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Lewaudowsti sich erhob, herrschte liefe Stille. Der Jubilar sagte, sein
Herz sei tief besaitet, aber heute klinge nur ein Ton aus demselben und
der sei „Dank" für alle Liebe, die ihm dargebracht werde. Sein Schwieger¬
sohn, Herr Professor Cohen aus Marburg, brachte alsdann in vor¬
trefflicher Rede ein Hoch auf das Komitee und die milwirkendeu Künstler
aus. Zwischenein wurden von Fräulein Finken stein und Herrn
Julius Lieb au prächtige Lieder des Jubilars in künstlerisch bedeutsamer
Weise zum Vortrag gebracht, welche die Tochter des Gefeierten, Frau
Professor Cohen, am Klavier begleitete. Die schöne Feier wird bei
allen Theilnehmern eine dauernde Erinnerung hinterlassen.
* Berlin, 22. Dezember. Der „Frauenverein von 183 3
zum Besten israeli tische* Kinder" hat einen schweren Verlust
zu beklagen. Gestern ist die Leiterin der Waiseuanstalt des Vereins,
Frau Caroline Hirschfeld, gestorben, welche 25 Jahre hindurch mit un-
ermüdetem Fleiß in mütterlicher Sorgsamkeit ihres Amtes gewaltet hat.
O Berlin, 30. Dezember. In dem bereits mitgetheilten Programm
der Montag ^Vorlesungen zum Besten des Vereins für jüdische Ge¬
lehrte und zur Förderung jüdischen Wissens bei der reiferen Jugend ist
insofern eineAenderllng eingetreten, daßDr. Berlin er am 5. Januar über
„Die mittelhochdeutsche Sprache bei den Juden", und Dr. Hirsch am
12. Januar über „Hellenismus und Judenthum" vortrageu werden.
Billete ü 1 Mark für jeden Vortrag sind bei Herrn L. Peltesohn
lCassels Hotel), Burgstraße 13 zu haben.
8 Berlin, 29. Dezember. Die H i l f s k a s s e für israelitische
Kultus bea mte, deren Wittwen und Waisen in Deutschland, ver¬
anstaltet zum Bestell ihrer Unterstützungskasse am 10. Januar in beit
gestimmten Festräumen der Philharmonie eilt großes Elite-Konzert unter
Mitwirkung der hervorragendsten hiesigen Künstler. Außer den bedeutenden
Konzertpiecen, welche au diesem Abend zum Vortrag kommen, ist es
aber auch die Wohlthätigkeit, lvelche auch hier wieder am Platze ist.
Die Anforderungen, welche aus ganz Deutschland all die Hilfskasse
gestellt werden, sind derartig hohe, daß der Vorstand sich entschlossen
hat. seiner Unterstützungskasse durch Veranstaltung dieses Konzertes
neue Hilfsmittel zuzuführen, was um so erfreulicher ist, als für das
Entree, welches der Verein erhebt, ein wirklich genußreicher Abend zu
erwarten ist. Nach dem Konzert findet Tallz-Reunion statt. Billets
a 2 M., reservirter Platz 3 M, sind bei dem Rendanten des Vereills,
Herrn Michaelis Göttillger, Kronprinzen-Ufer 26 I, zu haben und
werdeil auf Wunsch gern zugesandt.
* Berlin, 28. Dezember. Am 20. Dezeulber er. fand im Restaurant
Ury Hierselbst die Mitgliederversammlung des Vereins ehemaliger
Zöglinge der hie.figen jüdischen Lehrerbildungsanstalt
statt, welche sowohl von Mitgliedern, als auch vom Seminarlehrer-
kollegium, wie von eingeladenen Gasten zahlreich besucht war. Der
Vorsitzende, Herr A. Levh, eröffnet die Versammlung um 8 Uhr mit
einigen geschäftlichen Mittheilungen. Mit Befriedigung wird die wach¬
sende Anzahl der Mitglieder konstatirt. Beschlossen wird, den ehemaligen
Zöglingen der Anstalt, welche bisher ihren Beitritt zum Verein noch
nicht erklärt haben, auch fernerhin und zwar bis zu der im Oktober 1891
stattzuhabenden Generalversammlung die Vereinsuachrichten zugehen zu
lassen. Um 9 Uhr nimmt Herr Semiiiarlehrer Dr. Egers das Wort
zu dem beifällig aufgenommenen Vortrage: „R. Jochanan ben Sakkai",
wofür die Versammlung durch Erheben von den Sitzen ihren Dank ab¬
stattet. Hierauf berichtet der Vorsitzende über einige neue Erscheinungen
ans dem Gebiet der jüdischen Schullitteratur. Ein gemüthliches
Beisammensein, welches sich anschloß, hielt Mitglieder und Gäste bis
nach Mitternacht in fröhlicher Stimmung vereinigt.
