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Gott — im Gegensatz zu seinem körperlichen Theile „Staub
'-vom Erdboden", d. h. aus irdischen Elementen, und 3) daß
er „im Ebenbilde. Gottes", geschaffen ist, so daß' er in seinem)
Geiste „Gott ähnlich" ist) und Hin Leib zur Vereinigung -mit
dem gyttähnlichen Geiste -zum. Ausdruck und Werkzeug) desselben
gebildet worden.' Worin nun die Gottebenbildlichkeit
und Gottähnlichkeit des menschlichen Geistes besteht, das ist von
der heil. Schrift der weiteren Forschung und Deutung übergeben,
Hellt sich aber aus dem Verlaufe der biblischen Lehren heraus
als: das Selbstbewußtsein sr^ii ma nn 2, 17), die
Willensfreiheit sz. B. 5 Mos. 39, 19) und die Sitt¬
lichkeit, (i->nn o-’iönp, was unmittelbar auf Gott bezogen
wird ''77 Wi-lp 72). Wir brauchen hier die Momente nicht
speciell aufzuführen, durch welche der menschliche Körper in seiner
ganzen Organisation, durch einzelne Organe und durch besondere
- Eigenschaften zum Träger dieses Geistes befähigt und von der
Beschaffenheit der Körper der anderen Thiere unterschieden ist.
Die durch diese Lehrsätze gewonnene Anschauung über die Natur
des Menschen ist die allgemein Herrschende geworden, welche
trotz aller gegensätzlichen Ansichten -nicht blos die Gedankenwelt,
sondern auch alle Einrichtungen der Gesellschaft durchdrungen und
gestaltet hat. Allerdings begründet diese Lehre einen Dualismus
des Daseins. So wenig wie sie Gott und^die Welt identificirt,
ebensowenig identificirt sie Geist und Körper. Aber ebenso wie
nach , ihr Gott die Welt zu einer einheitlichen geschaffen,^ebenso
verband er Geist und Körper zu einem, harmonischen einheit¬
lichen Dasein, daß sich durch die volle Wechselwirkung des Geistes
mnd -des Körpers aufeinander erhält und erhöht. Durch dieselbe
' Anschauung wird zugleich die Perfectibilität, d. i. die fortschreitende
Entwickelung des Menschen im Individuum wie in der Gefammt-
heit begründet und jener in Gott selbst das höchste Ideal gestellt.
Darum knüpft sich auch logisch genau das höchste Princip
der menschlichen Sittlichkeit, das die h. Schrift aufstellt, an die
oben gezeichnete Anschauung. Es lautet 3 Mos. 19, 2:
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„Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige,"
oder wie es noch deutlicher heißt 20, 7.
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„So heiliget euch denn, daß ihr heilig werdet, denn ich bin der
•' Ewige." Vgl. 11, 44.
Die Lehre von der Gottähnlichkeit des Menschengeistes hatte dieses
oberste Princip der Sittlichkeit zur nothwendigen Consequenz.
