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„Ihr habt es errathen," antwortete Nathan, „ich komme von
Euch eine Gunst als Belohnung zu erbitten, die Ihr mir nicht ab-
schlagen werdet. Seid mein Gast bei meiner Hochzeitsfeier, die
übermorgen begangen wird. Das ganze Dorf wird zugegen sein.
Welche Ehre für einen Juden, einen Herrn, wie Ihr seid, als Hoch¬
zeitsgast zu empfangen."
„Elender Jude! Du bist wahnsinnig geworden. Du Dich ver-
heirathen? Habe ich es Dir nicht verboten? Ich, Dein Herr!"
„Mein Herr? Das seid Ihr nicht mehr! Nicht mein Herr und
nicht der irgend eines Anderen. Das ist unwiederbringlich vorbei."
Mit diesen Worten verließ er den Grafen, dessen Wuth keine
Grenzen kannte. Er hatte wohl von harten Maßnahmen gehört,
die gegen ihn und seinesgleichen ergriffen werden sollten, hatte aber
nicht geglaubt, daß der Augenblick schon gekommen war, und noch
immer auf einen Zufall gehofft, der das Geschick von ihm und den
Anderen abwenden würde. Nun hörte er aus dem Munde des
Juden sein Urtheil gesprochen, er vernahm im Voraus den Jubel,
der bei der Nachricht von dem Ende feiner stolzen, übermüthigen
Herrschaft losbrechen würde, sah schon die schadenfrohen höhnischen
Blicke feiner früheren Unterthanen auf sich gerichtet. Es war an
der Thatsache nicht mehr zu zweifeln, als am dritten Tage der
Rabbiner von Hechingen Nathan und Rahel zu einem Ehepaare
verband. Im ganzen Dorfe herrschte die ausgelaffenste Freude,
überall Tanz und Spiel und Theilnahme an dem Glücke der Neu¬
vermählten, nur nicht im Schlöffe des Grafen. Er wollte von den
munteren Tanzweisen, die bis in sein Schloß drangen, nichts hören;
sie klangen in seinen Ohren wie die Posaunentöne des jüngsten
Gerichts und machten sein Herz erstarren. Ein plötzlicher Tod traf
ihn, eine solche Demüthigung konnte er nicht überleben.
Die Kunde von seinem Hinscheiden wurde im ganzen Dorfe
ohne Mitgefühl und Bedauern ausgenommen. und keiner seiner Unter¬
thanen, am wenigsten Nathan Goldenberg, weinte ihm am Grabe
eine Thräne nach.
Kprerffscral.
Sehr geehrter Herr Redakteur!
ie haben in Ihrer Nummer vom 29. Oktober 1897 einen Artikel
von Emanuel Baumgarten gebracht, der sich: „Jüdische Politik"
nennt, und der, ohne den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens zu nennen, im Wesentlichen nur eine Bekämpfung der Zwecke
und Ziele des Vereins bezweckt.
Durch die Aufnahme in Ihrem geschätzten Blatte hat der Artikel
eine über seinen Inhalt hinausgehende Bedeutung erhalten, und da er
abgedruckt ist, ohne daß die Redaktion zu ihm Stellung genommen hat,
so sei es mir gestattet, mich in aller Kürze mit ihm zu befassen.
Herr Baumgarten will, wie er sagt, „geradeaus der Frage auf den
Leib gehen, ob es eine jüdische Politik giebt?"
Nachdem er eine fast zwei Jahrtausende andauernde Vergewaltigung der
Juden konstatirt hat, finvet er nicht genug Worte der Klage, daß zur Abwehr
antisemitischer Unthaten die Schaffung jüdisch-politischer Vereine
beliebt worden sei, denn dadurch werde das Feuer wilden Antisemiten¬
hasses zur mächtigen Flamme angefacht. „Welche Wirkung hätte es
jedoch machen müssen," sagt Herr Baumgarten, „wenn nichtjüdische
Männer mit weit hinaustönenden Namen und in hervorragender Lebens¬
stellung an die Front der Bertheidiger des arg attackirten Rechts sich
gestellt hätten, und wie armselig, wenn nicht gleich Null, mußte der
Effekt bleiben, den diese Vereine zu Wege brachten."
Ich frage: Wo war nun Herr Baumgarten in den letzten zwanzig
Jahren? Weiß er denn nicht, daß sich solche nichtjüdischen Männe
mit weit hinaustönenden Namen und in hervorragender Lebensstellung
vor dieFront gestellt haben und daß die Juden zur Selbstvertheidigung
sich erst zusammengeschaart haben, als jene Hilfe edelgesinnter Christen
sich als nicht wirkungsvoll genug erwies, um die antisemitische Be¬
wegung aufzuhalten oder einzudämmen?
