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die „Krenzzeitung"; als eiueit guten- Konservativen. Aber wer
hat überhaupt den Antisemitismus großgezogen, wenn nicht die
konservative Partei? Wie wurden . nicht auf Tivoli Antisemiten
und Christlich-Soziale bejubelt? Vergebens war gewarnt worden,
der Ruf Gegen die Inden" werde, schnell eine Ergänzung erfahren:
„Gegen Inden und Junker!" Man glaubte auf der Rechten, den
?lntisemitismus als Vorspann benutzen zu können; er sollte Mittel
zum Zweck- sein. Aber die Konservativen haben sich in. Herrn
Liebermann von Sonnenberg ebenso getäuscht wie in Herrn Stöcker
und Herrn Förster. Mit dem Kampf gegen die Juden ist es ziemlich
vorbei ; denn ein Jegliches hat seine Zeit. Das ist die Ironie der
Geschichte. Indem die konservative Partei demagogische Strömungen
begünstigte, um sie für die eigenen Mühlen auszunutzen, hat sie ihr
Haus untergraben. Antisennten, Christlich-Soziale, Deutsch-Soziale,
National-Soziale, Vündler, sie alle sind > von konservativem Boden
ansgegangen, ihre Wurzeln führen allesammt nach der Rechten zurück.
Mit diesen Bewegungen ist es der konservativen Partei gegangen wie
dem Fürsten Bismarck mit der Sozialdemokratie. In ihren Anfängen '
glaubte er sie brauchen zu können. Aber ein solches Spiel ist ge¬
fährlich. Die dunklen Triebe waren später bei den Antisemiten und
Christlich-Sozialen ungefähr dieselben wie ehedem bei den Sozial¬
demokraten; aber die Konservativen glaubten es noch einmal ver¬
suchen zu sollen; sie wollten den Liberalen sowohl wie den Sozial¬
demokraten den Wind aus den Segeln nehmen, indem sie das
antisemitische und.christlich-soziale Banner flattern ließen. Gegen die
Juden, das sollte so viel heißeil wie gegen „die reichen Kerls"; so
drückte sich schon vor achtzehn Jahren einer der politischen Pastoren
im Kreise Beeskow aus. Aber weiß man erst den Haß gegen „die
reichen Kerls" anzustacheln, hält man derlei Mittel im politischen
Kampfe für gerecht, so wird schließlich nicht gefragt, ob das Geld
ans dem Handel oder dem Grundbesitz stammt, ob der Reichthum
in christlichen oder jüdischen, in nrgermanischen oder semitischen
Händen ist.' Denn dieser Haß, so wenig wie der Besitz, kennt eine.
Konfession oder Rasse.
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Eilte interessante Gerichtsverhandlung hat in dieser Woche
in Riesenburg in Westpreußen stattgefunden. Man schreibt uns darüber:
„Dem jüdischen Kultusbeamten Lewithan von hier war am
8. Oktober d. Js. von der hiesigen Polizeiverwältung eine Straf¬
verfügung über 5 Mark oder 1 Tag Haft zugestellt worden, weil er in
Uebertretung des § 360 Nr. 8 des Strafgesetzbuches am 8. Juni d Js.
bei einem jüdischen Begräbniß unbefugter Weise die Arntskleidyng
der evangelischen Geistlichen angelegt hat. Hiergegen hat Herr
Ldwithan auf richterliche Entscheidung- angetragen. Zur Beurtheilüng
der Sache warf der Gerichtshof die Fragen auf: „Ist der von
den evangelischen Geistlichen getragene Ornat als eine Amtskleidüng
im-Sinne des Gesetzes anzusehen?" 2. „Ist dieselbe bestimmt vor¬
geschrieben?" und 3. „War die von dem Angeklagten benutzte Amts¬
tracht mit der ersteren identisch?" Obgleich Herr Lewithan zugab,
denselben Ornat getragen zu haben, welchen er bei Verrichtung seiner
gottesdienstlichen Amtshandlungen in der Synagoge trägt, auch nicht
bestritt, daß derselbe der Amtskleidung der evangelischen Geistlichen
ziemlich ähnlich fei, erkannte der Gerichtshof nach langer Be¬
ratung auf Freisprechung und Uebernahme- der Kosten auf die
Staatskasse. In der Begründung des Urtheils wurde hervorgehyben,
daß die evangelischen .Geistlichen nicht , als Beamte im Sinne des Straf¬
gesetzbuches anzusehen seien, und obgleich in einer früheren Kabinets-
ordre die Amtstracht für die evan gelischen Geistlichen bestimmt vor-
ges ch rieben ist, so fehlt doch in der betreffenden Kabinetsordre jede
St^fandrohung gegen solche Personen, die etwa dieselbe Kleidung an-
legen oder sonstwie gegen die Bestimmungen verstoßen."
Aus dem Lager der galizischen Antisemiten brachten .
