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;>l. Lahrgang. itr. 12.
ßerlttt, 4. April 1890.
Der Gemrin-ebote.
HSeitcrge zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHurnsT
Unsere Freunde.
6. Berlin, 1 . April. Herr Pastor Schwalb in Bremen,
der bekannte freisinnige Theologe, hat mit Bezug auf die Verhand¬
lungen des preußischen Abgeordnetenhauses über den Besuch höherer
Lehranstalten durch jüdische Schüler eine Zuschrift an die „Lib. Corr."
gerichtet, in welcher er dafür plaidirt, daß die Juden ihren Sabbath
auf den Sonntag oerlegen. Herr Schwalb schreibt:
„Unberechtigt und durchaus zurückzuweisen ist das Verlangen jüdischer
(vitexu, daß ihre Kinder am Sonnabend von einem Theil der Schul¬
arbeiten, namentlich vom Schreiben dispensirt werden. Wozu? Auch
ivenn sie es werden, verletzen sie doch rnannigfach das Sabbathgebot,
dus am Sabbath vollständige Arbeitlosigkeit fordert. In der Schule
litten, aufmerksam am Unterricht theilnehmen, ist jedenfalls, gleich viel,
was einige Talmudisten darüber sagen mögen, ebenso gut eine Entweihung
des Sabbaths, als Schreiben. Jedenfalls macht auch die so beschränkte
Tetheiligung am Schulunterricht die religiöse Verwerthung des wöchent¬
lichen Ruhetags, die doch offenbar noch wichtiger ist als das bloße
Mchtschreiben, unmöglich. Dazu kollidirt eine solche Beschränkung der
Schulaufgaben, wenn sie nur einem Theil der Schüler gewährt wird,
»nt jeder vernünftigen Schulordnung und gereicht nicht blos den Dis-
pensirten, sondern auch gewissermaßen ihren Mitschülern zum Schaden,
sie ist pädagogisch kaum weniger verwerflich, als es die Erlaubniß
U'fire, die Schule an jedem Sonnabend zu versäumen, also wöchentlich
itoei Ruhetage zu genießen. Aus den Beklemmungen unb Schwierig¬
sten der Sabbathfeier, wie sie in der Schule und im Leben sich geltend
machen, müßten vernünftiger Weise die Rabbiner ihre Glaubensgenossen
imreien. Und sie konnten es thun, wenn sie beschlössen, daß der Jude
mw Sonntag als siebenten Tag sabbathlich feiern kann, ebenso gut als
den Sonnabend. Was steht denn einem solcher Beschluß entgegen? Am
bilde doch nur der biblische Satz, daß „Gott, nachdem er in sechs Tagen
Timmel und Erde geschaffen, am siebenten Tag ruhte und den siebenten
Tag heiligte". Mit diesem siebenten Tag ist allerdings der Sonnabend
gemeint. Denn für den Verfasser der betreffenden biblischen Stellen
u«ar, wie auch für uns, der Sonnabend und nicht der Sonntag der
siebente Wochentag. Doch es ist denkbar, daß Gott möglicherweise an
einem andern Tage, als an einem Sonntag das Wort sprach: „Es werde
Tcht!" Um so mehr als zur Zeit, wo er es sprach, nach Angabe der
Tibel es noch keinen Mond und Himmel, also auch auf Erden noch
temen Kalender gab. Erst am vierten Tage wurden bekanntlich, nach
imr biblischen Erzählung, Sonne, Mond und Sterne geschaffen. Aber
nur glaubt es noch? Wer hält noch den sogenannten mosaischen
Schöpfungsbericht für ein Stück wirklicher Geschichte? Von den Inden
die ihre Kinder in unsere Schuten schicken, gewiß äußerst wenige. Diesen
wenigen könnte man, ohne ihre Frömmigkeit zu beschädigen, eine andere,
größere, gotteswürdigere Darstellung von Gott und seiner schöpferischen
Tätigkeit beibringen. Dadurch, daß sie den durch eine unfreie Ueber-
lieferung geweihten, in einer christlichen Umgebung schlechterdings nicht
oder nur mit schweren Opfern frei zu machenden Sonnabend ausgeben
und den Sonntag dafür annehmen, würden sie endlich einen rechten
sabbath gewinnen, einen wöchentlichen Ruhe- und Erbauungstag."
