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„Die amerikanische Kolonie in Jaffa (Syrien) ver¬
öffentlicht einen Aufruf an alle wohlthätigen und men¬
schenfreundlichen Gesellschaften und Individuen um Bei¬
stand, damit sie nach ihrer Heimath in Maine zurück¬
kehren können. Sie sagen, daß sie von ihrem Propheten,
G. I. Adams, betrogen worden sind, der sie in verschie¬
denster Weise hintergangen und getäuscht habe. Ihre
Ernte ist gänzlich mißrathen und sie sagen: „so sind wir
nun in diesem Lande, gänzlich ruinirt, krank an Fieber
und Schmerzen, ohne Mittel, mit abgetragenen Kleidern,
unsere Kinder ohne Schule oder irgend einen anderen
Unterricht, in vollständiger Unwissenheit aufwachsend —
vom Klima leidend, den nahen Hungertod vor Augen
und ohne die geringste Aussicht auf irgend eine Art Ar¬
beit oder Mittel, unseren Lebensunterhalt zu verdienen.
Von den 157 Seelen, die mit uns von Amerika abse¬
gelten, sind 54 zurückgekehrt, 17 gestorben; die übrigen
86 — 16 (Herr Adams, seine Familie und 13 andere)
ausgenommen — sehnen sich Alle nach Amerika zurück.
Aber 40 von diesen sind jetzt von Herrn Adams so voll¬
ständig abhängig in ihren Existenzmitteln, daß sie sich
fürchten, ihren Wünschen und Ueberzeugungen gemäß
öffentlich hervorzutreten und deshalb diesen Aufruf nicht
Unterzeichneten." Die Bestätigung ihrer Aussagen ist
von dem Konsul der Vereinigten Staaten bekräftigt, der
Beiträge in Empfang nimmt."
Korrespondenz.
Noch ein prozcs) in Sachen der böhmischen Juden-
Verfolgungen.
Prag, 26. August.
Wir haben es einmal in diesem Blatte übernommen,
zu genauerer Charakterisirung die Criminalprozesse, welche
in Folge der im vorigen Jahre in Böhmen stattgefun-
denen Mißhandlungen der Juden geführt worden, zu
schildern, und haben heute über den letzten derselben zu
berichten, nämlich betreffend den in Rakonitz. Es sind
26 Personen angeklagt worden.
Der Sachverhalt, auf dem die Anklage fußt, ist in
Kurzem folgender: Der Einmarsch der Preußen wurde
in Rakonitz mit jedem Tage erwartet. Da siel mitten
in die bange, ängstliche Stimmung der Einwohner eine
große Rekruten-Aushebung. Aus allen Gegenden des
vom Feinde noch nicht besetzten Bezirkes strömten die
jungen Leute in die Stadt, um assentirt zu werden. Da
sie unter sich nur wenig jüdische Rekruten sahen, glaub¬
ten sie, daß den Juden hinsichtlich der Assentpflicht Ver¬
günstigungen gewährt worden seien; ein redegewandter
Schneider versäumte nicht, den erhitzten Köpfen diesen
Umstand so überzeugend als möglich darzustellen, und
ein Bergmann, der früher bei der Gendarmerie gedient
hatte, trat als Gesetzkundiger auf, um der Menge dar-
zulegen, daß sie berechtigt sei, ein wenig die Häuser der
Rakonitzer Juden zu plündern, und daß ihnen hierfür
nichts geschehen dürfe. Diese Auslegung des Gesetzes
wurde mit großem Beifall ausgenommen, und in Aus¬
führung derselben wurde sofort vor dem Hause des Mo¬
ses Reiser Halt gemacht und aus demselben Speck und
Branntwein herausgeschleppt.
Ein einziger Stadtschütze aber, welcher mittlerweile
herbeigekommen war, genügte, um die Rotte auseinander
zu treiben, nachdem sie zuvor noch alle Fensterscheiben im
Hause zertrümmert hatte. Am Ringplatze sammelte sich
wieder die Menge und der Ruf: „Ihr unglücklichen
Christen, ihr müßt mit Blut, die Juden aber mit Sil¬
ber zahlen", erbitterte aufs Neue dieselbe und unter
Wuthgeschrei zog sie vor das Haus des Michael Perutz,
von dort durch mehrere Gendarmen und Stadtschützen
weggetrieben, drängte sie in den Laden des Weinhändlers
Stein, woselbst ihr ebenfalls durch Gendarmen und einige
Einwohner der Stadt kräftiger Widerstand entgegengesetzt
wurde. Der Haufe zog grollend ab und begab sich zum
zweiten Male vor die Wohnung des Michael Perutz, riß
auf der Gasse das Pflaster auf, schlug mit den Steinen
die Fenster sammt Rahmen und die von Innen versperr¬
ten Fensterläden ein. Perutz hatte sich schleunigst mit
Weib und Kindern über den Hof in das Haus des ll,.
Trojan geflüchtet und stieg dann in die Wohnung und
den anstoßenden Laden, öffnete die von Innen verriegelte
Ladenthür und ließ das übrige Gesindel, welches schreiend
und johlend aus der Gasse stand, in den Laden ein.
Nnn wurde Alles im Hause in Stücke geschlagen, der
Branntwein aus den Gefäßen ausgelassen, der Rosoglio-
Vorrath nebst Kleidungsstücken, Barschaft und Werth-
fachen gestohlen. Der angerichtete Schaden beziffert sich
auf 1572 fl.
Die Anklage lautet auf das Verbrechen der öffent¬
lichen Gewalttätigkeit und das Verbrechen des Dieb¬
stahls. Beider Verbrechen sind fünf Angeklagte beschul¬
digt, sechs Andere sind blos der öffentlichen Ge¬
waltthätigkeit, acht blos des Diebstahls und die
Uebrigen der Diebstahlstheilnehmung angeklagt.
Notiz.
Der höchste Gehalt, den jetzt irgend ein jüdischer
Beamter empfängt, ist wohl der des Rev. K. Gutheim
in Neu-Orleans. Bei der letzten Zusammenkunft seiner
Gemeinde wurde sein jährlicher Gehalt von 4000 auf
6000 Dollars erhöht, und die Majorität der Mitglie¬
der ist entschlossen bei der nächsten Zusammenkunft ihn
bis auf 8000 zu steigern.
Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld.
Verantwortlicher Redakteur ör. H. Lotze.