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chenß von bet goldenen Äungfrau und den Wassern deS
Lebens und des Todes findet sich im obengenannten
Maasebuch Cap. 143. und zwar in folgender Weise:
Einem gottlosen König von Israel riechen die Ael-
testen, ein Weib zu nehmen, darum daß er sollte fromm
werden. Der König bestellte sie, um ihnen Antwort zu
ertheilen, über acht Tage wieder, und als sie da kamen,
kam eben ein großer Vogel geflogen mit einem Haare
im Schnabel, das wie eitel Gold aussah und so lang
wie der König war, nnd warf es auf des Königs Achsel.
Da Hub der König das Haar auf und erklärte den Ael-
testen, er wolle kein ander Weib nehmen, als die, von
welcher das Haar gewesen wäre, und wenn sie ihm die
nicht brächten, würde er sie Alle umbringen lassen. Nun
lebte damals der Rabbi Chanina, der 7 o Sprachen und
die Sprachen der Thiere verstand und beim Könige in
großen Gnaden war, weshalb ihm ein Theil der Aelte¬
sten feind war. Diese gaben dem Könige an, er solle
dem Rabbi den Auftrag geben, der könne es zu Wege
bringen. Der Rabbi erhält den Auftrag und macht
sich mit l 2 Gulden und drei Laib Brodes aus. Unter¬
wegs theilt er einem Raben und einem Hunde von sei¬
nem Brode mit und läßt einen eben gefangenen großen
Fisch, den er zwei Fischern für die l 2 fl. abkauft, wie¬
der ins Wasser. Er kommt endlich in die Stadt der
Königin, welcher jener Vogel, als sie sich einmal im
Garten gewaschen, ein Haar ausgerupft hatte und trägt
ihr des Königs Werbung vor. Sie erklärt sich bereit,
mit ihm zu ziehen, wenn er ihr vorher zweierlei zu Wege
bringe. Zuerst solle er Wasser ans dem Paradies und
Wasser aus der Hölle schöpfen. Wie der Rabbi deshalb
rathlos zu Gott betet, kommt jener Rabe, den er vom
Hungertod errettet, und redet ihn an und läßt sich zwei
Krüglein an die Flügel hängen. Darauf fliegt er in
die Hölle und füllt das eine, und vor großer Hitze ver¬
brannten seine Federn, rasch fliegt er zum Bach, der
aus dem Paradies fließt und füllt das andere Krüglein,
da waren seine Federn wie zuvor. Er bringt dem Rabbi
die Krüge und dieser bringt sie der Königin, welche die
Wirkung der Wasser an ihrer Hand erprobt. Hierauf
stellt ihm die Königin als die zweite Bedingung auf,
einen ins Meer gefallenen Ring ihr wieder zu schaffen.
Als der Rabbi traurig am Meere betet, kommt der
dankbare Fisch geschwommen und verspricht ihm Hilfe.
Er schwimmt hierauf zum Leviathan und erzählt ihm
Alles, worauf der Leviathan befiehlt, daß der Fisch, wel¬
cher den Ring habe, ihn heransgebe. So bekommt ihn
der Fisch des Rabbi, schwimmt an das Ufer, wo der
Rabbi wartet und speit ihn ans Land. Da kommt
aber eben ein wild Schwein vorbei und verschlingt ihn.
Wie deshalb der Rabbi jammert, kommt jener Hund,
den der Rabbi einst gespeist, läuft dem Schwein nach
und zerreißt es. So bringt der Rabbi der Königin
den Ring und sie zieht mit ihm nach Israel und gefällt
dort dem Könige gar sehr. Wie nun die Aeltesten
sehen, daß der Rabbi deshalb in großen Gnaden stand,
erschlagen sie ihn heimlich, aber die Königin bestrich ihn
mit Paradieseswasier und machte ihn wieder lebendig.
Das wollte der König auch versuchen und ließ sich von
einem Knechte todtschlagen. Da goß die Königin das
Höllenwasser auf ihn und er verbrannte zu Asche, wo¬
rauf die Königin zu den Aeltesten sprach: Nun seht ihr,
wäre der König nicht ein gottloser Mensch gewesen, so
wäre er auch wieder lebendig geworden. — Nun ward
der Rabbi König und Gemahl der Königin.
Daß dieses Märchen der Anlage der Tristansage
sehr nahe steht, ist nicht zu verkennen. Die Hauptper¬
sonen, die dort anstreten, sind dieselben, die auch hier
uns vorgeführt werden. Die Jungfrau mit den gol¬
denen Haaren ist die blonde Isolde, Rabbi Chanina
ist der jugendliche Tristan und der alte König von
Israel: Marke. Ebenso ist auch die Haupthandlung in
beiden, was Werbung, Heimführung und Herzensver¬
bindung betrifft, eine und dieselbe, und in dem Liebes¬
und Todcstrank, in deren Besitz Isolde ist, erblicken wir
das Paradieses- und das Höllenwasser. Ausschmückung und
Verlauf sind freilich verschieden und zwar aus nahe¬
liegenden Gründen. Unser mehr moralischen Zweck ver¬
folgendes Märchen gefällt sich in der ausführlichen Schil¬
derung der Mittel und Wege, wodurch die Braut ge¬
wonnen ward, und hebt die Dankbarkeit der Thiere,
oder den Lohn für die den Thieren erwiesene Wohlthä-
tigkeit re. hervor; die Tristansage dagegen verweilt lieber
bei der Wirkung des Liebestrankes. — Letztere — die
Tristansage — endet tragisch für die Liebenden, sie ge¬
hen ln ihrer Liebe zu Grunde und der alte Marke
überlebt sie; das Märchen, als solches tragischem Aus¬
gange abhold, endet heiter, der alte gottlose König wird
beseitigt und die Liebenden heirathen sich.
Dr. H. E.
Notiz.
Dir Zahl der Opfer nach dem mosaischem
Gesetze.
Es ist eine bereits öfter gemachte Bemerkung, 'daß
in dem mosaischen Opfergesetze unverkennbar die Absicht
ausgesprochen ist, die Opfer so viel wie möglich zu ver¬
einfachen. Schon daß, während bei den heidnischen
Culten die Opfer aller möglichen Thiere und sogar der
Menschen*) verbreitet waren, ebenso wie bei einigen von
Kräutern, Blumen und Früchten, das mosaische Gesetz
aber nur die vier Arten: Rind, Schaf, Ziege und Taube
*) Opsergegenstände des Heidenthums waren z.B. Pferd,
Schwein, Esel, Krokodil, Habicht, Wachtel, Huhn, Hirsch, Eber,
Hund u. s. w. Menschenopfer fanden auch in Griechenland und
Rom Statt und wurden erst von den späteren heidnischen rö-