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die unbegrenzte Fläche des Meeres im Glanz der verglim¬
menden Himmelslichter schimmerte, und erhob zum ersten
Mal seit langen, langen Jahren Arme und Augen zu dem
Gott, den er wieder gefunden.
Mn einem Gebetlein, das ihn die Mutter gelehrt, be¬
gann er; dann aber rief er den Höchsten an wie einen mäch¬
tigen Berather und bat ihn mit inbrünstiger Wärme, ihm
den Weg zu weisen, auf dem er, ohne ihm und dem Vater
ungehorsam zu werden, den Eid, den er dem Könige geleistet,
nicht zu brechen, und nicht zum Ehrlosen zu werden brauche
in den Augen derer, denen er Großes verdankte.
„Als treuer Gott, der den Eidbruch straft," rief er in
die Höhe, „preisen dich die Deinen! Wie kannst du von mir
fordern, daß ich mich treulos erweise und die Schwüre breche,
die ich geschworen? Was ich bin und vermag, gehört dir,
du Großer, und Blut und Leben bin ich gewillt, meinem
Volke zu weihen. Doch bevor du mich in Ehrlosigkeit stür¬
zest und Eidbruch, raffe mich don hinnen und betraue einen
Andern, den kein heiliger Schwur bindet, mit dem Werke,
zu dem du deinen Diener erkoren."
So flehte er, und es war ihm, als habe er einen Freund,
den er verloren gemeint, in den Armen gehalten. Dann
schritt er still weiter durch die schwindende Nacht, und wie
das erste Morgengrauen erwachte, ebbte in ihm die Hoch-
fluth der Gefühle, und der besonnene Truppenführer begann
wieder ruhig zu denken. — Josua beschloß, obschon er sich
schwerer Strafe gewärtigen mußte, zu Pharao zu gehen und
ihn um Entbindung von seinem Eide zu bitten. Pharao
nahm ihn wider Erwarten freundlich auf und erfüllte sein
Gesuch, aber unter der Bedingung, daß er sofort zu den
Führern des Volkes sich begebe und diese überrede, nach drei¬
tägigem Opfer in der Wüste das Volk znrückzuführen. Man
wolle diesem neue fruchtbare Sitze im nordwestlichen Theile
des Delta einräumen, es solle fortan von selbstgewählten
Voigten regiert werden und Josua Statthalter sein. Richte
er dies nicht aus, so müsse er zu Pharao zurückkehren, und
hierauf hatte er einen neuen Eio zu leisten. Natürlich hatte
seine Sendung keinen Erfolg, er kehrte seinem Eide gemäß
zurück, wurde mit Ketten belastet und zu den Minen ver-
urtheilt. Hier machte er sich frei, stieß zu den Israeliten
und führte sie alsbald nach schwerem Kampfe zn einem glan¬
zenden Siege über die Amalekiter.
Vermischtes.
Frucht der Frömmelei.
Was die Frömmelei Alles zu thun im Staude ist, be¬
weist folgende Geschichte, die sich in Nord-Ungarn jetzt ab¬
spielt.
In Szilad lebte lange Jahre hindurch ein Ehepaar im besten
Einvernehmen. Da erhielt die Frau von ihrem in Jerusalem leben¬
den Bruder einen Brief, worin sie dringend eingeladen wurden,
nach Jerusalem zu kommen und dort ihre Tage zu beschließen.
Der fromme Bruder theilte ihr aber noch den Rath, sich
früher von ihrem Gatten scheiden zu lassen und von ihm, ihr
noch seinem Tode ihr zuzufallendes Erbe von 500 Fl. zu
erlangen, da sich für sie in Jerusalem eine — gute Partie
finden werde. In dieser Angelegenheit standen die Alten
dieser Tage vor dem Galcoczer Rabbinat, welches den Frie¬
den unter ihnen herzustellen versuchte, was aber an dem Starr¬
sinn des Weibes scheiterte. Die Scheidungsklage kommt nun
vor das kompetente Gericht, welches sie wahrscheinlich wegen
ihrer Grundlosigkeit abweisen wird. —
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Erzherzogin Marie Louise über die Jud^n in
Preßburg.
Da Erzherzogin Marie Louise, die als Gemahlin Napo¬
leon I. den Thron Frankreichs bestieg, hatte im Jahre 1802
längeren Aufenthalt in Preßburg, der ungarischen Krönungs¬
stadt, genommen. Aus dieser Zeit sind einige Briefe von
ihr erhalten, in welchen sie auch der Inden erwähnt. Es
sei Sitte bei den Juden Preßburgs, schreibt sie, daß, so oft
; ein Reichstag staitfinde, vier Paare auf Kosten des Königs
ausgeheirathet werden. Auch weiß sie von der Existenz eines
i Freihauses zu berichten, bei dessen Betreten jeder Jude, er
> mag gestohlen oder einen Mordschlag verübt haben, gegen
! Verfolgung geschützt und geborgen ist. Dieses Haus enthielt
! einen Saal, in dem sich die Statuen der Gerechtigkeit, der
i Wohlthütigkeit und der Barmherzigkeit befanden. Sie wohnte
j auch einmal dem Gottesdienste in der Synagoge bei, die hell
! beleuchtet war und wo die Juden nach jedem Psalm unter
! Begleitung von vielen Trompeten und Pauken derart laut
! Vivat riefen, daß mir dies tic-tac in der Brust machte."