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religiösen Vortrages angesehen werden kann. Sie drückt in ver¬
schiedenen schönen, abgerundeten Perioden den kurzen, aber praktischen
Spruch des Koheleth aus, der da lautet: „Du thust wohl daran,
an Einem dich zu halten und von dem Anderen auch nicht die Hand
abzulassen. Der (wahre) Gottesfürchtige geht in allen Dingen die
Mittelstraße."
Die Ethik der jüdischen Philosophen
vor Maimonides.
Ein Bortrag von Dr. Martin Schreiner.
III.
ochgeehrte Anwesende! Ich habe die Hauptpunkte der ethischen
Anschauungen der jüdischen Philosophen vor Maimonides her¬
vorgehoben. Ich habe manche psychologischen Bemerkungen,
mit welchen sie begründet werden, übergangen, ich habe auch die he¬
bräischen Lehrgedichte, die sogenannten Urguzas, wie auch eine kleine
ethische Schrift des Stadtkommandanten von Saragossa, des Rabbi
Abraham bar Chyja übergehen müssen, aber aus dem Dargelegten
ergiebt sich uns, daß in der Sittenlehre der jüdischen Philosophen
gewisse leitende Ideen zu erkennen sind, denen meines Erachtens auch
in unserem sittlichen Bewußtsein eine große Bedeutung zukommt.
Vor allem ist die übereinstimmende Ablehnung des asketischen
Heiligkeitsideals, der weltflüchtigen und weltverachtenden Welt¬
anschauung von Seiten der jüdischen Philosophen für uns höchst
bedeutsam Gegenüber der Verherrlichung des Buddhismus durch
Philologen und pessimistische Philosophen, haben wir an den sittlichen
Idealen unserer Vorfahren festzuhalten. Es ist tvohl nicht zu be¬
fürchten, daß die Spekulation über die Nichtigkeit der Welt, über
Welterlösung und Weltuntergang unter den Kulturvölkern zu einer
Verwirklichung des buddhistischen Mönchsideals führen wird, aber
dies Schwärmen für die Ideale der Buddhisten kann dennoch viel
Schaden stiften, indem es den Einfluß der Ideale unserer heiligen
Schrift schädigt. Es kann nicht geleugnet werden, daß die Inder
über das Wesen der Welt tiefe Gedanken ausgesprochen haben, aber
sie haben den Aberglauben und das Heidenthum mit ihrem Gefolge
sittlicher Verirrungen nicht aus der Welt geschafft, ihren Einfluß
nicht geschwächt, und die Lobredner derselben in Europa haben zu¬
weilen Anschauungen gehuldigt, welche mit einem großen Grundsätze
des Judenthums und der aus ihm hervorgegangenen Religionen, mit
der Lehre von der Einheit des Menschengeschlechts, im Widerspruche
stehen. Der Pessimismus hat das sittliche Bewußtsein nicht auf
eine höhere Stufe erhoben, und indem Mancher die gerechte Welt¬
regierung Gottes leugnete und über die Schlechtigkeit dieser Welt
klagte, nahm er keinen Anstand, das Recht anderer Menschen zu
beugen und die Leiden derselben in dieser Welt zu vermehren. Unsere
Philosophen lehren aber, daß es unnütz sei, über den Weltuntergang
zu spekuliren, wir haben mit Ehrfurcht die Fügungen der unerkennbaren
weltbeherrschenden Macht zu empfangen, welche uns in diese
Welt geschickt hat, wir dürfen ihre Gaben nicht verachten, unsere
Sorge muß aber darauf gerichtet sein, 'Liebe und Gerechtigkeit
zu üben.
Eine andere herrschende Idee in der Sittenlehre der Philosophen,
die ich angeführt habe, ist die der Willensfreiheit. Wohl sind die
psychologischen Anschauungen derselben schon veraltet, aber der
Umstand, daß Alle auf diese Lehre ein großes Gewicht legen, verdient
unsere besondere Beachtung. Je mehr die fatalistische Weltanschauung
unter den Muhammedanern zur Herrschaft gelangt, um so energischer
wird die Lehre von der Freiheit des. menschlichen Handelns von den <
jüdischen Philosophen hervorgehoben. Maimonides betrachtet die
Lehre von der Vorherbestimmungaller Jpcutblungen butdj ©olt al§
einen Selbstmord, als eine Vernichtung des sittlichen Wesens des '
Menschen. Wo sich ihm nur Gelegenheit bietet, schärft er es den
Lesern ein, welche außerordentliche Wichtigkeit die Lehre von der .
