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die natürlichste Folge davon, daß einerseits jedes Ge¬
setz, es mag welchen Lheil der Einwohnerschaft tref-
fen, immer bedeutend modifizirt wird in jeder Ge¬
richtsbarkeit nach dem verschiedenen Bildungsgrade,
individueller Ansicht, gesellschaftlichen Verhältnissen
der dortigen Stimmführer und zuweiligen herrschen¬
den Partei, und daß andererseits die Kräfte einer
jeden Regierung, mag sie nun wohlwollend oder be¬
schränkend gesinnt sein, kwduutend absorbirt werden.
— Daher läßt sich auch erklären, warum in Sieben¬
bürgen, trotzdem ein Gesetz die Juden einzig auf
Karlsburg, beschränkt, und die Regierung das Gesetz
lange Zeit aufrecht halten wollte, sie sich doch in al¬
len Gegenden, in vielen auch zahlreich finden; nur
daß wiederum, als dir Regierung die nun einmal
Angesiedelten in Schutz nimmt, sich dennoch einige
Komitate das Recht usurpirten, sie zu beschränken
und gar viele auszuweisen. Dem Beispiele Ungarns
folgend petitionirten die siebenbürger Juden beim
letzten Landtage um Verbesserung ihrer Lage, und
wahrscheinlich würde» auch die Stände dem von Un¬
garn 184V gegebenen Impulse gefolgt haben, wäre
nicht der Landtag plötzlich und resultatlos aufge¬
löst worden; jedoch ward die Angelegenheit einer
Deputation zur Begutachtung übergeben, deren
Operat dem bald zusammentretenden Landtage vor¬
gelegt werden wird; hoffen wir bis dahin das
Beste. — Doch leider steht die jüdische Genossen¬
schaft bei uns noch auf der niedrigsten Stufe der
Bildung, ohne Bewußtsein, ohne Wünsche, ohne Ei¬
nigkeit, und da kann es Niemand wundern, wenn
sie sich nicht großer Aufmerksamkeit zu erfreuen haben.
Vor Allem fehlt es ihnen an muthigen Vertheidigern
aus ihrer Mitte, die in allen Verhältnissen große Dienste
leisten könnten, wie auch in der Thal seitdem die talent¬
vollen, höchstgebildeten und der ungarischen Sprache
so mächtigen Herren Friedmann und Löw die
gerechte Sache in den Journalen so siegreich verthei-
digten, verstummten viele neuerdings erhobene Ver¬
dächtigungen und Beschuldigungen, während bei uns
sich kaum Einer findet, der so viel Bildung besäße,
um einen ordentlichen Aufsatz zu Stande zu brin¬
gen. Denn das kann jeder einigermaßen verständige
Mensch leicht einsehen, daß alles Heil für die Juden
Ungarns und Siebenbürgens nur von ihrem innigen
Anschließen an die Nationalität herdatiren wird, und
um diese zu verbreiten, sollten alle Gemeinden das
Möglichste thun: und auch in dieser Hinsicht zeich¬
nen sich die ungarischen vortheilhaft aus, wenn auch
manche Gemeinden öffentlich gerügt zu werden ver¬
dienen, die aus Galizien sich Rabbiner bestellen, die
dann nicht nur der Nationalität, sondern überhaupt
jedem Zeitgemäßen abhold sind, und um so mehr
muß das Ergebniß solcher Wahl allgemeine Entrüstung
verursachen, da in beiden Ländern von jedem noch
so unbedeutenden Amte Ausländer grundgesetzlich aus¬
geschlossen^ sind. Jedoch sind dies nur Ausnahmen
und die meisten Gemeinden hegen eine heilsame Scheu
gegen Ausländer, und es freute mich nicht wenig,
daß ich diesen Sommer auf meiner Durchreise in
Kascha» den jungen jüdischen Theologen vr. Rokkon-
stein einen ungarischen Vortrag halten zu hören Ge¬
legenheit hatte, der an schöner Anssprache, gediegenen
Ausdrücken und würdevollen Gesinnungen jedem christ¬
lichen Theologen zur Ehre gereichen würde, wie auch
dieser, meines Wissens, erste jüdisch-ungarische Vor¬
trag auf die Zuhörer aus allen Konfessionen den tief¬
sten Eindruck gemacht hat. Es charakterisirt aber
schön die siebenbürger Judenschaft, daß auch sie nun
einen Ungarn berufen hat; doch habe ich noch nicht
das Glück, ihn kennen zu lernen oder gehört zu ha¬
ben, und somit muß ich mich jedes Urtheils über ihn
enthalten. Die ungarischen Juden daher, es kann
lange nicht mehr währen, werden zum Mitgenuß
aller Vortheile, die das Staatsleben bietet, eingeladen
werden, da sie bereits den Weg eingeschlagen, auf
welchem sie sich selbst zu Eingebornen, durch und
durch zu Ungarn machen werden, was eben die sie¬
benbürger zu folgen haben: die ungarische Sprache
als Muttersprache zu sprechen, in Schule und Got¬
teshaus einzuführcn, und mit diesen wahrhaft natio¬
nale Gesinnungen in ihre Busen einzusaugen.
I. v. Cs.
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Aufforderung«
Das erledigte Amt eines Landesrabbiners für die
israelitischen Gemeinden in Mecklenburg-Schwerin ist
spätestens Michaelis k. I. wieder zu besetzen.