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nichts zu essen. Das hat er. so vor sich gesehen, und er ist zu alt,
um seine Anschauungen und Gewohnheiten zu ändern. Es ist auch
ganz einerlei, wann man ißt, wenn man nur etwas zu essen hat.
Dafür schmeckt ihm auch der Karpfen, den ihm seine Schwieger¬
tochter, seit er Wittwer geworden ist, regelmäßig am Sabbath
Morgen vorsetzt. Ja, Gott sei gelobt und gedankt, er hat gerathene
Kinder. Aber doch tonnte er ein Gefühl des Neides nicht unter¬
drücken, als er die Produktion des Knaben anhörte.
„Du hast eine große Sechijeh,^ Reb Bür," bemerkte er mit dein
Tone aufrichtiger Bewunderung. „Ich sagte es erst neulich zu
meinen Leuten, als Siegfried vorige Woche Maftir leimte?) Eine
große Sechije?" setzte er emphatisch hinzu. „Ich hätte zehn Jahre
Leben hergegeben, wenn mein Awrom hatte lernen wollen. Es muß
schon so in der Familie liegen. In Euerem Hause kenne ich jetzt
' schon fünf Geschlechter, die „lernen" können. Ich kannte Deinen
Vater und Deinen Vetter Mosche, Deinen Großvater Reb Salme
Wolf und Deinen Urgroßvater Reb Mandl,"
In Reb Rephoel regte sich der Gelehrtenstolz. „Ueber Mosche
kann man sagen," bemerkte er brummend, „was unsere Weisen als
Regel aufstellen: „Wo kein Verstand ist, ist keine Gelehrsamkeit,"
und wenn Siegfried sollte Reb Salme Wolf nachgerathen, wird auch
kein großer Gelehrter aus ihm werden. Ein Stückchen Mischnajoth
unb Midrasch hat er zusammenbuchstabiren können. Das war seine
ganze Gelehrsamkeit."
Reb Bär schwieg betroffen, denn obwohl er die Wahrheit des
ausgesprochenen Urtheils anerkennen mußte, fühlte er sich von der
Schroffheit der Form aufs Tiefste verletzt. Auch Mordche hörte nicht
gerne den Todteu Uebles Nachreden, unb mit dem Takte, den wir
oft in ungebildeten Leuten bewundern müffen, suchte er dem Ge¬
spräche eine andere Wendung zu geben.
„Hast Du noch Reb Mandel gekannt?" fragte er, sich an Reb
Bär wendend.
Der Angeredete schüttelte stumm den Kopf.
„Ist das schon so lange?" fuhr Mordche fort.
„Gerade sechzig Jahre wird es am zehnten Kislew sein und ich
bin zu Gutem einundfünfzig." erwiederte Reb Bür.
„Merkwürdig!" sagte Mordche. „Ich denke es, als ob es
gestern gewesen wäre, wie man meinen Vater gerufen hat, daß Reb
Mandel im Sterben liegt. Ich denke auch noch, was der Row ge¬
sagt hat über ihn, und ich habe doch gar keinen Kopf für solche
Sachen. „Menachem ist ausgezogen in den Dienst des Königs, steht
in der Gemoro," hat er gesagt, „und dieser Menachem," hat er
gesagt, „ist auch jetzt ansgezogen in den Dienst des Königs aller
Könige, des Heiligen, gelobt sei er." Und er hat ihm einen großen
„Schewach"^) nachgesagt, was er für ein frommer und gelehrter
Mann war. Und geweint haben die Leute, man hätte können
Schaffer.Wasser wegtragen."
In Reb Rephoel regte sich wieder der Geist gelehrter Un¬
duldsamkeit.
„Ich;> habe Reb Mandel nicht gekannt," sagte er, „ich war ein
Kind, wie er gestorben ist. Ich weiß nur von meinein Großvater,
der mit ihm zusammen auf der Jeschiba von Reb Jonathan Eibe¬
schütz in Prag gelernt hat, man hat schon damals- gesagt: Reb
Mandel ist ein Lamden. aber er kann nichts lernen." 4 ) Mordche saß
da, wie von einem Donnerschlage gerührt, und Reb Bär hatte Mühe,
*) Glück. 2 ) Den Prophetenabschnitt vorlas. ®) Lob. 4 ) So
viel als: „Er hat eine große Belesenheit, aber keine Selbst¬
ständigkeit".
seinen Verdruß niederzttkämpfen, indem er gelassen sagte : „Ich habe
feine Bücher mit seinen Randbemerkungen und einzelne Handschriften,
die er hinterlaffen hat, gelesen, aus denen man sehen kann, daß er
großes Wissen und einen klaren Kopf gehabt hat."
(Fortsetzung folgt.)
Frtterarifche Mittheilungen.
