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wiffermaßen feindliche Machte neben sich hat: so lange ist
auch das Leben kräftig, energisch in ihr, sie bildet sich
innen weiter, sie stärkt sich nach außen. Wenn sie aber
ihre Nachbaren und Gegner —nicht etwa durch die Macht
ihres Geistes überwunden, sondern durch die politische Ge¬
walt todtgeschlagen hat: dann verfällt die Schwestcr-
mörderin in Apathie, diel Sehnen erschlaffen, die Knochen
faulen, sie besteht zuletzt allein durch das mechanische Ge¬
wicht ihres Leichnams. Nun ist es hinlänglich bekannt,
daß gerade in der russisch-griechischen Kirche des Lebens,
der Geistesbewegung eine sehr geringe Summe vorhanden,
so daß sie eine europäischwissenschaftliche Bedeutung noch
niemals erlangt hat, ja die europäischen Gelehrten viel
mehr vom Islam, Buddhaismus, der Religion des Kon-
futse wissen, als von der russisch-griechischen Kirche: um
wie viel mehr droht ihr die Gefahr gänzlicher Verdum¬
pfung, wenn sie Alleinherrscherin ist innerhalb abgeschlosse¬
ner Grenzen. Dann steht jeder Athemzug still, und die
Kirche wird zu einem Kirchhof geworden sein, den
noch dazu der Schnee bedeckt.
Aber es kann auch ganz anders kommen. Die rus¬
sische Negierung kann sich nicht einbilden, daß, wenn sie
wirklich die zwei Millionen Juden durch Gewalt zu ihrer
Kirche gebracht hätte, jene auch dieser in der That ange¬
hören würden. Die Ueberzeugung läßt sich nicht kom-
mandiren; selbst die Knute fällt machtlos an ihr herab.
Wer, wie die Juden, durch die Beschäftigung des ganzen
Lebens mit dem Talmud und den Rabbinen und durch
die ununterbrochene Uebung zahlloser Religionsgebräuche
in seinem ganzen Wesen eins geworden mit seiner Reli¬
gion, und wer erst durch Roth, Jammer, Elend und Ge¬
walt davon losgerissen worden: der — werkt es Euch —
der umfaßt sein neues Bekenntnis; nicht mit
Liebe — sondern mit Haß! Mit einem Wyrte:
die russisch-griechische Kirche gewönne sich in den zwei
Millionen Juden, in denen sie jetzt nur zwei Millionen
demüthige Nach baren hat — zwei Millionen Feinde,
die um so gefährlicher, weil sie im Schooße der Kirche
selbst wühlen würden. Wessen Geistesprodukt und Gcistes-
objekt der Talmud war, der' beruhigt sich nicht mit
den to-dten Formeln einer ihm so feindlichen Kirche. Fürch¬
tet des Juden Grübeln, des Juden talmudgeschärften
Scharfsinn in Eurer Kirche! Nichts anders geht daraus
hervor als — die Zersetzung, die sich früher oder spä¬
ter mitten durch alle Gewalt Raum schafft, und eine
Zerfallenheit hervorbringt, der der gänzliche Verfall
auf den Fuß folgt.
Mögen immerhin Etliche über uns spotten, daß wir
Furcht einflößen wollen vor einem Ilntergehenden —- aber
der Biß in der Todesstunde ist der giftigste. Und wenn
Ihr saget:' was sollten wir uns vor den Juden fürchten?
so frage ich Euch noch einfacher: was können sie Euch
denn nützen,, daß Ihr sie gewaltsam zu den Eurigen
machen wollet?
Wir sind mit der Beleuchtung unsres Gegenstandes,
so weit der Raum und Zweck dieser Blätter reichen, zu
Ende. Aber Jedermann wird sich noch die Frage vor¬
legen: wie wäre dem vielleicht doch zu helfen?
Daß durch Bitten, Vorstellungen eben so wenig wie durch
Klagen, Vorwürfe etwas zu erreichen steht, mögen diese
Artikel doknmentiren. Wir würden sie nicht gegeben ha¬
ben, so auf irgeqd einem Wege Etwas zu bewirken Hoff¬
nung vorhanden. Daß der Plan, die Kolonisation der
Juden innerhalb Rußlands durch Geld von außen zu
unterstützen, der vor einiger Zeit im Schwange war, höchst
verfehlt .in seiner ganzen Idee ist, ersieht man alsbald,
wenn man das Ziel Rußlands, die Juden zur russisch-
griechischen Kirche zu bringen, erkannt hat. Ja, die ein¬
zige Abhülfe kann nur sein, da Rußland durchaus nur
eine Kirche haben will— daß die Juden aus.Ru߬
land entfernt werden. Also eine Uebersiede-
lnng der russischen Juden nach Amerika, nach
Australien, nach den Inseln der Südsee.
Wenn von Rußland irgend eine Konzession zu
erlangen ist: so ist es die der Erlaubuiß zur Aus¬
wanderung. Dies ist die'einzige, die zu erreichen man
sich schmeicheln darf. Dies ist die einzige, in deren Be¬
willigung ein Faktisches liegen würde. Alle anderen waren
nur auf'Schein. Bis jetzt ist Sibirien auf die Ent¬
fernung gesetzt — also die Erlaubuiß zur Auswanderung
müßte erwirkt werden.
Aber man wird die Möglichkeit der Ausfüh¬
rung bezweifeln. Freilich, die Mittel so klar hinzustellen,
daß man nur hinzugreifen brauchte, vermögen wir auch
nicht. Aber die Wirklichkeit ist meist mächtiger, that-
kräftiger und erfinderischer, als alles Entwerfen und Pläne-
Ersinnen. Die Auswanderung müßte nach uno nach
geschehen, so daß von Viertel'- zu. Vierteljahre eine be¬
stimmte Anzahl fortgeschafft würde. Und wenn sie so
dreißig und vierzig Jahre dauern würde. Die Geldmittel?
Würde ein solcher Plan, .nur irgend zu. nachdrücklicher
Verwirklichung kommen, so würden die europäischen Juden