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wenn man das Joch des Leidens in der Jugend trägt,
denn er wird gewöhnt an das Elend, für das er gebo¬
ren, und es ist bester zu sein im Hause der Trauer als
in dem Hause der Lustbarkeit, damit man sich nie ver¬
gesse und übermüthig werde. So wisset, daß vor dreißig
Jahren wieder die Pest hier ausbrach und über zwanzig-
tausend Menschen hinwegraffte, denn sie wüthete ein hal¬
bes Jahr lang ohne Unterbrechung fort, und selbst alles
Bieh wurde von der giftigen Seuche ergriffen, daß es
umfiel wie die Mücken vor der Kalte. Der Verderber
tödtete auch meine Frau und meine Kinder und Kindes¬
kinder; nur ich blieb übrig, um meinen Vertust zu be¬
weinen und meine Roth zu beklagen. Ich saß jam¬
mernd auf dem Boden, und vor mir saß euer Vater,
der ein Jahr vorher wieder zurückgekehrt war. Er wollte
mich trösten, aber ich nahm keinen Trost an, denn ich
war nicht so fromm wie Hiob, welchen das Bewußtsein
stärkte, daß er nie etwas Böses gethan hatte; ich aber
mußte mir Vorwürfe machen, daß ich mich versündigt,
indem ich fest geglaubt hatte, daß Sabbathay Zebi unser
Erlöser sei, weshalb mich Gott mit dieser großen Plage
heimgesucht hatte.
Ziehe fort von hier! rief ich euerm Vater zu, willst
du dich auch umbringen lassen von dem Verderber, der
Millionen Augen hat und doch nicht sieht, der Millionen
Ohren hat und doch nicht hört? Was bleibst du da,
um mich anzusehen, ein unnützes Ding zu hüten, das
sich und aller Welt zur Last ist? Willst du unsere Fa¬
milie aussterben laffen wie den Stamm der Frevler?
Euer Vater aber erwiderte: du hast mich aufgezogen,
als wäre ich dein Sohn; darum will ich dich pflegen als
wärest du mein Vater! Gott ist an allen Orten und
er ist mächtiger als der Verderber, dessen Gewalt er
Schranken setzen kann, wenn er will. Will er aber nicht,
so weiß er mich und die Meinigen zu finden, ob wir
hier sind oder an einem andern Orte —
Stille! herrschte ich ihn an, denn es öffnete sich die
Thüre und herein trat eine feuerglühende Gestalt, in
einen rochen Mantel eingehüllt, und sie schwebte in vier
Schwingungen zu mir und berührte meine Augen, daß
sie wieder sehen konnten. Ich schrak zusammen, aber die
Gestalt winkte mir ruhig zu sein, und sie öffnete den
Mund und sprach;
„Ich bin Elias, der Prophet, der ich auch deinem
Lehrer in Fulda erschienen bin. Er sendet mich, um
dir zu danken für die Mühe, die du dir dreimal gegeben
hast, seine Schriften zu retten. Das Augenlicht wurde
dir genommen, damit du nicht sehen könnest das furcht¬
bare Unglück, das dich getroffen hat wegen deines Glau¬
bens an den falschen Messias. Aber wegen der Treue
und Dankbarkeit, die du deinem Lehrer auch nach seinem
Leben noch bewiesen hast, werden deine Augen noch ein¬
mal sehen das Licht, damit du Lust erblickest an dem
Mörder deines Bruders!"
Plötzlich verschwand die Erscheinung, und mich um¬
gab wieder dichte Finsterniß. Ich fragte zitternd euern
Vater, ob er Nichts gehört und Nichts gesehen habe?
Ec verneinte es, und ich merkte, daß die überirdische
Gestalt gekommen ist, mich unsichtbar zu trösten, wie
Gott ja schon oft seine Boten gesandt hat, um seine
trauernden Verehrer zu erfreuen. Ueberrascht von der
hohen Ehre dieses Besuches vergaß ich beinahe meinen
Schmerz und wurde von der Stunde an ruhig, mich er¬
gebend in mein Geschick, den Tag der Rache mit banger
Sehnsucht erwartend. Nur Eine Sorge hatte ich noch,
und ich mußte sie mir vom Herzen wälzen. Ich wollte
nämlich die Herausgabe der Schriften meines Lehrers
noch erleben, denn ich fürchtete, daß es dem Verderber
noch gelingen möchte, auch den Rest zu vernichten. Da¬
her trieb ich euern Vater an, wieder nach Frankfurt zu
gehen, wo R. Abraham Brodp als Oberrabbiner aufge,
nommen worden war. Erwachte zwar die Einrede, daß
er mich nicht allein lassen könne; aber ich beseitigte alle
Hindernisse und ließ ihn solche Anstalten treffen, daß er
unbekümmert um mich abreisen konnte. Aus Dankbar¬
keit zu Gort, der ihn und seine Frau vor dem Verder¬
ber beschirmt, und weil ich es ihm dringend in's Ge¬
wissen gelegt hatte, gab er sich Mühe, daß die Schriften
endlich einmal zu ihrer Bestimmung kommen sollten.
„Nach dem Tode des R. Abraham kam er wieder
zurück und wurde Appellant. Das ist eine große Ehre
für unser Haus, in Prag, der Mutterstadt in Israel
außerhalb des heiligen Landes, ein Mitglied des Rabbi-
nergerrchtes zu sein. Jetzt kann er Rabbiner werden bei
allen Gemeinden, und es kann ihm auch eine bedeutende
Stelle nicht fehlen, denn sein Name ist schon weit ge¬
kommen durch die vielen Schüler, die aus allen Gegen¬
den der Welt hier gewesen sind und seine Vortrage mit
Liebe und Eifer gehört haben. Ich aber sterbe gerne,
denn mein Wunsch und der letzte Wunsch meines Leh¬
rers ist ja durch die Hilfe Gottes und des Propheten
Elias in Erfüllung gegangen. Zwar ist seine Verhei-