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sonderbare: Ansicht für einen Geschichtsforscher. Wer
möchte djei Segnungen der Vorsehung, welche in der Er¬
stehung. großer Geister innerhalb einer Nation liegen,
nicht würdigen wollen; wer. nicht die großen Vorzüge
eines Genies und. die Erzeugnisse feiner Kraft bewun¬
dern! Aber darf man den Cultus des Genies so weit
treiben, es zur Vorsehung selbst zu machen und ihm ei¬
nen unbedingten Willen, eine unbeschränkte Machtfülle
einzuräumen? Die Geschichte zeigt uns, daß geniale Gei¬
steskräfte von sehr niedrigen Leidenschaften nicht stets ge¬
sondert sind, daß sie leicht in den äußersten Egoismus,
in eine maßlose Herrschgier ausarten, und für die Seg¬
nungen, die sie verbreiten, zugleich die tiefsten Wunden
schlagen, welche erst langsam durch die Zeit wieder ge¬
heilt werden können. Uebrigens sind es nicht die paar
Genies unter den Staatsmännern, Feldherren und Herr¬
schern, welche allein den Vordergrund in der Geschichte
der Menschheit einzunehmen berechtigt sind. Diese besitzt
eine lange Reihe von Genies, die auf den Gebieten der
Wissenschaft, der Kunst, der Industrie, des nationalen
und sittlichen Lebens gewirkt haben, deren Segnungen
sich an keine Zeiten, keinen Raum binden, die geräusch¬
los noch heute und in aller Zukunft auf die Geister
aller Geschlechter wirken, heute noch so frisch und lebens¬
kräftig wie vor vielen Jahrhunderten, wenn auch ohne
den Prunk und das Lärmen, ohne den Kampf und die
Erschütterungen der politischen Genies. Diesen vor allen
gebührt unser Cultus — das politische Genie muß sich
den Widerstand und selbst den Sturz gefallen lassen,
denn dies liegt in dem Elemente, in welchem es sich be¬
wegt. Wer Herrschaft will, darf den Fall nicht scheuen;
wer der ersteren froh geworden, darf über den letzteren
sich nicht beklagen. Vergessen wir nicht, daß auch der
genialste Mensch beschränkt und einseitig ist, darum die
Richtung, die er verfolgt, niemals die ganze Wahrheit
und das ganze Recht ist, darum den Widerspruch und
Gegensatz von selbst hervorruft, darum der Widerstand
der Nationen ein vollberechtigter ist. Wer diesen letzte¬
ren eine Versündigung am Genie nennt, versündigt sich
am Genie der Nationen, und dieses steht über jenem
um so viel höher, als eine Nation über jeden Einzelnen,
wer es auch sei.
Der Verf. geht aber noch- weiter. Er stellt Casar
und Napoleon zur Seite des Stifters der christlichen
Religion, und gesellt Brutus und die Helden der Frei¬
heitskriege zu den Juden. Denn daß er auch Karl den
Großen in die Mitte von Cäsar und Napoleon schiebt,
übersehen wir, weil dies doch nur als eine gewisse •&*
gänzung figuriren soll. Mit jener Zusammenstellung ist
er vom geschichtlichen Gebiete auf das theologische über¬
getreten, und hat eine historische Frage mit einer religiö¬
sen verbunden. Dies ist sicherlich kein glücklicher Ge¬
danke des Verfassers, und man sieht ihm den Zweck all¬
zusehr an. Cäsar und Napoleon sollen zu Meffiasen
der Menschheit gestempelt werden und der Cultus des
letzteren selbst eine religiöse Färbung annehmen.
Der Verf. sagt: „Glücklich die Völker, welche sie ver¬
stehen und ihnen folgen! Unglücklich die, welche sie ver¬
kennen und bekämpfen! Sie handeln wie die Juden, sie
kreuzigenNhren Messias; sie sind blind und schuldvoll:
blind, denn sie bemerken nicht die Machtlosigkeit ihrer
Bemühungen, um den endlichen Triumph des Guten hin¬
auszuschieben, schuldvoll, denn sie verzögern den Fortschritt,
indem sie dessen schneller und fruchtbringender Anwen¬
dung Hindernisse in den Weg legen."
Nehmen wir einen Augenblick es als eine historische
Thatsache an, .. daß die Juden Jesus gekreuzigt. Denn
da wir diesen Vorgang aus .'keiner einzigen geschichtlichen
Quelle berichtet haben, wird man uns den Zweifel an
dem ganzen Factum nicht verübeln dürfen. Nehmen wir
es aber als wirklich geschehen an, so hätte es eine Be¬
deutung für die Juden und für die allgemeine Welt.
Hat nun Louis Napoleon trotz seiner jetzigen Eigenschaft
als „ältester Sohn der Kirche" so wenig Kenntniß von
der christlichen Lehre, daß er nicht weiß, daß die Juden
hierdurch gemäß dieser christlichen Lehre der Welt den
größten Dienst gethan? Durch diesen Tod hat Jesus
„die Sünden der Welt auf sich genommen", „die Erlö¬
sung der Menschheit" bewirkt. Die letztere wäre ohne
jenen Tod nicht eingetreten. Ist dies das höchste Dogma
des Christenthums, so hätten die Juden nicht „den Fort¬
schritt verzögert", sondern diesem den höchsten Dienst ge¬
leistet, und, welche- sittliche Bedeutung die That für sie
selbst gehabt, der Menschenwelt haben sie nach dieser Lehre
das Heil in unbegrenzter Weise gefördert. Das gerade
also, was der Vers, den Juden als Schuld anrechnet,
das, worin er die Analogie mit Brutus und den Völ¬
kern der Freiheitskriege findet, fällt ihnen am wenigsten
zur Last, denn eben durch diese That wurde Jesus erst
zum Messias der christlichen Welt. Indem der Verf.
also die Juden zu Verbrechern an dem christlich gewor¬
denen Theile der Welt stempeln will, vernichtet er die
höchste Lehre der christlichen Welt selbst. Betrachtet man
aber die Thal in. ihrer Bedeutung für die Juden, so
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