Nachdem infolge der Zeitläufte das Häuflein nichtjüdischer Männer
immer mehr zusammengeschmolzen war, bedurfte es vor fünf Jahren
nur eines zündenden Funkens, um in Tausenden deutscher Juden die
Begeisterung für den Gedanken zu wecken, daß wir selbst einzustehen
haben für unsere Religion, unsere staatsbürgerlichen Rechte, unsere Ehre
und unsere Persönlichkeit. Hätte der Centralverein bisher nichts anderes
zu Wege gebracht, als in den deutschen Juden Stolz und Selbstbewußtsein
zu wecken, so wäre das Verdienst genug. Seit die Juden sich massenhaft
um die Fahne der Selbstvertheidigung schaaren, ist die Sprache in anti¬
semitischen Versammlungen und der antisemitischen Presse eine andere
geworden, und in zahllosen Fällen ist dem bedrängten Rechte Recht
geworden.
Wenn Herr Baumgarten den Effekt des Centralvereins auf Null
taxirt, so können wir mit ihm nicht rechten, denn wir kennen seine Tax-
prinzipien nicht.
Herr Banmgarten scheint anzunehmen, daß der Centralverein nur ge¬
schadet, „das Feuer wilden Hasses erst zur mächtigen Flamme angefacht
hat". Aber Herr Baumgarten übersieht, daß der Centralverein ja erst
seit 5 Jahren besteht, und er wird doch nicht zu behaupten wagen, daß
in dieser Zeit die offene Flamme antisemitischen Feuers größer geworden ist.
Um Herrn Baumgartens Gnade zu finden, hätten wir also ruhig
bleiben und die Hände in den Schooß legen sollen? Beileibe nicht!
„Damit ist," sagt Herr Baumgarten selbst, „beileibe nicht gesagt, daß
man die Hände in den Schooß legen soll. Nichts wäre verfehlter als
das; nicht blos ein Recht, sondern eine Pflicht ist es, gegen seine An¬
greifer sich zur Wehr zu setzen. Will man nicht von den Wölfen ge¬
fressen werden, „darf man sich nicht zum Schafe machen; aber
in einem solchen (!) Falle gebietet es der gesunde Menschen (!) verstand,
vorerst seine Kräfte zu messen und bei ungünstigem Befunde willig die
Hilfe anzunehmen, die anderseitig winkt." Wir müssen solchen nicht¬
jüdischen Kandidaten zum Siege verhelfen, deren Freisinnigkeit und Ge¬
rechtigkeitsliebe keinem Zweifel unterliegt."
Nein! Wenn das die Meinung des Herrn Baumgarten ist, weshalb
der ganze Artikel, warum ärgert er sich denn da so über die sogenannte
jüdische Politik des Centralvereins, der da doch im Grunde genommen
nichts anderes thut, als was Herr Baumgarten vorschlägt. Daß der
Centralverein ein jüdisches „Centrum" nicht schaffen will und kann, hat
er doch oft genug betont. Hat Herr Baumgarten sonst keinen anderen
Grund zum Aerger als die makant aufdringliche Weise, mit der die
in Rede stehenden Vereine für die nicht-jüdischen Kandidaten propagiren,
und verletzt dieses markant aufdringliche Verhalten das Axiom des Herrn
Baumgarten, daß es keine jüdische Politik giebt, dann mag Herr
Baumgarten uns gütigst in einem kommenden Artikel darüber aufklären,
wie man es machen soll, wenn man,'wie er will, sich wehren, sich nicht
zum Schafe machen, mit nichtjüdischen Bürgern die Waffen des
Geistes schwingen soll, um die finsteren Mächte zu überwinden, jüdische
Politik dadurch treiben soll, daß man sich der gerade nach vorwärts
strebenden, mit Sicherheit zur Förderung und Befestigung des Staats¬
wohls führenden Richtung in der Bethätigung öffentlichen, gesellschaft¬
lichen, privaten und kulturellen Lebens anschließt und dabei nicht ein¬
mal mit markanter Betonung seines Standpunktes für den nichtjüdischen
Kandidaten Propaganda machen darf. Vielleicht klärt Herr Baumgarten
die Leser dieser Zeitung auch darüber auf, warum seine Vorschläge nicht
„jüdische Politik" sind, während die Bestrebungen und die Ziele des der
Parteip olitik völlig fernstehenden Centralvereins, jüdische Politik" sein sollen.
Berlin, 16. November. Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs.
(Nach unserer Ueberzeugung hat Herr Baumgarten nicht im Ent¬
ferntesten bei seinem Artikel an den hiesigen „Centralverein deutscher
Staatsbürger jüdischen Glaubens" gedacht, dessen Wirken er sicher
nur billigen würde, sondern an mehrere politische Vereine in Wien.
Die Red.)
Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.
Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.