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schule ein Stück aus Emunot. we-Deot mittheilt; sehr charakteristisch,
fürwahr! Aber die Nachbemerkung hatte sich auch auf andere Un¬
zukömmlichkeiten erstrecken sollen, und dann hätten wir die erbetene
Entschuldigung lieber gegeben. Besser bewährt sich Dr. Kaminka in
seiner anderen Schrift: „Die rabbinische Litteratur der spanisch-
arabischen Schulen." Besonders rühmend ist hervorzuheben die schwünM
volle Schilderung der Halacha (S. 344 f). Warum aber hier (in
Spanien) von der rabbinischen Litteratur im weiteren Sinne, in Italien,
Frankreich und Deutschland hingegen nur von der Halacha gesprochen
wird, ist schwer herauszufinden; auch ist es , unseres Erachtens un¬
begründet, zwischen der rabbinischen Litteratur Spaniens und derjenigen
des übrigen Europa derart streng zu unterscheiden, daß sogar zwei
besondere Abhandlungen daraus werden, vielmehr sollte diese Litteratur
nach den Rubriken: Kommentare, Responsen, Novellen, Kodifikationen re.
behandelt werden, ein Verfahren, welches für das 13. bis 18. Jahr¬
hundert von Dr. S. Bä ck mit viel Geschick befolgt wurde. Von Dr. S. Bäck
stammt auch die Darstellung der Darschanim, und wir müssen den
Herausgebern nur beipflichten, daß sie zur Zierde des ganzen Werkes
gereicht (Vorwort zum II. Bande). In dieser lichtvollen, gelehrten
Darstellung vermissen wir jedoch die Erwähnung von Tischreden, wie
sie bei Hochzeiten, Beschneidungen rc. noch jetzt in vielen Gemeinden ge¬
halten werden. -..$•»
Die po etische Litte ratur, von Dr. A. Sulzbach geschrieben,
wird , gewiß nicht verfehlen, Interesse und Liebe für die jüdische Litteratur
auch in weiteren Kreisen zu erwecken. Zu Keroba, nach dem Verfasser
soviel als „Opferdarbringung" (III. 7), möchten wir auf die Ausführungen
Heidenheims in der Einleitung zu seinem Machsor (Wien 1834)
verweisen, wo es viel richtiger einfach „Gebet" heißt, insofern mW
hauptsächlich die Tesilla als „Hintreten" vor Gott bezeichnete. — Die
jüdische Mystik und Kabbala hat von Dr. Philipp Bloch eine
überaus gelehrte und gründliche Behandlung erfahren. Die Vermuthung,
‘Din wäre identisch mit dem mystischen .‘höd (S. 223),
entfällt, nachdem ersteres Werk nunmehr aufgefunden und herausgegeben
wurde. Die Behauptung, daß das *100 relativ jung sei, j^t
nicht hinlänglich erwiesen. -
In der Abhandlung: Geschichte,. Geographie und Reise¬
litte ratur, von Dr. A. Lew in geschrieben, find nicht weniger als.
70 Autoren und Werke behandelt; gewiß das sprechendste Zeugniß für
die Vielseitigkeit und Wichtigkeit der jüdischen Litteratur! Betr. der Aus¬
wahl der Autoren und Lesestücke ließe sich hie und da rechten, doch würde
dies zu weit führen.
Es liegt in, der Natur einer Anzeige, daß in derselben mehr die
Rüge als das Lob zu Worte kommt. Wollten wir jedoch vorliegendes
Werk nach Gebühr würdigen, so kämen wir aus den Lobeserhebungen
gar nicht heraus. Und da dürften die Namen I. Fürst, M. Grün-
baum und I. Hamburger aus der Ruhmeshalle uicht fehlen. Wir
wollen jedoch nicht verschweigen, daß die'öfteren Verweisungen auf
Hamburgers Real-Encyklopädie in der Schrift desselben Autors sich
gar nicht gut ausnehmen; gehört denn eine biblische und talmudische
Real-Encyklopädie nothwendig zur Geschichte der — Karüer? Um so
wohlthuender wirkt der Takt eines Kayserling, dessen Name für die
moderne jüdische Litteratur soviel bedeutet, in der von ihm beschriebenen
neuesten Litteratur jedoch fast gar nicht erwähnt wird. Nun ist diese
Darstellung der neuesten Litteratur zwar nicht ganz frei von Parteilich¬
keit; man muß sich aber fragen, wer hätte dieses heikle Thema mit
weniger Parteilichkeit geschrieben, als eben Kayserling? Besonders aber
wer hätte es mit größerer Vollständigkeit geschrieben? Dieser ab¬
schließende Theil setzt auch dem ganzen Werke die Krone auf.
Schließlich muß noch hervorgehoben werden, daß das Werk von
der frühere Verlagsbuchhandlung Sigmund Mayer in Trier in wahr¬
haft splendider Weise ausgestattet wurde, wodurch sie sich die Anerkennung,
aller Freunde der Litteratur reichlich gesichert hat.
Budapest, Oktober 1896. Dr. Samuel Krauß.
----- In der heutigen, von der antisemitischen Atmosphäre geradezu
verpesteten Zeit dürfte es gewiß Niemand wundern, wenn es eine gewisse,
mit dem Nimbus der Gelehrsamkeit sich umgebende Sorte eigenthümlicher,
Skribenten giebt, die im Namen der Wissenschaft Sünde auf Sünde häuft.
