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Gegensatz ihrer Verkündigungen, eine Beschränkung ihrer
Alleinherrschaft sah.
Zu der Zeit ihrer unbedingten Herrschaft, nach Besiegung
und Ausrottung aller Sccten, waren es die Juden allein, welche
ihrer Fahne nicht folgten, sondern unverbrüchlich in dem Be¬
kenntnisse des einzig-einigen Gottes beharrten. Gleich wie ihre
Väter allein den Römern Widerstand leisteten zu einer Zeit, wo
diesen vom Tweed bis zum Indus alle Völker sich beugten,
ebenso unbeugsam blieben die Juden den Cremlingen gegenüber
in ihrer väterlichen Religion. Nein, die Kirchengeschichte weist
keinen Act des jüdischen Stammes nach, der als eine Handlung
der Feindseligkeit gegen die Kirche gekennzeichnet werden könnte.
Selbst die Polemik war stets nur von der Kirche provocirt. Ter
Grund 'ihres Hasses kann daher nur in der bloßen Existenz
dieser, in ihren lehren ihr widersprechenden Religion und der
Bekenner derselben liegen. Denn in dem Augenblicke selbst, wo
die Kirche als solche die Herrschaft über das römische Reich er¬
langte, begann sie ihren Vernichtungskampf gegen die Juden:
der erste christliche römische Kaiser, Konstantin/ war es, der die
Ausschließung der Juden aus dem bürgerlichen Rechte, hiermit
aus der Gesellschaft, aus rem menschlichen Gesammtleben, mit
einem ersten Ediete im Jahre 32 l begann; die Eoncile und die
Päpste trieben die Dinge immer weiter. Die Kirche war es,
welche von den Herrschern stets die immer engere Einschließung,
immer drückendere Beschränkung der Juden forderte, von welcher
am Häufigsten ihre blutige Verfolgung, ihre örtliche Ausrottung,
ihre Vertreibung ans dem Lande ausging. Es ist dies Alles
so notorisch, so von der Geschichte bezeugt, daß wir Beispiele
nicht anznsuhren brauchen. Sobald in der Kirche irgend ein
lebhafterer Impuls sich fühlbar machte, siel es immer mit furcht¬
baren Schlägen für die Inden zusammen; wo ein. Volk mit
seiner Hcrrscherfamilie der kirchlichen Bigeterie in die Arme siel,
da slanuuten auch die Scheiterhaufen für die Juden auf. Unter
diesen Umständen wird man fragen: Warum eine völlige Aus¬
rottung der Inden in den von der Kirche beherrschten Ländern
nicht ftattgefunden hat, da eine größere Schonung, als z. B.
gegen die Arianer oder die Waldenser, von ihr für die Juden
nicht zn erwarten stand? Tie Hanptnrsachc finden wir in dem
Umstande, daß die Juden schon längst in allen Ländern vorhan¬
den waren, bevor das Ehristcmhum überhaupt sich in ihnen ans¬
breitete, und die Kirche insbesondere die Herrschaft über sie er¬
langte. Ein schon vorhandenes und eingebürgertes Element
rottet man nicht so leicht aus, wie ein neu anlangendes. Die
zweite Ursache lag in der Zerstreuung und Zersplitterung der
Juden, denn die Menschenliebe und den Abscheu vor Mord kann
dogmatischer Fanatismus nicht an zahllosen Orten zu gleicher
Zeit überwinden, und so sinket an dem einen Orte Schonung
und Zuflucht, was am anderen verfolgt und vernichtet wird.
Nachdem der Geist deö Rechtes und der Humanität ihr, der
Kirche, die blutigen Waffen entrungen, und die Scheiterhaufen
gelöscht hatte, drang sie stets darauf, die Juden wenigstens in
der Ausschließung von allen bürgerlichen Rechten, und in die
Ghetti eingeschlossen, zu erhalten. Dieses Verlangen thcilte mit
der römischen auch die evangelische Kirche, und noch jetzt sehen
es die protestantischen Pietisten als eine Verletzung „deö christ¬
lichen Staates" an, daß den Juden die Gleichberechtigung ge¬
währt worden ist. Wie der Syllabus abermals von katholisch-
kirchlicher Seite ras Verrammungsurtheil über die Gleichberech¬
tigung aller Eonfessionen im Staate ausgesprochen hat, brauchen
wir nur in Erinnerung zu bringen. Hier hilft also keine Be¬
schönigung. Glücklicher Weise besteht ein großer Unterschied
zwischen dem Rechtsbewußtsein der Katholiken und den Lehren
der Kirche, und so konnte selbst in den Staaten, in welchen die
große Mehrzahl dem katholischen Bekenntnisse angehört, die Ge¬
wissensfreiheit und Gleichberechtigung der Eulte zu den Grund¬
sätzen der modernen Gesellschaft werden. 'Aber darüber kann
kein Zweifel bestehen, daß, sobald die Kirche wieder zur Herr¬
schaft über den Staat gelangte, die Ausschließung der Inden,
wenn nicht noch Härteres, abermals mit möglichster Strenge
ausgeführt würde; der Syllabus hat dies dogmatisirt, der Papst
und die ultramontauen Organe sprechen es täglich aus.
Kouuucu wir nun zu obiger Auslassung der „Voce della
Veritü".
Ter Inhalt derselben ist: es könnte eine Versöhnung zwischen
der Curie und Italien stattsiudcn, dann müßten aber die Juden
ihre Rechte verlieren, und in die Ghetti zurückgestoßen werden.
Zunächst fällt es Jedermann auf, daß hier von der Möglichkeit
einer Versöhnung der römischen Eurie mit Italien die Rede sei,
.ju zweit, daß der alleinige Preis die Aufopferung der 30,<>00
Juden unter 22 Millionen Italienern sein solle. Dies allein
genügt schon, die ganze Expectoration als ein bloßes Manöver
kenntlich zu machen. Zwischen der römischen Curie und dem
Königreiche Italien wäre eine Versöhnung nur um einen ganz
anderen Preis möglich: die Rückgabe Roms, und wenigstens
eines Theiles des chenialigen Kirchenstaates, die Zurückstellung
der Kircheugüter, und die Beseitigung der Enltussreiheit, wozu
dann die abermalige Unterdrückung der Juden gehörte. Dies
Alles müßte zugleich unter Garantieen gestellt werken, welche
eine Rückkehr der gegenwärtigen Zustände so gut wie unmöglich
machten. Ties Alles könnte Italien nur gewähren, wenn cs
von einer äußeren Macht besiegt und völlig niedergeworfen wäre.
Dann aber wäre es keine Versöhnung, sondern totale Nieder¬
lage auf der einen, Sieg und Triumph auf der anderen Seite.
Tie Macht und der Einfluß der Juden in Italien reduciren sich
auf ein höchst geringes Maß: ein Dutzend Männer, die zu Amt
und Ehren gelangten, eine geringe Anzahl Schriftsteller, und
einige wenige Reiche, während die Masse der Juden arm ist.
Schon daß im Verlaufe die Voce ihre Forderung aus die libe¬
rale Presse ausdehut, diese unterdrückt wissen will, und sie als
„Iudenpresse" bezeichnet, erweist, daß sic durchaus nicht die Juden