— Die jüdische Litteratur seit Abschluß des Kanons,
herausgegeben von Dr. I. Winter und Professor Aug. Wünsche.
-.3 Bände. Berlin 1896. M. Poppelauer.
Winter und Wünsches „Jüdische Litteratur", hervorgerufen durch
den Reichthum und die Größe des jüdischen Schriftthums, trägt mit zum
Reichthum und zur Größe dieses Schriftthums bei. Es mar ein glück¬
licher Gedanke, die kaum übersehbare jüdische Litteratur dem größeren
Publikum in Form einer Anthologie zugänglich zu machen, eine Form,
in welcher diese Litteratur bis jetzt noch nicht behandelt worden ist.
/Mer nicht nur die Form, sondern auch der Stoff ist in vielen Be¬
ziehungen ganz neu, so z. B. ist der synagogale Gesang, wie er
in dieser Anthologie von Dr. A. Ackermann dargestellt wird, eine ganz
neue Erscheinung auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur. Die inneren
Gründe, warum der synagogale Gesang nur rein dargestellt, nicht aber
anthologisch vorgeführt worden ist, liegen auf der Hand; ebenso wenig
Duldet auch die jüdische Litteratur von Moses Mendelssohn
bis auf die Gegenwart, die aus der meisterhaften Feder
M. Kayserlings geflossen, eine andere Behandlung; es ist jedoch nicht
einzusehen, warum die jüdische Religionsphilosophie fast durchweg
bearbeitet, nicht aber in den Worten der Autoren vorgeführt worden ist,
-wobei natürlich gern anerkannt wird, daß die Darstellung Philipp
Blo chs ganz besonders lehrreich ist. Die Herausgeber waren nichtsdesto¬
weniger bestrebt, trotz Wahrung des Standpunktes der einzelnen Mit¬
arbeiter dem Werke die möglichste Einheitlichkeit zu geben, und wenn
man bedenkt, daß dieses große Werk in einem Zeiträume von kaum drei
Jahren zu Stande gekommen ist, so wird man der redaktionellen
Thätigkeit der Herausgeber alle Achtung zollen.
Im Einzelnen geben wir die nachstehenden Bemerkungen zur Er¬
wägung. In Band I, S. 93 ist Schekalim offenbar irrthümlich in
Seder Seraim gerathen. Daß Joma und Succa vor Rosch Haschana
zu stehen kommen, läßt sich rechtfertigen, aber zweckmäßig ist es nicht.
Dagegen hätte der Auszug aus Aboth, S. 334, entschieden zur Mischna
und nicht zur babylonischen Gemara gestellt werden müffen. Zu be¬
haupten, daß im Jeruschalmi die Kontroversen der palästinischen Schulen,
; <hn Babli hingegen diejenigen der babylonischen Schulen enthalten seien
(S. 86, vgl. 178 u. 233), dürfte kaum auf sicherer Grundlage beruhen,
denn beide Talmude enthalten Material von beiderlei Schulen. Stilistisch
mangelhaft ist die Definition: „Die Sprache der Mischna ist die neu¬
hebräische" (S. 89), denn es müßte erst gesagt werden, was man unter
Neuhebräisch versteht, wobei eigentlich ein cirealus vitiosuo herauskommt,
denn wir sprechen nur von einer neuhebräischen Sprache, insofern eben
die Mischna so geschrieben ist. Die Buber'sche Hypothese, daß Tanchuma
älter ist als Pesikta (S. 411), hätte zum Nutzen des Werkes wegbleiben
können. Unverhältnißmäßig ist Pesikta sutarthi (S. 465 f.) bedacht,
aus welcher 14 Stücke excerpirt sind, wo doch dieses Werk zur Rubrik
Bibelexegese gehört, wohin es von Professor Bacher in der That
eingereiht worden ist (II, 271). Unverständlich ist mir die Bemerkung,
daß rifi'Ky nachtalmudisch ist (I, 616), siehe dagegen Sank. 7 b.
Der zweite Band beginnt mit der Litteratur der geonäischen
Zeit von Dr. A. Kaminla. Die Darstellung dieser Epoche bietet
mannigfache Schwierigkeiten, die vom Autor nicht ganz überwunden worden
sind. Historische Bemerkungen herrschen auf Kosten der litterarischen
vor. Es wird mit dem Begriffe „Rabbaniten" operirt (S. 3), ohne
daß der Leser über Ursprung und Bedeutung des Wortes informirt
wäre. „Erwerbbezeugende Handlung" (S. 57) ist allen Jenen unver¬
ständlich, die da nicht wissen, was das talmudische „Kinjan" ist. Auf
Seite 63 entschuldigt sich Dr. Kaminka in einer Nachbemerkung, daß er
für Säadia in seiner Eigenschaft als Leiter einer talmudischen Hoch-