Die Heiligkeit Gottes mußte bei dieser Gottähnlichkeit i des Men¬
schen zur Forderung der Heiligung des Menschen führen, welche
vermöge der Natur des Menschen däs Fernhalten und die Ent¬
fernung aller seelischen und leiblichen Besteckung und dann die
Uebung aller Tugenden enthält, durch welche der Mensch in
- seinen Eigenschaften die Aehnlichkeit mit-den,Eigenschaften Gottes
immer mehr erstrebt und erringt. Wie das Wesen des Menschen
an das Wesen Gottes, soweit dies seine, endliche und in der
Vereinigung mit dem Körper beruhende Natur zuläßt, ange¬
schloffen wird, so muß auch seine Gesinnung und sein Thun
nach der Gesinnung'und dem Thun Gottes ch'tnanstrebench ^Hier¬
durch ist aber auch" für die Sittlichkeit'des Menschen die alleinige
sichere und unveränderliche Basis ^gegeben .m Nicht-;das ewig
schwankende Bewußtsein des.Menschen vom Güten) nicht >die
Zwecke und Interessen der Gesellschaft oder gar des Individuums
selbst, die doch nur von der Zeitströmung und den wechselnden
Vorstellungen in den Menschen abhängen, sondern die unverän¬
derliche Vollkommenheit Gottes selbst ist die Basis für die sitt¬
liche Vervollkommnung des Menschen. .Daß hierbei auch die
leibliche Natur des Menschen einer aufmerksamen Berücksichtigung
bedarf, um der Heiligung keinen dauernden Abbruch und Wider¬
stand zu leisten, lag bereits in der Grundanschauung von dem
Wesen des Menschen principiell. Iedes^ Vorherrschen der Ma¬
terialität im Menschen, jede Vergewaltigung des Geistes durch
leibliche Triebe, Begierden und Leidenschaften verhindert, ja zer¬
stört die Heiligung, d. i. die sittliche Vervollkommnung des
Menschen. Dies ist denn auch eine thatsächliche Wahrheit und
bedeutet durchaus noch nicht, daß der leiblichen Natur des Men¬
schen ihr Recht nicht geschehen solle.*) In wie weit nun diese
Beschränkung der leiblichen Natur zu bestimmten Gesetzen und
Vorschriften ausgestaltet werde, ist hier nicht zu erörtern, da hier¬
bei jedenfalls auch örtliche und zeitliche Verhältnisse mitsprechen.
Im Allgemeinen sei nur bemerkt, daß der Mensch, um zur
'Selbstbeherrschung zu gelangen, zu ihr erzogen werden müffe,
und hierbei bestimmte Vorschriften der Enthaltsamkeit große Dienste
leisten.-**)
Diese Heiligung oder höchste Sittlichkeit des Menschen findet
*) So ist es auch einer der mehr prunkhaften als richtigen Aussprüche
in Neuen Testamente, daß der Mensch nicht durch Das sündige, was
in seinen Mund hinein, sondern durch Das, was aus ihm herausgehe;
mau denke blos an die Spiriluosa. :
Wir wollen hierbei bemerken, daß derselbe höchste Grundsatz der
Sittlichkeit, jedoch mehr in einer allgemeinen Form aufgestellt worden.
1 Mos. 17, 1 heißt es: -
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„Ich bin Gott der Allmächtige, wandle vor mir und werde voll-,
kommen."
Wie „Gott der Allmächtige" die Idee der Gottheit ' als unbegrenzter
Kraft, als Weltschöpfers und Welterhalters,. aber noch ohne Inhalt
aufstellt, und später in 'r? aufgeht, so giebt „wandle vor mir und
werde vollkommen", d. i. fehler- und mangelos, das Princip im allge¬
meinen Umriß, aber noch Inhaltslos an, und das CBn rrn geht in
Dniznppm auf. Dennoch ist auch hier das unmittelbare Verhältnis
des Menschen zu Gott festgehalten. Wenn wir oben die bekannte Be- •
merkung machten, daß die h. Schrift keine"systematische Religionslehre
aufstellt, so ist damit nicht gesagt, daß sie überall und' namentlich in
ihren objectiven Lehrsätzen nicht die genaueste Consequenz' und die in¬
nerste Uebereinstimmung bewahre und Lethätige." Ihre innere Anschauung
haut sich fest.und wohlgegliedert, zusammen. Nachdem der Grundsatz
der Heiligung ausgesprochen ist, gestaltet sich daher'der citirte Satz
ganz anders in dem ebenfalls objectiven'Ausspruche 5 Mos. 18, 13>
TNd« ;oy -'nn CP?an „Vollkommen sollst du sein mit dem
Ewigen,'deinem Gotte", b. h. immer im Zusammenhänge mit Gott,
mit dem Gedanken an Gott, was den seelischen Untergrund zur Hei¬
ligung bildet und darbietet.