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fahrt: denn so lange irgendwo Vorurtheilen und Gewalt
statt BiLigk-K <nsfc derechligkeit Rau« i »vkd,
m&tn fich tzene daselbst L»mkr VLeder ^a«ch «i« cn^ereu
Kreisen verspüren lassen. Aehnliches finden wir heute Ln
Bezug auf ganz Deutschland von einem christlichen
Schriftsteller in einer neuerdings erschienen Schrift: „Deut¬
sche Volkspolitik" ausgesprochen. S. 314—320 findet
sich daselbst ein kleiner Aufsatz, der „die deutschen Juden"
überschrieben ist, und aus welchem wir Einiges hervor¬
heben.
„Wie sehr das reaktionäre konservative Element selbst
den Völkern Deutschlands noch im Blute steckt, beweist
das Schicksal der deutschen Juden.... Es ist Ln nelle-
stcr Zeit allerdings hierin etwas besser geworden — aber
e6 geschieht zu wenig, und wenn auch mehr geschähe, es
wäre umsonst, weil eben Alles geschehen soll. Noch immer
ist der Wahn vorherrschend, es komme in der Iudensache
von christlicher Seite auf eine gnädige Herablassung, auf
eine christliche Barmherzigkeit an. Es ist bei Weitem ,
noch nicht zur Anerkennung durchgedrungen, daß es eine
strenge und ganz gemeine Rechtspsticht für uns ist, die
Juden Ln die bürgerliche Rechtsgleichheit eintreten zu lassen.
Von allen gewöhnlichen Bürgerlafien lassen wir sie gleichen
Anrheil mit uns tragen und legen ihnen überdies noch
einige besondere Lasten auf; aber von den gewöhnlichen
bürgerlichen Rechten, Ehren und Vorrheilen schließen wir
sie aus...."
„Das wirksamste Haupthinderniß der Judenerlösung
liegt unstreitig bloß in unseren christlichen Vorurtheilen
und persönlichen Antipathieen. Es giebt freisinnige Män¬
ner, welche es offen aussprechen, daß sie von unsrer Un¬
gerechtigkeit gegen die Juden vollkommen überzeugt sind,
daß sie aber dessenungeachtet durch ein gewisses Etwas,
durch ein angecrbtes, ja angebornes Vorurtheil, durch eine
unbezwingliche Abneigung verhindert seien, für die gänz¬
liche Aufhebung jener Ungerechtigkeit zu stimme». Allein
wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß in den jetzi¬
gen Volkszustanden der Juden noch mancherlei vorkomme,
was eine gewisse Abneigung erregen kann, und wenn es
ferner nur allzuwahr ist, daß die mit der Muttermilch
cingesogenen Vorurthcile das ganze Leben beherrschen; so
ist es doch eben für diejenigen Freisinnigen, die wirklich
von einem Vorurtheil, von einer Abneigung gegen das
Judenthum und gegen die Juden besessen sind, um der
allgemeinen Freiheit willen die dringendste Pflicht, für die
Judenfreiheit zu wirken. Denn lassen wir persönliche, an-
gecrbte Vorurthcile und Neigungen in politischen Dingen
gelten, so rechtfertigen wir dadurch die uns Allen feind¬
liche« HZ^vurchvile und Rer'gMWen.... S&k wir es den
Jude» machen, so macht mm -S uns...." — Wi r
möchten noch einen Schritt weiter gehen, als der Vrrf.,
und fragen: wie sich überhaupt diejenigen „Freisinnige"
nennen und dafür ausgeben können, welche eine Unge¬
rechtigkeit eingestehen, und dennoch eine enorme Zahl Mit¬
menschen, eines VorurtheilS, einer Abneigung wegen, der
bürgerlichen Rechte berauben und sie unter Ausnahms-
gesetzeu drücken? Was heißt freisinnig, wenn nicht dessen
Sinn frei von Vorurtheilen?
Alsdann zeigt der Verf., wie der Vorwand, daß die
Juden noch nicht reif.zur Gleichstellung seien, mit dem¬
selben Recht eben so in den politischen Instituten ange¬
wendet werde; wie, wenn mau die Beispiele von Frank¬
reich, Holland, Belgien, England rc. in Bezug auf die
Juden abweisen will, weil in Deutschland andere Ver¬
hältnisse wären, dasselbe auch bei anderen politischen For¬
derungen mit demselben Recht geschehen könne. Er schließt:
„Es i\t überdies geradezu gelogen, wenn behauptet
wird, die Juden würden sich niemals wahrhaft mit un-
serm Volksrhum vereinigen. Sie haben sich ja ungeachtet
aller Unterdrückung, Ausschließung und Beschimpfung be¬
reits so vollständig nationalisirt, daß Juden in den ersten
Reihen unserer patriotischen Kämpfer stehen. Sie haben
alle unsere inneren und äußeren Nationalkämpfe mit Treue
und Begeisterung mitgekämpft, sie sind in den fernsten
Wcltgegenden die Träger deutscher Sprache und Bildung,
zu allen unseren großen Nationalwerken haben fle Geist
und Gut beigesteuert, und auf allen Gebieten deutscher
Kunst, Wissenschaft und Literatur glänzen als Sterne
erster Größe jüdische Namen. Das also, was die Juden
für unser Nationalleben leisten, nehmen wir an, eignen
es uns zu, lassen es als deutsch gelten; den Juden selber
aber wollen wir den deutschen Charakter absprechen, wollen
sie von der deutschen Nationalität ausschließen unter dem
Vorwand, sie wollten und könnten nicht deutsch sein?!
Durch dieses ungerechte Verfahren beschimpfen wir die
deutsche Nationalität. Denn wenn die Juden nicht deutsch
sind, wenn sie nicht werth sind, eS zu werden, warum
uiurmt dann die große deutsche Nation von
den verachteten Fremdlingen Almosen an,
warum schmückt sie sich mit den geistigen Werken der¬
selben?"
„Bis zu welchem Grade unsere Juden deutsch sind,
beweist ein für unsre Kulturgeschichte äußerst merkwürdig
neuestes Beispiel, nämlich der Verfasser der Dorfgeschich-