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heiligten Form gewordenen Opfern, und dieses fand
denn selbst bei den Talmudisten trotz ihrer unerschütter¬
lichen Verehrung für die Formen des mosaischen Gesetzes
seinen Ausdruck. Ihre Ansicht, daß auch zur Zeit des
Opfercultus die Schuld-, Sühne- und Versöhnungstags¬
opfer ohne Buße und Bekenntniß die Sündenvergebung
nicht bewirkten, wie wir sie in der zuerst Gürten Stelle
des Maimonides, auf Talmudstellen begründet, ausge¬
sprochen fanden, war demnach ganz natürlich.
Die Frage ist nun: sind die Talmudisten hierbei
schriftgemäß verfahren? oder stehen sie mit der h. Schrift
hierin im Widerspruch, indem sie diese mißverstanden?
Dieses ist der Angelpunkt unserer Untersuchung.
Wir haben bereits oben eine Anzahl Schriftstellen
aus den Propheten und den h. Scribenten angeführt,
welche die Sündenvergebung lediglich von der Sinnes¬
änderung, der Umkehr im Thun und Lassen, dem de-
müthigen Bekenntniß und der innigsten Zuwendung zu
Gott abhängig machten, ohne nur im geringsten auf
das Erforderniß von Opfern, als ein unentbehrliches
Mittel der Sündenvergebung, hinzuweisen. Diese Schrift¬
stellen gehörten zweifellos der Zeit an, in welcher der
Tempel- und der Opfercultus bestanden, ja reichen in die
Zeit Salomo's hinauf, der den Tempel erbauete. Wir
haben uns aber noch auf Schriftstellen zu berufen, welche
sogar gegen die Opfer gerichtet sind, und ihnen alle
Bedeutung absprechen, ja sie für religiös schädlich er¬
klären, wenn den Darbringenden der gottesfürchtige
Lebenswandel, die aufrichtige Umkehr und Befferung
fehlt. Es reichen diese Stellen bis in die Zeiten Sa¬
muels hinauf, der (l. Sam. 15, 22.) dem Könige Saul
erwiderte: „Hat der Ewige Gefallen an Ganzopfern und
Schlachtopfern wie an Gehorsam gegen die Stimme des
Ewigen? Siehe! Gehorsam ist bester denn Opfer, Auf¬
merken denn der Widder Fett!" Iesaias ruft gleich
am Eingänge seiner Prophetieen (I, 11.): „Wozu mir
eurer Opfer Menge? spricht der Ewige. Satt bin ich
der Ganzopfer von Widdern, des Fettes der Mastkälber,
am Blut der Farren und Lämmer und Böcke Hab' ich
keinen Gefallen;" und darauf (V. 16.> „Waschet euch,
reinigt euch, schafft das Böse eurer Werke aus meinen
Augen hinweg, höret auf zu freveln." In gleichem
Sinne spricht Iesaias II die Nichtigkeit der Opfer vor
Gott aus (4ü, 16.) Ja Jeremias (7, 21—23) kommt
zu dem Ausspruche: „Also spricht der Ewige der Heer-
schaaren, der Gott Israels: „Eure Ganzopfer füget zu
euren Schlachtopfern, und effet Fleisch davon. Denn
nicht redete ich zu euren Vätern und nicht gebot ich
ihnen, am Tage, da ich sie aus dem Lande Mizrajim
führte, Betreffs des Ganzopfers und des Schlachtopfers:
sondern dies Wort befahl ich ihnen, sprechend: auf meine
Stimme höret, und ich werde euch zum Gotte sein, und
ihr werdet mir zum Volke sein, und wandelt in allem
Wege, den ich euch gebiete, damit es euch wohlergehe."
Hiemit wollte der Prophet selbstverständlich nicht sagen,
daß in der Offenbarung nach dem Auszuge aus Aegyp¬
ten gar kein Opsergesetz gegeben worden, sondern, daß
nicht dies das Hauptgebot Gottes an Israel gewesen
und der Zweck der Offenbarung, vielmehr die Anbetung
Gottes und ein Lebenswandel nach den Geboten des
Herrn; wie denn auch in den Zehnworten und in dem
Gesetze bei Marah (worauf sich die Tradition hierbei be¬
ruft) nichts von Opfern vorkommt.
Höchst wichtig sind aber hierfür zwei Psalmen, von
denen der eine zweifellos von David selbst, der andere
von einem Aßaph aus der Zeit Salomos abgefaßt ist,
In dem ersteren (40) will der Sänger, der sich aus
furchtbarer Gefahr durch die Hand Gottes gerettet sieht,
dem Herrn „ein neues Lied, einen Lobgesang" darbrin¬
gen, und stellt besten Werth dem der Opfer gegenüber.
Das Lied wird Vers 5—11 mitgetheilt. Hier heißt es
(7—9): „Schlacht- und Speisopfer begehrest du nicht
— hast mir ja Ohren gehöhlet — Ganz- und Sühn¬
opfer forderst du nicht. Da sprach ich: Sieh, ich komme,
in der Buchrolle ist mir vorgeschrieben: Deinen Wil¬
len zu thun, mein Gott, begehr' ich, und deine Lehre
ist in meinem Innersten." Der Sänger ist offenbar
durch seine Feinde von der Opferstätte ferngehalten, und
sie weisen höhnend darauf hin, daß er keine Opfer brin¬
gen könne. Hierauf antwortet er, indem er die volle
Bedeutung und Wirksamkeit des mit frommem Sinne
und Thun verbundenen Liedes, d. i. Gebetes, auch ohne
Opfer, geltend macht. Aßaph aber führt folgende Worte
in feierlichster Weise ein (50, 7—15): „Höre, mein
Volk, ich will reden, Israel, ich will wider dich zeu¬
gen: Gott, dein Gott, bin ich. Nicht um deine Opfer
verweis' ich dich, und deine Ganzopfer sind stets vor mir.
Nicht mag ich nehmen aus deinem Hause Stiere, aus
deinen Hürden Böcke. Denn mein ist alles Gewild des
Waldes, die Thiere auf Bergen bei Tausenden. Ich
kenn' alle Vögel der Berge, der Fluren, Gewild ist mir
kund. So mich hungerte, dir sagt' ich's nicht, denn
mein ist der Erdball und was ihn erfüllt. Eff' ich denn
Fleisch der Thiere und und trink' ich Blut der Böcke?