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der Vulgata, das ist der nicht immer korrekten, aber von der Kirche
rezipirten lateinischen Uebersetzüng des Kirchenvaters Hieronymus
bekannt.^ Der hebräische Text war in den Händen der Juden, die
über besten Reinheit mit der größten Aengstlichkeit gewacht haben,
die aber gesellschaftlich zu verachtet waren, als daß man sie zuin
besseren Verständniß der Bibel hätte zu Rathe ziehen mögen.
Johannes Reuchlin (1455—1520), einem der größten deutschen
Humanisten, gebührt das Verdienst, in den christlichen Kreisen
Deutschlands zuerst das gründliche Studium der hebräischen Sprache
angebahnt und das lebhafte Interesse für dasselbe erweckt zu haben.
Er, der „Phönix Germaniens", trug kein Bedenken, wo es sich um
die Wahrheit handelte, in die Judenschule herabzusteigen und sich in
der hebräischen Sprache von jüdischen Gelehrten unterweisen zu
lassen, in Italien von : dem Arzte Obadja atls Sforno und in
Deutschland von Jacob ben Jehiel Loans, dem Leibarzt des
Kaisers Friedrich III. Außer der hebräischen Sprache, die er in
seinem Werke „knäirnenia lingua6 hebraicae“ grammatikalisch
und lexikographisch behandelte, war es besonders die jüdische Geheim¬
lehre oder Kabbala, in die er sich vertieft und der er -zwei Schriften
gewidmet hat, „äe verbo mirifico" („vom wunderthätigen Worte"),
nämlich dem vierbuchstabigen Namen Gottes, und „de arte caba-
listica“ („von der kabbalistischen Kunst"), nämlich durch mystische
Buchflabenkombinationen und Zahlenspielereien die Geheimnisse der
Bibel zu enthüllen. Der christliche Messiasgedanke ist der Angel¬
punkt der ganzen Kabbala. Das war seine Ueberzeugung, sein
Standpunkt, von dem aus er die Kabbala behandelte. Die Juden
stimmten diesem Standpunkt nicht bei, aber sie waren doch erfreut
darüber, daß ein so hervorragender christlicher Gelehrter sich ein¬
gehend mit der hebräischen Sprache beschäftigte. Sie erblickten in
dieser Beschäftigung eine Würdigung ihres bisher von christlicher
Seite verspotteten Schriftthums. Sie waren stolz darauf, daß auf
verschiedenen Universitäten Lehrstühle der hebräischen Sprache, in
der Gott zu ihren Vorfahren geredet hat, errichtet wurden. Die
Renaissance der hebräischen Sprache in christlichen Kreisen war der
erste Lichtstrahl, der in die finstere Judengasse fiel, der erste Schritt
zur Milderung des Vorurtheils gegen die Juden. Die religiöse
Duldung ist eine Frucht des Humanismus. ,
Die ärgsten Gegner der Juden sind von jeher die Renegaten
gewesen, die als Christen um so feindseliger gegen ihren früheren
Glauben auftraten. Das sehen wir unter Anderen an Johannes
Pfefferkorn (1464—1522). einem getauften Juden aus Köln, der in
den Jahren 1507—1509 in mehreren Pamphleten seine friiheren
Glaubensgenossen auf das Heftigste angegriffen und verleumdet und
deren gesammtes Schriftthum als christenfeindlich denunzirt hat.
Gestützt auf die Empfehlungen einflußreicher Personen, namentlich
der Kölner Dominikaner, an deren Spitze der Ketzermeister Jacob
von Hochstraten stand, erwirkte Pfefferkorn sogar von dem Kaiser-
Maximilian die Vollmacht, sämmtliche jüdischen Bücher zu konfisziren.
Mit den Juden in Frankfurt a. M. machte er den Anfang. Der
Erzbischof von Mainz erhob Einspuch gegen diese in seinem Sprengel
vorgekommene Eigenmächtigkeit und nahm auf den Befehl des
Kaisers die ganze Angelegenheit selbst in die Hand. Er forderte
mehrere Universitäten und einzelne Gelehrte zur Abgabe von Gut¬
achten auf, ob und inwiefern Pfefferkorns Anklage begründet sei.