Man denke nur an den sonst talentirten Treitschke, dessen
unversöhnlicher Haß gegen das Judenthum ihm das Urteilsvermögen in
dem Maße trübte, daß seine Werke, so geistreich sie in der Form auch
gehalten sein mögen, für die wahre und objektive Geschichtsforschung
fast werthlos sind. Treitschke schrieb die Preußische National¬
geschichte. Wäre es ihm aber beschieden gewesen, über Alterthums¬
wissenschaft zu schreiben, dann könnten wir dessen sicher sein, dah er
über unseren großen Jesaias, von dem selbst protestantische Gelehrte
sagen, er allein reiche an die Gyöße, Erhabenheit und Sittenreinheit des
Stifters der christlichen Religion heran, hergefallen wäre, um ihn als
Hosen verkaufenden Juden zu beschimpfen.
Diese traurige Zeiterscheinung drückt uns die Feder in die Hand,
um eine erfreuliche Thatsache zu konstatiren, die zu anderen Zeiten gar
nicht als außerordentliches Phänomen angestaunt würde. Der als
Philosoph, besonders aber als Psychologe und Aesthetiker weit über die
Gauen Oesterreichs bekannte Wiener Universitätsprofessor Dr. Alfred
Freiherr von Berger, der zu viel deutschnationale Gesinnung verräth,
als daß er im Gerüche eines „Judenknechtes" stehen könnte, hat jüngst
ein Büchlein unter dem Titel „Studien und Kri'tike n" veröffentlicht,
worin er den großen Hellenen Aeschylos, diesen genialen Schöpfer
des Dramas, mit dem großen jüdischen Propheten Jesaias vergleicht.—
„Psychologisch — meint Berger — ist Aeschylos Jesaias zu vergleichen.
Er spricht nicht mit dem Bewußtsein, sich sinnreicher Redesiguren zu
bedienen, in treffenden Metaphern, sondern wie ein wahrträumender Seher
muß er sich seine Gedanken aus der Folge glühender Bilder herausdeuten,
in welcher sie sich ihm offenbaren." — Wohl findet Professor Berger
in Jesaias dieselben Dunkelheiten, wie in Aeschylos, und sie bleiben ihm
dort ebenso wie hier räthselhaft, wobei doch mindestens zu unter¬
scheiden wäre, daß Jesaias ein göttlicher Prophet, während der Hellene
Aeschylos höchstens ein von Gott begnadeter Dichter gewesen sei.
Allein wie dürfen wir deswegen mit dem ausgezeichneten Wiener Ge¬
lehrten rechten! Können wir doch von ihm nicht verlangen, daß er
bei derartigen wissenschaftlichen Untersuchungen, gleich uns, auf dem
Boden des traditionellen Judenthums stehe. Im Gegentheil. In dieser
von Strebersucht und Haß schwangeren Zeit, wo selbst der Wissenschaft
heilige Hallen in Mitleidenschaft gezogen werden, registriren wir in
diesen Blättern gerne und anerkennend, daß ein nichtjüdischer Gelehrter
in Wien genug ybjektiv ist, die Geistesgröße jüdischer Geistesheroen,
wenn auch in seiner Weise, anzuerkennen.
Birovitica (Slavonien). Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann.
Sprechfaul.
Sehr geehrter Herr Doktor!
An Ihrem geschätzten Blatte Nr. 30 wundert sich Herr Moritz Scherbe!
<3Ö in seinem Aufsatze „Aus Ostpreußen", daß eine Verlagsbuchhandlung
einem Kränken- und Beerdigungsverein seine „Schmonzes und
Berijonzes" zur gelegentlichen Benutzung empfiehlt. Wie groß wird aber
erst das Erstaunen des Herrn Scherbe! gewesen sein, wenn er in derselben
Nummer die Notiz las, daß ein Kranken- und Beerdigungsverein
eine Festlichkeit mit dramatischen Darstellungen und Ball ab-
gehalten hat. Ist es da der Verlagsbuchhandlung zu verdenken, wenn /
sie ihre „Schmonzes und Berijonzes" feilbietet?
Ein alter Abonnent.
*
Sehr geehrter Herr Doktor!
Ä uf die Anfrage des Herrn Rechtsanwalt Dr. Meyer (in Nt. 51 der
„Allg.Ztg. d. Judenth.") erlaube ich mir ergebenst darauf hinzuweisen,
daß eine schone, poetische Uebersetzung des„Noaus zur jeschuossi“ vorhanden
ist, welche rhythmisch ganz der bekannten Melodie angepaßt ist. Die
Uebersetzung rührt von A. Horwitz her, dem früheren verdienten
Leiter der hiesigen Jüdischen Gemeinde-Knabenschule, und steht auch im
Gebetbuch der neuen Synagoge. Hochachtungsvoll und ergebenst
Dr. S. Hamburger.
(Diese vortreffliche und echt poetische Uebertragung kannte wohl
Herr Dr. Meyer, aber sie ist wohl doch dem kindlichen Sinne nicht recht
verständlich. Da müßte eine einfachere Bearbeitung erfolgen. D. Red.)
Druck und Verlag von Nudols Mosfe in Berlin.
Verantwortlich für die Redaktion: Mcix Bauchwitz in Berlin.