Willensfreiheit besitzt, daß sie eine Säule der Gotteslehre ist, auf
welche sich alle Gebote stützen. -
Dies that er einerseits, um das Eindringen der orthodox¬
muslimischen Anschauung zu verhindern, andererseits aber wurde er
durch seine Ansicht von der gerechten Weltregierung dazu gedrängt.
Nach Maimonides stammt nämlich ein sehr geringer Theil der Leiden ^
des Menschengeschlechts aus der natürlichen Ordnung der Dinge, V
denn Gott überhäuft das Menschengeschlecht mit seinen Gaben, aber
die Hauptquelle des Uebels ist der Mensch selber. Was ist die
Zerstörung, welche natürliche Unglücksfälle, wie Erdbeben, See¬
stürme und ähnliche Plagen anrichten, gegenüber den Verheerungen,
welche von den Kriegen der Völker, vom Wahne und vom Haß, von
der Maßlosigkeit und Unsittlichkeit im Menschengeschlecht angerichtet
worden? — Das ist eine Anschauung von außerordentlicher sittlicher
Motivationskraft, die sehr geeignet ist, das Gefühl der Verant¬
wortlichkeit zu stärken. Und wenn wir auch heute die Lehre von der
Willensfreiheit psychologisch anders begründen müssen, als dies zur
Zeit der mittelalterlichen Philosophen geschah, so müssen wir doch
an der Lehre selbst festhalten, denn gar manches würde anders sein
in einer jeden Generation, wenn diese, besonders aber ihre führenden
Geister, ein lebhaftes Bewußtsein von ihrer Verantwortlichkeit für
die Gegenwart und Zukunft hätten.
Es macht sich aber bei den jüdischen Philosophen immer stärker
auch der Gedanke geltend, daß das religiöse wie das sittliche Leben
selbstlos sein muß, wenn es seinen Werth nicht einbüßen soll.
Besonders Bachja und Josef Jbn Zaddik geben diesem Gedanken
Ausdruck. Ich will ihn in der Formulirung des Maimonides an¬
führen, um zu zeigen, zu welchen Resultaten die Bestrebungen der
früheren Philosophen geführt haben.
Maimonides schreibt in seiner Gesetzessammlung -, 1 ) „Niemand
darf sagen: Ich will die Gebote der Thora erfüllen und mich
mit ihrem Studium beschäftigen, damit der Segen, der in ihr
geschrieben steht, sich an mir erfülle oder daß ich des zukünftigen
Lebens theilhaftig werde, und ich will mich fernhalten von
jeglicher Sünde, welche von der Gotteslehre verboten wird, da-.
mit ich geschützt sei gegen die Flüche, die in ihr geschrieben stehen
oder daß ich des zukünftigen Lebens nicht verlustig gehe. Nicht
in dieser Weise solle man Gott dienen, denn wer Gott auf diese
Weise dient, der dient nur aus Furcht, das ist aber nicht Art der
Propheten und der weisen Männer. . . Wer Gott aus Liebe dient,
beschäftigt sich mit der Gotteslehre und ihren Geboten, er wandelt
in den Pfaden der Weisheit ohne irgend welche Rücksicht, handelt
nach den Forderungen der Wahrheit, weil sie Wahrheit ist, das
Gute aber wird am Ende von sich selbst eintreffen. Das ist aber
eine sehr hohe Stufe, und nicht ein jeder Gelehrte erreicht sie... Die
alten Meisen sprachen: „Sage nicht: Ich will mich mit der Gottes¬
lehre beschäftigen, damit Gott mir Reichthum verleihe, damit man
mich einen Gelehrten nenne, damit ich im Jenseits meinen Lohn
empfange, denn es heißt: daß du den Ewigen liebest. Was du thust,
thue es aus Liebe zu Gott." Ferner sagten die Weisen: „Es heißt in
der Schrift: die Gebote Gottes liebt er gar sehr," daraus folgt, daß man
die Gebote und nicht den Lohn der Gebote liebe. Daraus ersehen wir, ^
i) Mischne Thora, Hilchoth Teschuba, Kap. X.