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Und irtetaft eine Todtenstille im Lande, die Straßen
verödet, die Dörfer verfallen, die Städte voller Trüm¬
mer, die Ebenen verbrannt, die Wälder entblättert. Nur
hier und da, wo das Gewässer durch eine tiefere Niede¬
rung floß und sich länger gehalten hatte, trafen sie auf
ein fruchtbares Stück Land, auf eine schmale Ebene mit
Wiesen und Maisseldern, mit Oelbäumen und Dattel¬
palmen, mit Granaten- und Feigenbäumen, Zeugendes
Landes, in welchem ehemals „Milch und Honig floß."
So begrüßte sie insonders freundlich der Garten von
Tiberias am Ufer des blauen Sees, daß, als von der
Höhe herab ihr Blick darüber hinschweifte, nachdem sie
eben die furchtbar öden Gebirgswege überwunden hatten,
sich ein unendlicher Druck von ihren Herzen löste, und
ein Ausruf des Entzückens ihren trocknen Lippen ent¬
fuhr. Aber welch' neue Schrecknisse warteten ihner, als
sie der Stadt sich näherten. Das furchtbare Erdbeben vom
1. Januar >837 hatte seine sichtbaren Spuren noch
überall hinterlafsen, als wenige Monate vor ihrer An¬
kunft abermalige Erdstöße einen großen Theil der Stadt
in Schutthaufen verwandelten. Die alten und die neuen
Trümmer vereinigten sich, um den Anblick für jedes
Menschenherz zu dem traurigsten von der Welt zu machen.
Die Mauern lagen gebrochen, das Castell zerstört, die
Thore glichen Höhlen, in die man sich nur mit Angst
hineinversenken konnte. Gerade das Viertel, in welchem
die arme jüdische Bevölkerung wohnte, war jedesmal
von den Erdstößen am härtesten mitgenommen worden.
Viele waren umgekommen, Viele hatten die Stadt ver¬
lassen, die Zurückgebliebenen wankten zwischen den Schutt¬
haufen umher, einige schaufelten an den Trümmern ihrer
Wohnungen herum, um daraus zu retten, was etwa
verschont geblieben.... Unsere Reisenden flohen bald diesen
Aufenthalt des Unglücks und des Elends und zogen die
Höhen wieder hinauf nach Safed. Aber war es hier
anders? In den Bergen von Safed befand sich der
Mittelpunkt dieser unterirdischen Bewegung, hier waren
die Stöße am heftigsten gewesen, und von hier aus strahl¬
ten sie nach verschiedenen Richtungen aus. Dennoch sah
es in Safed schon wieder viel erträglicher aus. Die Be¬
wohner waren ein kräftiger, rühriger Menschenschlag, die
sofort wieder Hand anlegten, ihre Wohnungen aus den
Trümmern wieder herzustellen. Es war an einem Frei¬
tage, daß Gottheil und Amalie in Safed anlangten, und
sie fanden auf dem Markte ein starkes Gewühl von Land¬
leuten, welche besonders Fische hereingebracht; sie sahen
Glaubensgenoffen und ihre Frauen in der Menge, und
freuten sich diese von befferein und reinlicherem Aussehen
zu finden, als die übrigen Bewohner. So konnten sie
hier ruhig die Sabbatrast halten. Aber mit wie vielen
Klagen wurden sie überschüttet, als sie sich erst in der
Mitte ihrer Glaubensbrüder befanden! Die Chachamim
waren von dannen gezogen und ihre Schulen geschlossen,
denn wovon sollten sie hier bestehen? Die kostbare Bücher¬
sammlung war zu Grunde gegangen, die Synagogen
lagen in Trümmern, und man flüchtete sich in kleine
Betstuben; die Zukunft lag düsterer vor ihnen als selbst
die traurige Vergangenheit. Hier wandelte sich jedes Ge¬
betwort in einen Weheruf, in einen Nothschrei, jeder
Psalm in ein Klagelied. (Fortsetzung folgt.»
Obermedicinalrath Dr. Heinrich Herz.
(Nekrolog.)
Wiesbaden im Monat September 1867.
Im Beginn dieses Monats haben wir einen Mann
zu Grabe getragen, dessen Tod die allgemeinste Theil-
nahme erregte, wie dies seiner Zeit hiesige und auswär¬
tige Blätter, die dessen langjährige, wahrhaft segens¬
reiche Thätigkeit, seine Bedeutung als Arzt, sein un¬
eigennütziges Wirken rühmend hervorhoben, in ehrendem
Nachrufe bekundeten.
Für unsre Glaubensgenossen aber ist das Leben dieses
Mannes, der zu den wenigen Juden gehört, welche in
Deutschland schon vor dem Jahre 1848 als Staats¬
diener eine bedeutende Stellung einnahmen, von zu hohem
Jntereffe, als daß wir nicht die wichtigsten Daten des¬
selben in diesem Archiv des Judenthums niederlegen sollten.
„Ich bin selbst auch ein Stück Geschichte des Juden¬
thums" sagte er oft selbst, wenn von den Anstrengungen
und Kämpfen unsrer Glaubensgenossen um bürgerliche
Gleichstellung die Rede war. Und in der That war es
der einzige Stolz dieses hochverdienten Mannes, der all¬
gemein als eine der Zierden des nassauischen Beamten¬
standes galt, daß er als Jude es zu seiner Stellung
gebracht hatte.
D,-. Heinrich Herz, der Zweitälteste Sohn des nassau-
weilburgischen Hofagenten Löw Herz, wurde am 3. April
1795 geboren. Sein Vater, der selbst eine für die da¬
malige Zeit nicht gewöhnliche Erziehung und Bildung
genossen hatte, schickte seine Söhne in das damals be¬
rühmte Weilburger Gymnasium, wo Männer wie Krebs,
Eichhof, Schellenberg u. A. wirkten. In diesem Gym¬
nasium weilte Herz von seinem 9. bis 17. Jahre und
erwarb sich durch seinen Fleiß und seine hervorragenden
Talente die Liebe aller seiner Lehrer. Im seinem >8.
Jahre bezog er die Universität Marburg, studirte daselbst
bis 1815, ging hierauf nach Würzburg und, nachdem
er 1816 in Marburg promvvirt hatte, zu seiner prak¬
tischen Ausbildung ein Jahr nach Wien. Im Jahre 1817
kehrte er in die Heimath zurück, meldete sich zum Staats¬
examen und erhielt die Note: „Vorzüglich gut be¬
standen". In der damaligen Zeit wurde in Nassau
das Medizinalwesen neu vrganisirt, die Äerzte wurden
Staatsdiener, wie dieß noch bis vor Kurzem der Fall
war, und vom Staate besoldet. Aber obwohl es da¬
mals an Candidaten fehlte, mn alle neugeschaffenen Stel¬
len zu besetzen, bemühte sich unser Herz, trotz seines
guten Examens vergeblich um Anstellung. Seine Be¬
mühung scheiterte an dem Princip, es schien etivas
Unerhörtes, einem Juden eine Anstellung zu geben, und