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Korrespondenz.
Wanderung durch Krakau, Galizien,
Bukowina, Moldau und Wallachei.
' (Fortsetzung.)
Als wir nahe am Stadtgärtchen waren, sagte mir
mein Brodyec Mentor: „Sehen Sie, hier gehet man
eigentlich nicht'spazieren., sondern man drehet sich spa¬
zieren. Denn die Anlage - ist so beschränkt, daß man,
um einen gewöhnlichen Spaziergang zurückzulegen nicht
in gerader Linie vorwärts, sondern im Kreise sich herum
bewegen muß; indessen was thut's? — Ja,' unser Stadt-
gartchen hat darum viele Vorzüge; erstens . daß man
darin ewig, herumspazieren kann, wahrend doch sonst
die allergrößten Alleen bald durchschritten werden; zwei¬
tens stehet man sich immer bei jeder Tour wieder, an¬
statt daß man sonst auf einer .Promenade einander in
der Regel nur einmal begegnen kann; drittens entspricht
so ein Spaziergang da philologisch am meisten dem Aus¬
drucke Promenaden-Tour; viertens ist es unse r Stadt-
gärtchm; fünftens und sechstens und siebentens werden
Sie ja selbst sehen; also hinein!" und — wir waren
im Stadtgärtchen und ev ixso schon in einer Tour
(hebräisch: Hakufe) begriffen.-Der erste Anblick
überraschte mich. Denn wie ln einer Feenwelt spiegelten
sich in den sanften Strahlen des Silbermondes lausende
und aber tausende Diamanten und Edelsteinen in ihrer
tausendfältigen Pracht und Herrlichkeit, auf den Häup¬
tern von Schönheit, und Jugend, die'einem Feenreich
entnommen zu sein schienen. — Dazu jene regsame
Lebendigkeit, jenes ewige Wiederauftauchen und Ver¬
schwinden fesselender Erscheinungen; alles deutete -eine
Zauberwelt. an. — „Sehen Sie, sagte zu mir mein
Führer,, dieser Glanz ist unser Ruin, diese im Mondes¬
licht sich so schön abspiegelenden. Edelsteine sind eben so
viele mächtige unedle Steine, die auf unserem Herzen,
auf unserem Wohlstände und auf unserem ganzen Fa-,
milienglück lasten — bis zum Erdrücken. Und da hörte
ich alle die Gründe gegen das verhängnißvolle Stern-
tüchel wiederholen, die wir oben summarisch unfern Le¬
sern mitgetheilt haben, nur noch mit dem Beisatze, daß
zu den vielen Schwindsüchten, die in Brody unter der
weiblichen Jugend so gewaltig herrschen, der Sternbin-
del-Neid nicht die geringste causa oeeasioualis abgiebt.
— Wir näherten uns nun aufmerksam den Gruppen,
und wie groß war" mein Erstaunen, eine polnisch -jüdi¬
sche Jugend in ihrem-Nationalkostüm, am äußersten
Osten der östreichischen Monarchie sich in einem halben
Dutzend Sprachen geläufig unterhalten, zu hören.
Denn deutsch, französisch, italienisch, englisch, russisch
und — jüdisch-deutsch kamen abwechselnd an die Reihe.
— „Wundern Sie -sich darüber nicht, bemerkte mir mein
Freund', unsere Jugend beschäftiget sich ausschließlich mit
Sprachstudien. Unsere Lage — als Handelsstadt — un¬
sere vielseitigen kommerziellen Verbindungen mit. fast al¬
len Nationen Europa's, erfordern dieses. Mit der Kennt-
niß der fremden Sprachen verbindet unsere bessere Ju¬
gend in der That aber auch die Kenntniß fremder Lite-'
raturen. Sie ist daher gleichsam universell-belletristisch.
Die Vortheile dieser Bildungsrichtung lassen sich aller¬
dings nicht abstreilen; sie befördert die ästhetische Vered¬
lung im Menschen, sie lehrt ihn wahrhaft empfinden,
das Schöne lieben, das Lächerliche verachten, sie führt
ihn in das Reich seines höhern Gefühlslebens ein, und
bringt so den Menschen in seiner gemüthlichen Tiefe und
Herrlichkeit zur innern Anschauung — allein des Her-,
zens wegen, muß aber auch der Kopf nicht vernachlässi¬
get werden, und so muß man daher andererseits wieder
gestehen, daß die ganze Bildung unserer Jugend mei¬
stens eine Halbbildung ist, in so fern sie einer wissen¬
schaftlichen Basis entbehrt, die klassischen Sprachen, die
exakten Verstandeswissenschaften so wie jene edelste der
Vernunftwissenschaften — die Philosophie — gänzlich
übersi'ehet, ja selbst mit der, in der neuesten Zeit so
ruhmvoll cmporgeschwungenen Wissenschaft des Juden¬
thums gänzlich unbekannt, laßt. ~ Die daraus entstehen¬
den moralischen. Gebrechen sind zahlreich und inhalts¬
schwer. Denn der Mangel an wissenschaftlichen Prin¬
zipien führt erstens mit sich nothwendig den Mangel ei¬
ner festen Lebensrichtung und einer energischen Durch¬
führung derselben. Die Ungeübtheit mit tieferem logischem
Nachdenken benimmt auch die Fähigkeit, die wichtigsten
Lebensverhaltnisse eines Individuums und besonders ei¬
ner Gesammtheit, in ihrer sozialen Bedeutsamkeit
genau zu übersehen und mit strengem Forfchrrblick sie bis
in ihre tiefsten Wurzeln zu Verfölgen. — Daher bis
zur Stunde in unserem intelligenten Brody in Gemein¬
deangelegenheiten so wenig geschehen ist, was Fortschritt
und Reform deutlich beurkunden könnte; daher da jener
ewige Zwiespalt zwischen. Wollen und Geschehenlas¬
sen. Die Mehrzahl will den Fortschritt, sie will die
sie drückenden verjährten Mißbrauche und Auswüchse in