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60. Jahrgang. Nr. 41. ^]f Serlin, 9. Oktober 1896.
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Me verjudete Mett.
Berlin, 7. Oktober.
f er abgelaufene Monat ^warZ die Zeit der Kongresse und
Wanderversammlungen. Die Vertreter aller Wissenschaften
und Künste, aller Zweige der Industrie,^ des Handels und.
des Verkehrs pflegen sich auf solchen Kongressen zu versammeln, um
die Interessen ihres Standeslzu berathen. ^ Es ist das eine, löbliche
Einrichtung ^der^neuen Zeit, die gewiß viel Gutes mit sich bringt.
Aber es ist weder unser Zweck noch unsere Aufgabe, über den Werth
oder Unwerth solcher Kongresse uns hier des Weiteren auszulassen.
Dagegen möchten wir aber eine Thatsache besprechen, die in unmittel¬
barem Zusammenhang mit diesen WanderversammlungeMsteht. Die
drei größten derselben waren wohl der deutsche Anwaltstag, der
internationale Frauenkongreß und die Versammlung deutscher
Naturforscher und Aerzte.
Da war es nun rührend, in den antisemitischen Blättern die
Klagen darüber zu Ilesen, daß alle diese Kongresse „verjudet" seien.
Auf dem Anwaltstage hätte man überhaupt nur Juden gesehen, auf
den: Frauenkongresse fast nur Jüdinnen und auf der Naturforscher-
Versammlung nur wenige Christen. Es ist natürlich, daß diese
Behauptungen, schlankweg erfunden waren. Es hat wohl noch nie
ein Kongreß oder eine Wanderversammlung in Deutschland statt¬
gefunden, auf dem, sei es in welchem Berufszweige immer, auch nur
eine starke jüdische Minorität vorhanden war. Die Theiluehmer
solcher Versammlungen pflegen, wenn sie diese regelmäßig wieder¬
kehrenden antisemitischen^Klagen tejen , sie für Hellen Wahnsinn zu
erklären.
Ja, aber in diesem Wahnsinn liegt Methode, und zwar eine
ganz nichtswürdig schlaue Methode. Man muß diese Methode kennen
lernen, um den Zweck, den sie damit verfolgen , zu begreifen. Es
soll nämlich dadurch dem urtheilslosen, oder wenn man will,, dem
vorurtheilslosen Publikum bewiesen werden, daß Mlles, was in
Deutschland, ja in ganz Europa das öffentliche Leben erfüllt und.
bewegt, daß na mentlich^abev Alles, was in unserem Vaterlandes er
allgemeinen Strömung sich entgegenstellt, durchweg verjudet sei. Aus
dieser Erkenntniß erwächst ja nothwendig eine andere, daß es so
nicht weiter gehen könne, daß das Judenthum eine Weltmacht sei,
mit der man rechnen, oder gegen bieman Auftreten müsse.
Alle Einwendungen und Berichtigungen werden natürlich nicht
^berücksichtigt, und so bleibt schließlich sür den Theil der Bevölkerung,
der seine geistige Nahrung nur aus den Blättern dieser Richtung
holt, die Thatsache fest bestehen, daß Alles, alle Klassen, Stände und
Berufszweige verjudet seien, daß sich das jüdische Element überall
vordränge, und daß es überall, wo es eingedruugen, die Herrschaft
' an sich reiße.
Würde man alle derartigen Klagen und Behauptungen syste¬
matisch ordnen und zusammenstellen, so würde das Facit bie^* sein:
Die ganze Welt ist verjudet! Natürlich nur die Kulturwelt, nnd
, ebenso natürlich nur die liberale Kulturwelt. Diese aber ist gründlich
vom jüdischen Geiste durchseucht: die Freimaurer sowohl wie die
^Sozialdemokraten, die Aerzte wie die Anwälte, die Wissenschaft und
natürlich die Presse, der Handel nnd die Industrie, die Politik und
' die Kunst. Ja, selbst in Bayreuth bilden die Juden schon die
Majorität, klagte kürzlich ein antisemitisches Blatt.
Daß diese Methode, Alles auf der Welt für verjudet zu
erklären, wie ein Kartenhaus zusanunenstürzeu würde, wenn inan die
Statistik zu Hilfe riefe, das genirt unsere Gegner natürlich nur sehr
wenig. Für sie ist die Statistik überhaupt keine Wissenschaft, oder
nur in dem Falle, wenn sie ihre Behauptungen zu bestätigen geneigt
wäre. Mit Berichtigungen und Dementis ist da absolut nichts aus¬
zurichten, und es bleibt nur ein Mittel übrig, um die Methode in
diesem Wahnsinn zu bekämpfen. Man muß nämlich den Plan, der
diesen Behauptungen zu Grunde liegt, immer wieder aufdecken, damit
das Lächerliche, ja Absurde derselben der bethörten Masse von selbst
in die Augen springt.
Eine scheinbare Unterstützung gewinnt diese oben erwähnte. Me¬
thode der Antisemiten allerdings dadurch, daß auf inanchen Kongressen
die Juden, obwohl sie auch dort nur eine sehr geringe Minorität
bildeten, dennoch durch ihre Leistungen in den Vordergrund traten.
Aber wer dürfte es wagen, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen?
- Nur der verstockteste Parteifanatismus, nur die raffinirteste Bosheit
kann aus der psychologisch sich von selbst erklärenden Thatsache, daß
ein Theil überschüssiger weil nicht gleichmäßig verwendeter Kraft
und Intelligenz auf einzelnen Gebieten zu stärkerer Bethätigung ge¬
langt, einen Vorwurf oder eine Anklage erheben. Wie rasch würde
sich dies Alles Ausgleichen, wenn man den Juden erst einmal die
volle Parität in allen Bernfszweigen gewähren wollte, die . ihnen
gesetzlich längst verbürgt ist! Allein verlohnt es sich auch wirklich
der Mühe, alle diese unzähligemal wiederholten Argumente noch
einmal aufzuführen? Die Einsichtigen haben sie' längst als wahr