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thun und treiben; wir sind demselben Gesetze unterworfen j
und haben dieselben Pflichten zu erfüllen; wir erstreben und
erreichen nichts Anderes, als sie alle. Was man Anderes
uns angedichtet, uns untergeschoben, womit man die Leiden¬
schaften der Masse gegen uns zu erregen trachtete: es ist
Lüge, es ist Verleumdung. Der Zweck, den man erreichen
will, ist klar. Man will in längst vergangene Zeiten wieder
zurück; man will gestürzte Mächte wieder Herstellen, nieder¬
gerissene Schranken wieder aufrichten; mit uns will man
anfangen und jedes Mittel dazu ist ihnen gut. Da ist es
nicht zu verwundern, daß wir in Ungeduld fragen, wie weit
es in der Nacht ist? in Ungeduld, daß wir die Frage
wiederholen. Aber unsre Ungeduld wird abgewiesen, selbst
der Morgen, der kommt, wird uns nicht schützen vor der
Nacht, wenn sie wiederkommt, und ist unser Begehren auch
noch so heiß und vollberechtigt: auf den Gang des Geschickes
übt es keinen Einfluß. Der Wächter, der die Stunden der
Nacht, die bereits vorübergegangen, d. h. die Vergangenheit
kennt und überschaut, die seit vielen Jahrhunderten über uns
dahingegangen, er kann uns nur vertrösten, daß die gegen¬
wärtige Nacht ihr Ende erreichen und die Zeit der Morgen-
röthe, also einer glücklicheren Gegenwart, wiederkommen
werde. Aber " er darf uns nicht verhehlen, daß nach den
eben gemachten Erfahrungen das Geschick Israels noch lange
nicht feststeht, daß der Tag des dauernden Friedens auch
mit dem anbrechenden Morgen noch nicht gekommen und die
Nacht wieder Hereinbrechen könne. Das muß er uns ver¬
künden und dennoch tröstet er uns. Begehret Ihr — lebt
in Euch die frische Kraft des Geistes, der nicht aufhören
will zu streben und zu wirken; gebt Ihr trotz der stürmischen
Nacht und der zuckenden Blitze die Energie des Willens, die
Kraft des Handelns nicht auf — so begehret nur, so heget
und pfleget diesen Willen, diese Kraft, diese Lebensfrische
trotz aller Hindernisse, die man Euch entgegentvirft, trotz des
Steingerölles, das man Euch in die Wege wälzt. Kommt
wieder! Gebt also nicht die Hoffnung auf. Fraget den
Wächter, wenn abermals Stunden vorübergegangen. Lebet,
bestehet, kommt wieder. Wer begehren darf und kann und
wer wiederkommen soll auf den Pfaden des Lebens, der ist
nicht dem Untergange ßeweiht, der ist berufen, im Kampfe zu
bestehen und seine Gegner weichen, ja fallen zu sehen! . . .
Ruft doch derselbe Wächter aus (B. 8 ff.):
„Auf der Wacht', o. Herr, stand ich beständig am Tage,
Auf meiner Wacht stand ich all' die Nächte, —
Gefallen, gefallen ist Babel
Und all'seine Götzenbilder hat man zur Erde geschmettert! —
O du, mein zermalmtes, festgestampfles Volk:
Was ich gehört von dem Ew'gen der Heerschaaren,
Israels Gotte, verkündet' ich Euch."
Die gegenwärtige Lage in Rußland.
Seit geraumer Zeit sind wir so glücklich, aus Rußland
weder von Plünderung und Mißhandlungen, noch von Aus¬
treibungen der Juden zu hören, und positiv geht die Repa-
triirung zahlreicher Flüchtlinge ohne behördlichen Widerstand,
ja mit einiger Erleichterung durch die Eisenbahnen vor sich.
Daß diese Besserung der Lage von dem Augenblicke datirt,
wo Graf Tolstoi den Grafen Jgnatiew als Minister des
Innern ersetzte und gemessene Befehle zur Aufrechterhaltung
der Ruhe und Sicherheit an die Gouverneure und Polizei¬
behörden erlassen hatte, ist bezeichnend im hohen Grade.
Denn einerseits wird dadurch konstatirt, daß Jgnatiew und
Genossen die Urheber und Träger der ganzen furchtbaren
Erscheinung gewesen, aber auch, daß das Volk nur durch
Agitatoren verleitet worden, welche ihm weis gemacht, der
Czar habe die Plünderung und Mißhandlung der Juden
befohlen. Denn mit dem Augenblicke, wo durch den Ernst
der Behörden und die wirkliche Thätigkeit der Rechtspflege
das Volk eines Besseren belehrt wurde, hörten auch die
schändlichen Excesse auf. Hiermit ist aber auch Denjenigen
der Boden weggezogen, welche die Ausschreitungen des Pö¬
bels auf die Ausbeutung des Volkes durch die Juden und
den dadurch bewirkten Haß zurückführen wollten. So schnell
läßt sich eine wirkliche Erregung oder gar Wuth im Volke
nicht zurückdämmen. Man bemühte sich, das russische Volk
in einer Art von Verzweiflung den Juden gegenüber darzu¬
stellen. Dieser Kunstgriff der Antisemiten ist ihnen nun ver¬
loren gegangen. Denn ein durch Verzweiflung zur Wnth
gereiztes Volk legt nicht auf ein bloßes ministerielles Cirkn-
lär die Brandfackel nieder. Hier aber genügte das Bekannt¬
werden des ernsten Willens des neuen Ministers des Innern
in Verbindung mit dem Abwiegeln seitens der panslavistischen
Partei — man denke an die Artikel Katkow's — um den
durch so viele Provinzen lodernden Brand zu löschen. Um
so wichtiger ist es, nachdem wir das erste Cirkulär des Grafen
Tolstoi wörtlich mitgetheilt hatten, auch die jüngsten Erlasse
dem Wortlaut nach kennen zu lernen.
Cirkulär des Finanzministers an die Steuerempfänger
in den Provinzen, betreffend den Handel "mit Getränken
durch die Juden:
„Ein Erlaß des Minister-Komites, von S. M dem
Kaiser am 3./15. Mai laufenden Jahres bestätigt, die An¬
wendung der gegenwärtigen Verordnungen in Bezug auf die
Juden betreffend, hat unter Anderem bestimmt durch seinen
Art. 5., daß die Minister des Innern und der Finanzen
beauftragt seien, gleichlautend mit den genommenen Verfü¬
gungen , den Beamten der Polizei und der Steuer In¬
struktionen znkommen zu lassen, damit sie bis zur Veröffent¬
lichung der neuen Reglements, die Hand auf'die strenge und