Reuchlin, ebenfalls aufgefordert, war der Einzige, der sich unbedingt
zu Gunsten des jüdischen Schriftthums und selbst des besonders an¬
gefeindeten Talmuds ausgesprochen hat.
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Eine Kochzeit nach der Schlacht bei
Austerlitz.
Nach dem Französischen von 8. X.
® uttenhausen ist ein hübsches Dorf, in einem malerischen
Thale mitten im Schwarzwald gelegen. Christen und
Inden, ungefähr gleich an Zahl, lebten hier zu Anfang
dieses Jahrhunderts in schönster, nie getrübter Eintracht, was beiden
Theilen zil statten kam. Jene brachten durch die Vermittelung der
Juden die reichen Erträge ihres Bodens, mit denen sie in der Ab¬
gelegenheit ihres Dorfes nichts anzufangen wußten, zu Markte, und
durch die erzielten Gewinne gelangten sie zu einer Wohlhabenheit
llnd einem Wohlstände, um den sie von ihren nicht so günstig
gestellten Nachbarn'vielfach beneidet wurden. Die Juden wiederum
wurden überall gern gesehen und hatten sich durch ihr freundliches,
stets dienstbereites Verhalten manchen treuen Freund unter der
christlichen Bevölkerung erworben, die ihre Rückkehr ins Dorf stets
mit Freuden begrüßte. Die seßhaften jüdischen Dorfbewohner waren
meistentheils Greise, Frauen und Kinder, die kräftigen Männer
waren nur an Sabbatheu und Festtagen zu Hause, die übrige Zeit
hielten sie sich bald hier, bald dort auf, wo sich ihnen die Ge¬
legenheit zur Betreibung ihrer Geschäfte bot. Sie wählten mit
Vorliebe Buttenhallsen zu ihrem Wohnsitz, weil sie dort den „Jischuf"
leichter als an vielen anderen Plätzen erlangen konnten. In Deutsch¬
land wie auch in Frankreich vor der Revolution war die Erlangung
des Jischuf, b. h. des Rechtes der Niederlassung damals mit großen
Schwierigkeiten verbunden, und in Ermangelung einer solchen ober¬
hoheitlichen Erlaubniß schmachtete manches Brautpaar Jahrzehnte
lang, ohne den Ehebund schließen zu können.
Die Liebe und die Freundschaft verbinden, nicht minder vereinigt
aber auch der Haß, und die christliche und die jüdische Bevölkerung
trafen zusammen in der Feindschaft gegen den Herrn des Dorfes
den Grafen von Liebenstein. Es hat kaum einen schlechteren Menschen
geben können als diesen Grafen, finster und roh in seiner äußeren
Erscheinung, hochmüthig und stolz, rücksichtslos und hart im Verkehr
mit den ihm Untergebenen, überaus eifersüchtig auf seine Standes¬
vorrechte und seine sogenannte souveräne Autorität, umsomehr,
als schon die Kunde von der französischen Revolution und die
sie begleitenden Umwälzungen auch in dieses friedliche Thal
gedrungen war. Der Gedanke, daß seine Rechte, die er so un¬
erschütterlich fest wie den Grund der Erde hielt, nur in Frage
könnten gezogen werden, versetzte ihn in unbeschreibliche Wmh,
und er wähnte in seiner Augst, seine Macht durch Verschärfurig der
Gesetze und durch größere Härte und Unerbittlichkeit befestigen zu
können. . Wenn auch alle seine Unterthanen unter ihm schwer litten,
so fühlten seinen. Grimm doch vor allem die schwachen, Hilfslosen
und rechtslosen jüdischen Bewohner seines kleinen Gebietes. Vor
langer Zeit hatte die jüdische Gemeinde sich gegen schweres Geld
von seinen Vorfahren das Niederlassungsrecht für vierzig Familien
erkauft; diese Zahl war durch die Duldsamkeit und Nachsicht der
Grafen von Liebenstein bald um ein bedeutendes überschritten.
Der gegenwärtige Herr des Dorfes hatte sofort bei dem Antritt