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an ihr zum Vorschein kam, waren kleine Splitter, die
fich ablösten und verflüchteten, und den eigentlichen Kör¬
per nur desto intensiver und gedrungener zurückließen.
Auch in der Gegenwart ist die Anhänglich¬
keit an ihr nicht gewichen, und selbst in der
vor sich gehenden Umwandlung ihrer Formen
zeigt sich der ernsteTrieb sie zu erhalten, und
fort und fort im Geiste der Zeit sie zu beken¬
nen. Noch hören die Gemeinden Israels nicht auf, sich
aller Orten ihre Betstatten mit großen Opfern zu bauen,
ihren Kultus, ihre Begräbnißplatze, ihre Religionsschulen
zu erhalten. Wohin sie wandern, tragen sie diesen Eifer,
diesen Drang mit sich, und auf den Inseln des stillen
Ozeans, und in den gelichteten Urwäldern Amerikas,
und am Südkap Afrika's, wohin früher niemals der Fuß
Israels gedrungen, erheben sich die bescheidenen Tempel
des Einig-Einzigen.
Erwägen wir die Folgerungen aus diesen einfachen,
unbestrittenen Sätzen weiter.
Zeitungsnachrichten.
Deutschland.
Dresden, 11. April. (Privatmitth.) Aus mei¬
nem Berichte in No. 10 der A. Z. d. I. ersahen Sie,
daß die sächsische Staatsregierung den Kammern einen
Gesetzentwurf vorgelegt hatte, wonach die Gleichstel¬
lung der sächsischen Juden auch nach Aufhebung der
deutschen Grundrechte fortbestehen solle, bis zu einer
allgemeinen Regulirung der Gesetzgebung hinsicht¬
lich der Juden. — Die Deputation der 2ten Kam¬
mer stimmte diesem Entwürfe bei und man erwartete
daher keinen weitern Widerstand in der Kammer, um
so mehr als der Schluß des Landtags bevorstand.
Da beantragte mit einem Male der liberale Ab¬
geordnete Haberkorn aus Kamcnz (dem Geburtsorte
des großen Lessing!) einen Zusatz, wornach der blei¬
bende Aufenthalt der Juden wieder auf Dresden und
Leipzig beschränkt werde. Obgleich der Minister des
Innern, Richard ». Friesen, im Namen der Re¬
gierung sich einer solchen Beschränkung widcrsetzte, so
ward der Haberkornsche Antrag doch mit 40 gegen
18 Stimmen von der 2ten Kammer angenommen.—
Nun kam der Gegenstand zur Berathung in die Ite
Kammer; die Deputation zerfiel hier in eine Majo¬
rität und Minorität. Die Minorität stimmte für Bei¬
behaltung der Gleichstellung in Dresden und Leipzig,
aber Beschränkung des bleibenden Aufenthalts in an¬
deren Orten des Landes; die Majorität der Deputa¬
tion ging aber noch weiter und wollte sogar Wieder¬
herstellung des frühern Judengesetzes vom 16. August
1838, blos diejenigen einzelnen Individuen, welche
nach Publikation der Grundrechte größere Rechte da¬
durch schon erhalten hatten, sollten darin belassen wer¬
den. In der öffentlichen Sitzung der Isten Kammer
am 9. d. entspann sich darüber eine lange Debatte,
die jedoch minder in Gehässigkeit gegen die Juden
überging als vielmehr um Aufrechterhaltung der Prin¬
zipien eines sogenannten christlichen Staats sich be¬
wegte. Freiherr v. Biedermann und Generalleut¬
nant v. Nostiz-Wallwitz (früher Kriegsminister)
sprachen sich indessen sehr warm für die volle Gleich¬
stellung der Juden in allen bürgerlichen und politi¬
schen Rechten aus. Letzterer wies namentlich auf die
Juden hin, welche mit Anerkennung in deutschen Ar¬
meen dienten und ihr Blut für das Vaterland ver¬
spritzten, „und da wolle man ihnen die politischen
Rechte wieder entziehen! Einem solchen Votum könne
er durchaus nicht beistimmen!" (Hört! hört! Dies
sind die Worte eines tapfern Generals!) Hauptsäch¬
lich war es nun der Minister des Innern, v. Frie¬
sen, der mit ausgezeichneter Beredtsamkeit alle gegen
die Gleichstellung gemachten alten und neuen Ein¬
würfe niederlegte, die Schmälerung der den Juden
ertheilten Rechte nicht nur als ungerecht und un¬
menschlich, sondern auch als unpolitisch und
unausführbar darstellte und damit schloß, daß die
Regierung die Kammer von einem solchen^ die Be¬
schränkung wieder einführenden Beschlüsse dringend
abmahnen müsse. Es wurde nun auch sowol das
Majoritats- als das Minoritatsgutachten verworfen
und mit 22 gegen 12 Stimmen die Regierungsvor¬
lage unverändert angenommen. — Sonach mußte die
Sache gestern wieder zur 2ten Kammer gelangen, um
auf den Haberkorn'schen Antrag zurückzukommen. Ha¬
berkorn entschuldigte sich jetzt, daß er geglaubt, den
Juden werde an der Erlaubniß zum Aufenthalte in
den kleinen Städten weniger gelegen sein, wenn ihnen
nur die Gleichstellung innerhalb Dresden und Leipzig
bliebe; (aber an dem Prinzip der Gleichberechtigung
ist den Juden gelegen, dies hätte der liberale Ab¬
geordnete von Kamcnz bedenken sollen!) der Minister