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Darmstadt, 30. Mai. Zn der heutigen SiWg
der zweiten Kammer der GtqM mrrdH her LUtrag des
AhtzehrdHWy Glaubrtzch auf „AMchqug Artikel
7—11 des die Israeliten in Rheinhessen bedrückenden
kaiserlich französischen Dekrets vom 17. März 1808" (Ju¬
denpatent) einstimmig angenommen.
Mainz, 31. Mai. Mit der Aufhebung des famo¬
sen Judenpatents ist das Vermögen der redlichsten Israe¬
liten nicht mehr den Launen böser Schuldner preisgege-
ben und die Richter sind nicht mehr in der Lage, die ge¬
rechteste Schuldforderung abzuweisen, wenn zufällig der
jüdische Kreditor es unter seiner Würde gehalten hat,
jährlich ein Moralitätspatent sich von dreien Behörden
ausstellen zu lassen. Dieses kaiserliche AusuahmSgesetz,
das in Frankreich längst der verdienten Vernichtung über¬
geben worden ist, war eine nutzlose Erniedrigung des bes¬
sern Theils der Juden, während es der wahrhafte Wuche¬
rer ganz leicht zu umgehen wußte.
—. Somit ist dieses Gesetz in Frankreich, Rhein¬
preußen und Rheinhessen beseitigt, und drückt allein noch
auf die Juden in — Rheinbaiern.
Was und wie im Indenthume refor-
mirt werden soll?
(Fortsetzung.)
Wir haben aber die Frage vom Gottesdienste
noch von einer ganz andern Seite in's Auge zu fassen.
Es ist Faktum, daß ein sehr großer Theil der ge¬
werbetreibenden Israeliten am Sabbat sich nicht mehr der
weltlichen Beschäftigung entschlägt.
Es ist Faktum, daß, weil so viele Juden, die das¬
selbe Gewerbe betreiben, den Sabbat nicht mehr, höch¬
stens in häuslichen Beziehungen, halten, und weil die
Juden jetzt so viele Geschäfte betreiben, die in den Be¬
dingungen des allgemeinen bürgerlichen Verkehrs wur¬
zeln, ein großer Theil der gewerbetreibenden Israeliten
am Sabbat sich der weltlichen Beschäftigung nicht mehr
enthalten können, ohne ihre gewerbliche Existenz völlig
zu gefährden.
Es ist Faktum, daß dadurch ein großer Theil der
Israeliten von der Theilnahme am Gottesdienste, der am
Sabbat gehalten wird, exkludirt ist.
Es ist Faktum, daß insbesondere die, das Gewerbe
erlernende Jugend vom Gottesdienste exkludirt ist.
Es ist Faktum, daß, je mehr so viele Individuen
sich YM Ghtteßdienste rytfernL hsttm, sie vtznr Bedürf¬
nisse des Gottesdienstes ßch immer mehr entferMN, das¬
selbe in ihnen immer mchr erlischt.
So tief beklag enswerth diese Fakta vom religiö¬
sen Standpunkte auch sind: so sind sie Fakta, die Nie¬
mand leugnen kann, und — die kein Mensch zu än¬
dern vermag.
Du kannst mit Feuerzungen dagegen sprechen. Du
kannst beweisen, verdammen, zg überzeugen: aber zu
ändern vermagst Du sie nicht. Es sind dies Fakta, die
nicht vereinzelt stehen, die gegenwärtig in den meisten
Gemeinden vorhanden sind. (Sind doch, wie Augenzeu¬
gen 'mir versichern, selbst in Altona von 48 Kaufläden,
die Juden gehören — 43 am Sabbat geöffnet).
Was ist die Folge: in den Individuen das Verlöschen
alles religiösen Bedürfnisses, der religiösen Bewegung;
für das Ganze: die Leere der-Synagogen beim Gottes¬
dienste, die Gleichgültigkeit für Religion, der immer grö¬
ßere Verfall der Religion.
Da hilft wirklich aller verbesserter Gottesdienst nichts.
So lange der Reiz des Neuen, so lange der Kampf um
das Neue vorhanden ist, geht's an. Späterhin zieht der
Reiz des Geschäfts wieder von dannen. Eine oft gehörte
Klage von den Orten, wo der Gottesdienst wirklich ver¬
bessert worden.
Sollen wir nun diesen Fakta gegenüber die Augen
schließend Es ist dies wahrlich! nicht mehr Zeit, noch
eine kurze Zeit, und — es wird Vieles — zu spät sein.
Aber wie? Wir können leider! uns Alle jener Unge-
lenkigkeit noch immer nicht entledigen, die seit mehren
Jahrhunderten uns befangen macht, und der Gelenkigkeit
unsres Geistes so sehr Wiederpart hält. Andere Religions-
Parteien würden in dieser schwierigen Lage längst das
rechte Mittel gefunden haben.
Es gilt den Zweck: einem großen Theil der Is¬
raeliten den israelitischen Gottesdienst wie¬
der zugänglich, nämlich möglich und bequem
zu machen.
Nun? haben wir denn bloß den Gottesdienst am
Sabbat? Wir haben ihn ja an jedem Tage der Woche?
— Aber er ist in der Frühe, um sechs Uhr Morgens,
er wird eilfertig, ohne Erbauung, ohne Reiz, ohne Be¬
lehrung abgehalteu, es wird eine bestimmte Anzahl Ge¬
bete schnell abgefertigt, und damit Punktum? Dies hilft
Nichts.
Wohlan! so haltet den täglichen Gottesdienst am