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Allgemeine
Zeitung des Iu-mthums.
Ein miWtciischcs Organ sür alles jüdische Interesse.
Diese Zeitung erscheint wöchentlich.
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Nr. 115) und Oesterreich bei allen
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Herausgegeben von
Rabbiner Di*. Ludwig Philippson in Bonn.
GZepeöition: Leipzig, Woßpkcth 18 .
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einzusenden.
50. Jahrgang. Leipzig, den 27. April 1886.
Nr. 18.
Inhalt. Leitende Artikel: Der Nationalitätenkamps. — Ans dem ungarischen Abgeordnetenhausc. — Wohlthätige Werke. — Zeitungs¬
nachrichten: Deutschland: Berlin, Kassel, Aus Württemberg, München. — Oesterreich-Ungarn: Pest, Wien, — Frank¬
reich: Paris. — Palästina: Jerusalem. — Rußland: Bonn, Moskau, Von der russ. Grenze. — Bonn: Notizen. — Bonn: Lite¬
rarische Botizen. — Feuilleton: Zur Würdigung eines bedeutenden Mannes. — Aus beit letzten Tagen des römischen Ghetto.
S.eitz-x'i&e d-r-tif! c (.
Bonn, 22. April.
Der Nationalitätenkampf.
Wer die europäischen Staaten, selbst abgesehen von ihren
auswärtigen Besitzungen, überblickt, findet, daß sie alle mit
geringer Ausnahme in ihrem Staatsgebiete mannigfaltige
Nationalitäten beherbergen, allerdings in sehr verschiedenen
Dimensionen. Frankreich befaßt jetzt Savoyarden und Italiener ;
das kleine Belgien besteht aus zwei Völkerschaften, die mit ein¬
ander in fremden Sprachen reden; die Schweiz setzt sich aus
französischen, deutschen und italienischen Schweizern zusammen.
Auch Großbritannien umfaßt die Engländer, Schotten und
Iren, alle drei sehr verschiedenen Ursprungs und Charakters
und zu Zeiten sehr feindseliger Gesinnung. Das deutsche
Reich hat Polen, Dänen und Franzosen zu seinen Staats¬
angehörigen. Wie bunt es im österreichischen Kaiserstaate an
Nationalitäten aussieht, braucht man nur anzudeuten: Deutsche,
Czechen, Polen, Ruthenen, Magyaren, Slaven mit den
Kroaten, Sachsen (Siebenbürgern), Rumänen, Slovaken,
Italiener, Dalmatier und jetzt auch Bosniaken u. a. wohnen
größtentheils unter einander, in Wohnsitzen derselben Bezirke.
Und wer könnte die Völkerschaften zählen und deren Racen
sicher bestimmen, welche unter dem Scepter des russischen
Kaisers vereinigt sind, noch dazu jetzt, nachdem die russische
Herrschaft so große Fortschritte in Centralasien gemacht hat?
Gerade in Rußland aber hängen die außereuropäischen Be¬
sitzungen unmittelbar mit den europäischen zusammen und
bilden ein continuirliches Ganzes. Selbst in Spanien mußten
die Basken erst vor Kurzem mit Waffengewalt unterworfen wer¬
den. So hat also die Geschichte die Nationalitäten unter einander
geworfen und die verschiedenartigsten zu einem Staatswesen
verbunden. Kein Staat aber giebt einen Theil seiner Unter«
thanen freiwillig auf und mögen sie von der Majorität seiner
Bevölkerung noch so verschieden sein. Ja, in den meisten
Fällen wäre auch gar keine Grenzlinie zu ziehen, da wenigstens
in großen Grenzdistrikten die Bevölkerung gemischt ist, und
in jedem geordneten Staatswesen stets Glieder der einen
Nationalität in die Landschaften der anderen einziehen. Seit
ältester Zeit besteht dieses Verhältniß, und je mehr ein Staat
sich ausdehnte, desto mannigfaltiger wurde seine Bevölkerung.
Sowohl die seit alter Zeit die Völker beherrschende Lust zu
erobern und andere Völker zu unterwerfen, als auch der
Wanderungstrieb der Nationen, der so oft die Besitzthümer
und Grenzen außerordentlich verschob, und endlich die Terri¬
torialkriege der mittelalterlichen und modernen Staaten haben
diese geschichtliche Wirkung gehabt. Es entstand natürlich
hieraus immer die Frage, wie in dem betreffenden Staate
die verschiedenen und besonders die unterworfenen Völker von
Seiten des Staates behandelt werden sollen? Welche Rechte
den Eroberern und herrschenden Klassen eingeräumt, wie viel
des Rechtes den Unterworfenen gelassen werden soll? Diese
Frage wurde auf sehr verschiedene Weise beantwortet. Ent¬
weder die Völker wurden nur tributär gemacht, hatten Steuern
und Krieger zu beschaffen, wurden aber sonst in ihren Ge¬
setzen, Sitten und Religionen sich selbst überlassen; oder sie
wurden bis zu Sklaven oder Leibeigenen herabgedrückt; oder
der Staat drängte sein Recht und Gesetz und seine Religion