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ßung, -aß sich meine Augen noch einmal öffnen und den
Mörder meines Bruders sehen werden, noch nicht erfüllt
worden; aber, setzte er mir fester Zuversicht hinzu, es
wird bald geschehen. Mein Herz sagt es mir, denn mein
Leib löst sich bald auf und kann nicht lange mehr sich
erhalten. Der Tischbite lügt nicht und trügt nicht, und
was er sagt, hält er, und was er spricht, thut er. Er
hilft, wo er helfen soll, und straft, wo er strafen soll.
Er durchwandert die ganze Erde und reist über Meere
und Flüsse, um die Kinder seines Volkes zu besuchen,
und ihnen in ihrer Drangsal beizustehen. So berichten
die Weisen des Talmuds, und so erzählt man auch hier.
Prag war früher noch nicht so groß und noch nicht
aus vier Städten zusammengesetzt, wie jetzt. Es sind
über der Moldau drüben, auf der Kleinseite, nur einige
elende Hauser und Hütten gestanden, von einem finstern
Walde eingeschlossen. Auf dieser Seite aber standen
schon große Häuser und Gebäude, welche von Zehudim
bewohnt wurden. Als Titus den heiligen Tempel zer¬
störte, trugen die Engel die in Flammen auffliegenden
Steine durch die Luft und brachten sie hierher, wo sie
die Altneuschule erbauten, unter der Leitung des Pro¬
pheten Elias, welcher das Gebäude in den Boden senken
ließ, damit es nie ganz zerstört werden könne. Oft hat
die Flamme in unserer Stadt unbarmherzig gewüthet und
hat nicht verschont unsere Hauser und Schulen, aber die
Altneu-Schule verhöhnte das Feuer in seinem Grimm-
zorn, denn sie steht im Schutze des Propheten. Wer
die Wände berührt, in die er heilige Buchstaben und
Namen eingegraben, hat es mit ihm zu thun, denn er
duldet nicht, daß man eine Aenderung vornehme, da
das Gotteshaus von seinem hohen Alter und der Act
seiner Entstehung Zeugniß ablegen soll. Als ich noch
sehen konnte, freute ich mich immer auf den Freitagabend,
wenn das Heiligthum beleuchtet war von Kerzen und
Lichtern, die von oben herab kamen wie die Sterne.
Hinter dieser Schule ist das Haus der Gräber, das
so alt ist als das Gotteshaus. Dort sind begraben die
größten Männer und die frommsten Frauen, und Nie¬
mand vermag zu zählen die großen und die kleinen Grab¬
steine und Denkmale, denn sie sind zu viel, und Nie¬
mand darf lesen ihre Inschriften, denn wer sie liest, ver¬
liert die Kraft des Gedächtnisses.
Anfangs waren aber die Todten nicht sicher auf dem
guten Ort, denn ein Frevler hat sie jedesmal ausgegra¬
ben, und ihnen die Leichenhemden ausgezogen. Da war
man in großer Angst, und man fürchtete sich sehr vor
dem Tode, weil man nicht einmal seine Ruhe in der
Erde hatte. Eine alte, fromme Frau aber, welche ihr
Ende fühlte, sprach: laßt den schlechten Dieb nur fort-
machen, ich werde ihn ertappen! Nach diesen Worten
starb sie. In der Nacht nach ihrer Beerdigung grub
sie der Bösewicht aus, um ihr das Gewand zu nehmen.
Die Frau aber hatte zwei Herzen; das eine nur war
todt, das andere lebte noch. Darum ergriff sie ihn beim
Fuße und hielt ihn fest. Er starb vor Schrecken, und
als man des Morgens auf den guten Ort kam, lag ec
todt auf der Erde. Seither haben die Todten ihre Ruhe.
Vor vielen, vielen hundert Jahren ist auch einmal
ein armer Mann dort gesessen und hat geweint, daß es
die Steine rührte, und hat geklagt, daß die Leichen in
den Gräbern seine Stimme vernahmen, denn es war
kalt und er hatte keine Holz, um seine Stube zu hei¬
zen, damit sich seine Frau und seine Kinder warmen
konnten, und er hatte kein Gewand, um sie zu kleiden,
und kein Brod, um ihren Hunger zu stillen. Da sagte
seine Frau zu ihm: Mann! was sitzest du da und legest
deinen Kopf in die Hände und weinest? Damit ist uns
nicht geholfen; du mußt Etwas anfangen, dann wird aus
dem Etwas vielleicht ein Vieles; wo aber Nichts ist,
wird Nichts, denn Gott macht keine neue Schöpfung
wegen eines einzelnen Menschen. Auch die Vögel haben
Nichts in ihren Nestern, aber sie fliegen fort, um Etwas
zu holen für ihre Jungen. So ging er fort und kam
auf den guten Ort und wünschte sich den Tod und die
Ruhe in der Erde. Da erschien ihm Elias, der Pro¬
phet, und er sprach zu ihm: Wenn du auch zaghaft bist,
so warst du doch immer fromm, und ich will dir helfen
aus Mitleid, und daß deine Frau erfahre, daß Gott auch
Wunder thue wegen eines einzelnen Menschen. Auf,
gehe bis du kommst zu dem Berge Libin. Sage der
Herzogin, du seiest ein Baumeister, und könnest in Einer
Nacht ein ganzes Schloß bauen.
Der arme Mann that, wie ihm geheißen worden.
Libussa war eine gute Fürstin, aber sie gab sich mit
Wahrsager- und Zauberkünsten ab, und doch wußte sie
nicht, wie sie ihre Worte ausführen sollte, denn wer nicht
kennt die heiligen Schriften und ihre geheime Auslegung,
der kennt Nichts und weiß Nichts. Die Herzogin hatte
geprahlt, daß sie in zwölf Stunden den Wischehrad er¬
bauen könne, aber sie war in großer Verlegenheit, denn
ihre dienstbaren Geister konnten ihr nicht helfen. Da