Bei allem Wohlwollen, welches für die Juden und deren religiöse
Pflichten aus diesen Worten spricht, sind dennoch der Widersprüche so
oiele in ihnen enthalten, daß es uns Wunder nimmt, wie ein Ge¬
lehrter von Schwalbs Bedeutung sich derselben nicht bewußt werden
tonnte. An welchen Theil der Juden glaubt denn Schwalb seine
Mahnung gerichtet? An denjenigen, welcher jedem Wort der Heiligen
Schrift göttlichen Ursprung zuspricht? Gewiß nicht. Denn er sagt
ielbst, daß von den Juden, die ihre Kinder in die öffentlichen Schulen
schicken, nur wenige der gläubigen Richtung angehören. Bei den
andern aber dürfte der Prozentsatz, welcher einen Dispens vom
Schreiben an: Sabbath verlangt, ein ziemlich geringer sein. Aber
selbst wenn dies nicht der Fall wäre, wenn wirklich die Mehrzahl oder
gar alle jüdischen Eltern diese Forderung stellen würden, darf dann
der Umstand in die Wagschale geworfen werden, daß nach der Meinung
des Herrn Schwalb der Sabbath doch verletzt würde? Wir wollen
gar nicht darüber sprechen, daß die berufenen Interpreten jüdisch¬
religiöser Satzungen, die Rabbiner, hierüber anderer Meinung sind;
wir von unserem Laienstandpunkte kennen in rein religiöser Richtung
keine objektiven, sondern nur subjektive Siinden. Wir glauben nicht,
daß irgend ein Stückchen der Welt aus den Fugen geht, wenn
irgendwo seitens eines Juden ein Gebot übertreten wird, vielmehr
kommt es daraus an, daß Niemand nach seinem Bewußtsein
seine Pflichten gegen Gott verletze. Tenn erst durch das Bewußtsein
wird die Sünde zur Sünde. Das ist wohl auch, wie wir annehmen,
die Meinung des Herrn Schwalb. — Wenn ferner den jüdischen
Schülern aus einem solchen Dispens Nachtheile erwachsen, so werden sie
selbst oder ihre Eltern die Nachtheile zu tragen und zu ersetzen haben.
Thatsächlich scheint es mit diesen Nachtheilen nicht allzu schlimm 311
sein; wenigstens haben wir noch nie gehört, daß die jüdischen Schüler
und Schülerinnen, welche am Sabbath sich des Schreibens enthalten
zu müssen glaubten, hinter ihren Mitschülern an Leistungen zurück¬
geblieben seien. — Auch für die religiöse Erbauung der Kinder,
welche allsabbathlich die Schulen besuchen, ist die Besorgnis;
Tchwalbslungerechtfertigt. Denn mehr und mehr bürgern sich in
großen Gemeinden die Jugendgottesdienste au den Sabbath-Nach¬
mittagen ein.
Was nun aber die Verlegung der Sabbathfeier auf den Sonntag
anbetrifft, so ist diese Frage keine neue. Sie ist seit Jahrzehnten be¬
handelt und, mit geringen Ausnahmen, in ablehnendem Sinne
beantwortet worden. Wir halten es nicht für nöthig, die zahlreichen
und wichtigen Gründe für diese Ablehnung hier nochmals einzeln
.aufzuführen. — Nur das Eine betonen wir: den bürgerlichen
Ruhetag beachten wir nach den Gesetzen des Staates, für den
religiösen Feiertag, wie auch immer der Einzelne denselben begehen
mag, dürfen Gründe der Zweckmäßigkeit allein nicht bestimmend sein.
U
Korrespondenzen und Nachrichten.
Deutschland.
--- Berlin, 1. April. Von großem Interesse für die Schuldebatte
sind die Mittheilungen der amtlichen „Preuß. Statistik", Heft 102 (Berlin
1890) über die „Statistik der preußischen Landes-Universitäten". Hier
finden sich auf den Seiten 65 und 66 die Religionsverhältnisse
der Studirenden behandelt; die Thatsache der starken Betheiligung
der Juden am Studium wird festgestellt und mit der größeren Wohl¬
habenheit und dem stärkern Zusammensein der Juden in den Städten
begründet. Aber hierauf wies ja der Minister v. Goßler selbst schon hin.
Worauf er aber nicht hinwies, das sind die wenigen Bemerkungen, mit
welchen auf Seite 67 der angeführte amtliche Bericht schließt. Sie
lauten: „Das Ergebniß der obigen Ermittelungen geht somit dahin,
daß die Juden, wie sie in jüngerem Lebensalter die Universität beziehen,
so diese auch früher verlassen als die Angehörigen der beiden christ¬
lichen Hauptbekenntnisse, die sich im Ganzen nicht wesentlich von ein-