österreichische Blätter jüngst einen Bericht, der wieder einmal lebhaft
an die Geschichte von Bileam erinnert, die sich ja int Leben der.
Inden so oft wiederholt hat. Es heißt dort:
„In der katholischen Lesehalle, dem Bereinigungspunkte der polnischen
Antisemiten, wurde im Verlaufe einer längeren Debatte der Umstand
hcrvorgehoben, daß die hier von Antisemiten ins Leben gerufenen exclusiv
christlichen Institute und Vereine bei der Lieferung verschiedener Bedarfs¬
artikel und bei Arbeiten die Mithilfe von jüdischen. Gewerbetreibenden
und jüdischen Arbeitskräften in bedeutendem Maße in Anspruch nehmen. :
Zur Rechtfertigung dieses Vorgehens führte der Präsident der katholischen
Lesehalle, der Professor des Polytechnikums, Thullie, an, daß sich die
Juden in den betreffenden Fällen leistiingsfähiger und in den Preis-
anfordernngen bescheidener als andere Bewerber erwiesen haben." -
Also die Antisemiten kaufen bei den Juden, weil diese leistungs-
fühiger und bescheidener sind!—Sodann gelangte die an den Reichsralh
und an den Polen-Klub gerichtete Eingabe der jüdischen Rechts-
Praktikanten Galiziens wegen systematischer Ueb.rgehnng jüdischer
Kandidaten bei Besetzung der Richteramtsstellen im Lemberger und
Krakauer Ober-Landesgerichtssprengel zur Diskussion. .Dieselbe bewegte
sich im Sinne der Ausführungen des Wiener Vice-Bürgermeisters
Dr. Nenmayer, und man verwies auf den Fast, daß ili der ostgalizischen
Ortschaft Belz ein Bauer sich geweigert habe, den Eid vor einem
jüdischen Richter abzulegen,. wofür ihm im Disziplinarwege eine
Arreststrafe anferlegt worden sei. Erst in Folge der Intervention
ches Advokaten Dr. Filipowskl habe man es dnrchgesetzt, daß jenem
Bauer von einem christlichen Richter der Eid abgenommen wurde.
Nun bezeichnten aber einige Redner als „beklagenswerth" die Rück¬
wirkung der in Galizien, Dank der Baron Hirsch'schen Stiftung
bestehenden Gewerbeschulen auf die christliche Bevölkerung.
„In einigen Ortschaften werden diese" Schulen auch von der christlichen
Jugend besucht ; im Sassow zum Beispiel beziehen aus dem Stiftungs¬
fonds des Baron Hirsch auch christliche Schüler Unterstützungen in Lehr¬
mitteln und Kleidungsstücken, ja sogar in barem Gelbe, und der katholische
Katechet nehme aus diesem Fonds eine Remuneration für die Ertheilnng
des Religions-Unterrichts an die christlichen Schüler der Hirsch'schen
Lehranstalt an, was wohl kein Verbrechen sei, aber für Katholiken
unpassend erscheine." -
Klingt das nicht prächtig? Der Schluß des Berichts ist allerdings
weniger amüsant, denn dort heißt es wörtlich:
„Gajewski beantragte, an die hervorragenderen Advokaten des
Landes ein Questionnaire über die Inanspruchnahme jüdischer.Richter bei
der Eidesabnahme christlicher Parteien zu versenden, damit auf Grund
der so gesammelten -Daten gegen die erwähnte Eingabe der- jüdischen
Rechtspraktikanten Stellung genommen werde. Professor Thullie
versprach namens des Bereinsvorstandes, die Sache in Erwägung zu
ziehen, wiewohl in Galizien, wie er hinzufügte, glücklicherweise nur
wenige Juden Richterstellen bekleiden. . Zum/ Schluffe wurde der
Ebeuhoch'sche Schulantrag besprochen.und.als eine erfreuliche Thatsäche
dargestellt, daß in Lemberg in den unteren Klassen des Franz-Josephs-
Gymnasiums und der Realschule schon jetzt die jüdischen Schüler in
' eigenenParallel-Abtheilungen von ihren christlichen Mitschülern abgesondert
werden, was aus pädagogischen und ethischen Rücksichten in allen Mittel¬
schulen durchzusühren wäre."
* .
f In Rußland'besteht seit Jahren die „ Gef e l lschaft zur V er-
breitung der Bildung unter den Juden in Rußland",
deren Mitglieder über das ganze Reich, zerstreut sind. Zu Ende des ,
Jahres 1896 zählte die Gesellschaft 2174 Mitglieder, eine verhältniß-
müßig sehr bescheidene Ziffer für die zahlreiche jüdische Intelligenz ^
.! in Rußland. Trotz ihrer, nicht großen Mittel — die vorjährige
Bilanz betrug 138806 Rubel — entfaltet die Gesellschaft eine.sehr