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und Sitte den unterworfenen Völkern aus und verwaltete
das Ganze nach seinen Einrichtungen, nach den Abstufungen
seiner Klassen und Rangordnungen. Die Geschichte bietet nun
als Wirkungen dieser Erscheinung sehr mannigfaltige Ereig¬
nisse dar. Oft harrten die Völker aus, bis von Außen her
ein gewaltiger Stoß den ganzen Staat zusammenstürzte; oder
aus dem Gewühle der Nationen erhob sich innerhalb des
Reiches ein bis dahin unterworfener Stamm, brach die Macht
des herrschenden und setzte sich an dessen Stelle; oder eine
Nation vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten, erhob
sich begeistert gegen den Unterdrücker, erwarb sich Freiheit
und Selbständigkeit oder ging in diesem Kampfe unter. Selten
kam es vor, daß sich der Gedanke Bahn brach, aus all' den
niedergeworfenen Völkern durch Aussöhnung, Ausgleichung
und gleichartige Behandlung ein großes Staatsganzes zu
machen und hierdurch alle seine Glieder an dieses zu fesseln;
noch seltener gelang dies. Als ausgezeichnet und wohl der
erste hierin haben wir Alexander den Großen hervorzuheben,
der während seiner kurzen Regierung von dem Gedanken
sich leiten ließ, die Griechen und Perser gleich zu behandeln
und alle unterworfenen Völker in ihrer Eigenart bestehen
zu lassen und zugleich mit der hellenischen Cultur zu ver¬
schmelzen. Sein Geist ging wenigstens auf die Herrscher
von Egypten über, indem die Ptolemäer Egypter, Griechen
und Juden als gleichberechtigt ansahen und behandelten. Im
späteren römischen Reiche wurde eine Milderung dadurch er¬
zielt, daß das römische Bürgerrecht auf Millionen, selbst
außeritalischer Staatsangehörigen ausgedehnt wurde.
In der Mitte unseres Jahrhundert hatte sich die Mei¬
nung verbreitet, daß, so verschieden auch die Nationalitäten
in einem Staate seien, sie durch eine liberale Staatsver¬
fassung, welche allen ihren Staatsangehörigen das gleiche
Recht, die gleiche Freiheit ihre Individualität zu Pflegen,
gewährt, sämmtliche Theile der Bevölkerung zu einem Ganzen,
zu einer friedlichen Einheit erhoben würden. Man hatte
hierbei die Schweiz und die nordamerikanische Union vor
Augen. In jener lebten die verschiedenen Stämme und Cvn-
fessionen unter dem Schutze der neuen Bundesverfassung
durchaus friedlich mit einander. In der Union trafen Milli¬
onen aus den verschiedensten Völkern zusammen, und nur
ein Mal machten die aristokratischen Natives einen Anlauf,
sich gegen den Einfluß der Fremdgeborenen zu schützen,
machten jedoch damit in kurzer Zeit Fiasco. Durch den
blutigen Bürgerkrieg wurde die letzte Ungleichheit, die der
Rassen, beseitigt. Der jüngste Sturm in Californien gegen
die Chinesen hat keinen nationalen, sondern einen gewerb¬
lichen Grund. Von dieser Idee der Eintracht der Nationali¬
täten in einem verfassungsmäßigen Staate war man zu einer
Zeit getragen, wo das Nationalgefühl im öffentlichen Leben
nur noch eine geringe Rolle spielte, wo der Drang nach politischer j
freiheitlicher Staatsordnung noch den Hauptimpulr bildete. Bald
sollte jedoch die Erfahrung darüber enttäuschen. Mit dem
Kampfe der Italiener und der Deutschen um ihre Reichsein¬
heit und gegen die Staaten, die dieser feindlich oder hindernd
entgegentraten, so wie schon mit dem Ringen der kleineren
unter der Herrschaft der Türken stehenden Nationalitäten
nach Befreiung von diesem Joche, erwachte in den europäischen
Völkern das Nationalgefühl in starkem Maße und durchdrang
bald alle politischen und socialen Verhältnisse. Nicht minder
hatte sich in den größeren Staaten mit gemischter Bevölkerung
bald erwiesen, daß auch in einem Verfassungsstaate Cultur
und Bevölkerungszahl auf die Stellung und Behandlung
der Nationalitäten einen bestimmenden Einfluß üben und
namentlich in der Verwaltung durch Vor- und Nachtheile
nicht unwirksam blieben. Schon die Reichseinheit forderte,
daß, nach einer gewissen nationalen Richtung der einen Na¬
tionalität eine gewisse Suprematie über die anderen zuge¬
standen werden müsse. Hiergegen erhob sich das schnell ent¬
flammte Nationalgefühl, und immer heftiger, immer leiden¬
schaftlicher, immer gehässiger wurde der Streit der Nationalitäten
im Schoße des Staates. In einigen Ländern kam der con-
fessionelle Hader hinzu und schärfte die Waffen des Kampfes,
wenn die sich betheiligt glaubende Nationalität einer bestimmten
Confessio» angehörte. Die eben bestandenen Kämpfe großer
Staaten mit einander, der Sieg auf der einen, die Nieder¬
lage auf der anderen Seite, brachte den Nationalhaß unter
großen Völkern zum Paroxismus. Und so sehen wir gegen¬
wärtig in vielen Theilen der civilisirten Welt das National¬
bewußtsein in höchster Blüthe, aber auch den Nationalhaß
in feindlichster Spannung Staaten gegen einander und im
tief greifeudsten Streite in einem und demselben Staate
halten. Fürwahr, dieser Zustand der Dinge steht einem
Jeden täglich so vor Augen, daß er einer genaueren Schil¬
derung und seiner traurigen Folgen nicht bedarf. Nur
Eines wollen wir hervorheben.
Auch die Meinung war seit langer Zeit verbreitet, daß
auf keinem Wege der Völkerfriede sicherer bewirkt werde als
vermittelst der materiellen Interessen, des Jneinanderwachsens
der materiellen Interessen seitens aller Völker, so daß eben
eine tiefer greifende Schädigung eines Volkes auch die
der anderen zur Folge habe. Der ungeheure Aufschwung
der Communikationsmittel und die dadurch bewirkte wachsende
Annäherung der Staaten und Völker, der sich fort und fort
steigernde Austausch materieller und geistiger Erzeugnisse, der
wiederum die Creditverhältnisse aller zu identificiren begann,
alles dies schien die Richtigkeit jenes Gedankens zu verbürgen.
Aber auch hierin sollte man sich getäuscht finden. Bon der
politischen Seite der Nationalleidenschaften kam man zur in¬
dustriellen und kommerziellen. Es erwachte eine Eifersucht,
eine Rivalität der Nationen auf dem gewerblichen und Handels-