den Weinbau nicht fo bedeutend wie
in Asien und Griechenland vorfand, wohingegen der Wein
doch vielfach gebraucht, und also auch an einzelnen Orten
gebaut ward. Dies erweisen denn auch andere Schriftstel¬
ler. Nach Athenäus und Oiodor baute man die Weinrebe
in mehreren Nomen des Landes, der letztere, Strabo, Plk-
nkus sprechen von mehreren Sorten von Koptos, Fayoum,
Alexandrien, von thacischem Weine rc. Diodor laßt die
Einführung des Weinbaus in Aeg. sogar dem Osiris zu¬
schreiben, also dem fabelhaftesten Alterthume.— Wie konnte
man nun so kühn sein, auf jene wenigen allzubeiläusigen
Worte des Herodot hin, die Autorität unsres Buches in
Frage zu stellen? Hatte man nicht, selbst wenn Me diese'
Gegenzeugnisse nicht gewesen, bedenken sollen, daß zwischen
Joseph und Herodot über 13 Jahrhunderte verflossen, in
denen bei mehrfachen politischen und religiösen Umwälzun¬
gen die Gestalt des Landes sich mehrfach verändern konnte,
eben so wie jetzt wenig Wein in Aegypten gefunden wird,
weil seinen Bau der Islam nicht duldet? Hätte nicht ge¬
rade der Bericht uns. Kap.', wo der Schenke unmittelbar
die Weinbeeren über dem Becher zerdrückt, und ihn sofort
dem Könige reicht, auf eine noch rohe Bereitungsweise deu¬
ten müssen, die das hohe Alterthum gänzlich bekundet, und
die man in Palästina selbst gar nicht kannte? Setzte denn,
im schlimmsten Falle, ein Weinberg des Königs einen all¬
gemeinen Weinbau voraus?— Aber wir haben auch noch
direkte Beweise, daß der Wein in Aegypten wirklich im
höchsten Alterthume, und zwar auf fehr ausgebildete Weise
cultkvirt wurde. Regnker, Champollkon, Wilkinson und Mk-
nutolk haben in der Umgegend von Beni-Hassan, Theben
und den großen Pyramiden Hieroglyphen, und in den Gra¬
besgrotten Abbildungen, die sich auf die Kultur des Wein¬
stocks beziehen,, gefunden. Diese Grabesgrotten von Beni-
Hassan reichen über das Zeitalter Josephs hinaus, die in
der Nähe der Pyramiden sind noch älter, Theben selbst
reicht bis in das dunkelste Alterthum hinauf, und fo zeigen
diese Abbildungen hinlänglich, wie hoch hinauf wir auch in
Aegypten die Weinkultur zu setzen haben. Jene Abbildun¬
gen, die Wilkinson getreu wiedergkebt, zeigen den Bau der
Reben an Wänden, Geländern, in Lauben und Bogengän¬
gen, (nicht aber, an Bäumen wie bei den Römern.) Die
reifen Trauben (im Monat Epkphi, der am 25. Juni be¬
ginnt,) wurden in tiefe Körbe oder Kübel geschüttet, die auf
dem Kopfe, f. Abb. No. 1?), oder dem Arme, auf der
linken Schulter, oder auf einer Trage auf beiden Schultern
zur Weinpresse getragen wurden. Die Trauben wurden
theils durch Fuß - oder Handpressen gepreßt. Die Fußpresse
-war ein angemessenes Gestell mit Kapital und bemalten
Säulen, wobei sich die Leute an Stricken fest hielten, f.
Abb. No. 2. Die Handpressen waren der Art, daß die
Trauben in einen großen Sack geschüttet, und nun der
Sack, entweder vermittelst einer Schleife, s. No. 3, oder
mit Stöcken in einer sehr eigenthümlichen Procedur, s.-No.
4, gedreht ward, so daß der Traubensaft in ein darunter
gestelltes Gefäß lief. Die Abbildungen Wilkknson's zeigen
noch, wie der Wein in Jarren geschüttet, und öfters von
ägyptischen Damen und Herren bis zum Uebermaße genos¬
sen ward, wie sich denn einige Gruppen zeigen, in denen
betrunkene Herren von ihren Dienern heimgetragen werden.
Beim Abdruck dieser Bemerkungen erhalten wir einen eige-
•) Die Abbildungen selbst gestattet uns der Raum nicht zu
geben, und müssen wir auf das Bibelwerk selbst verweisen.