* Berlin, 26. Dezember. Unter der Spitzmarke „L es sing ein Pla¬
giator" bringt die „Antisem. Corresp." einen Artikel, in welchem es
heißt, so viel sei sicher, daß Lessing kein schöpferisches Genie war, und
daß er vorwiegend mit Anleihen von fremden Dichtern arbeitete. Die
armen Juden würden wieder um einen ihrer beliebtesten Eideshelser
kommen. Es wird auf ein Buch eines Professors Albrecht aufmerksam
gemacht, der alls Inschrift für Lessing-Denkmäler folgendes Epigramm
vorgeschlagen habe: „So lang bn lebtest, strahlst Du weit und breit,
Du strahlst Dir schließlich die Unsterblichkeit". — Selbst Emin Pascha
ist vor antisemitischen Demagogen nicht mehr sicher. Das oben erwähnte
Centralorgan der Deutschsozialen schreibt: „Um den abenteuerlichen
Reisen des Juden Schnitzer, der sich nennt Emin Pascha, wenigstens
einigen nützlichen Gehalt zu geben, soll ihm künftig ein deutscher Ge¬
lehrter beigegeben werden."
X Berlin, 30. Dezember. Nichts ist ergötzlicher, so schreibt die
Franks. Ztg., als das Schauspiel der Verkleidungen, unter denen
sich der Antisemitismus einzuschleichen sucht; für jede Provinz eine
andere Maske, darin namentlich Herr Lieber mann von Sonnen-
berg Meister. Das stark katholische und nltramontane Münsterland
bearbeitete er jüngst, indem er sich für die Beseitigung des Jesniten-
gesehes ins Zeug legte und den Kulturkampf als ein Werk der Juden
darstellte, während zu gleicher Zeit das christlich-soziale Organ in
Berlin, das „Volk", gegen die Rückkehr der Jesuiten eiferte. In
Hannover beliebte es Herrn v. Liebermaun. mit den Welfen zu heulen,
worüber die Konservativen ganz außer sich sind. Das christlich-soziale
Organ zu Hannover, die „Hannov. Post", deren Redakteur Leuß Herrn
v. Liebermaun-Sonnenberg auf seinen Hetzversammlungeu sekundirt,
vertritt die welfische Sache mit solcher Ungenirtheit, daß die Konser¬
vativen ihre Anhänger ermahnen müssen, nicht aus ihren Rücken
Riemen für die Antisemiten schneiden zu lasten. Wer weiß, ob wir
nächstens nicht Herrn v. Liebermann als Apostel für die Simultan-
schnlen in Nassau auftreten sehen werden?
* Berlin, 29. Dezember. Die russische offiziöse Presse wird
für die „sittliche Entrüstung", die sie über die Einmischung Englands
in russische Angelegenheiten heuchelt, von der „Norddeutschen All¬
gemeinen Zeitung" in folgender Weife abgefertigt: „Man hat in
Petersburg Recht, wenn man eine fremdländische Einmischung in innere
Angelegenheiten Rußlands zurückweist. Dagegen wird allerdings Europa
seinerseits sich das Recht wahren, auch über russische Vorgänge und
Maßnahmen sich ein Urtheil zu bilden und dieses Urtheil offen auszu¬
sprechen. Und in Rußland wird man kaum umhin können, einem der¬
artigen Urtheile, sofern es als ein durch Thatsachen begründetes anftritt,
auch bis zu einem gewissen Grade Beachtung zu schenken, eben wenn und
weil man doch innerhalb der europäischen Cnlturgemeinschaft seinen
Platz einzunehmen wünscht".
Frankfurt a. M., 26. Dezember. Unser in Brüssel ver¬
storbener Mitbürger Herr Julius May aus Rödelheim hat außer
einem Legat von 12,000 Mark für christliche und konfessionslose Arme
seiner Vaterstadt auch Noch 12,(XX) Mark für jüdische Arme der Stadt
Rödelheim und 35,000 Mark dem Philnnthropin in Frankfurt a. M.
vermacht. Seine Gemahlin hat ferner au gemeinnützigen und wohl-
thätigen Anstalten und Vereine, sowie an bedürftige Privatpersonen
ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses 15,000 Mark vertheilen lassen.
Hc Bielefeld, 19. Dezember. Mit einer gewissen Spannung sah
man hier dem von der „ Westsalia - Loge" auf Sonntag, den
14. d. M., anberaumten Chanuka-Kinder- bez. Bescheerungs-
fest entgegen. Und nun, nachdem dasselbe vorüber, könndn wir zu
unserer Freude gestehen, daß es in jeder Beziehung als ein durchaus
gelungenes bezeichnet werden muß. Eröffnet wurde die Feier durch
Gesang; hieran reihte sich das Entzünden der Chanukalichter unter
Rezitation der Benediktionen in hebräischer und deutscher Sprache.
Darauf folgte eine längere Ansprache unseres Kultusbeamten Herrn
Coblenz, in welcher er den Kindern die Bedeutung des Chanuka-
festes vor Augen führte. Zweistimmiger Knabengesang beschloß diesen
Theil der Feier, an welchen sich jetzt unmittelbar die Bescheerung reihte.
Um kein Kind 31t verletzen, wurden die sämmtlichen Geschenke in gleich¬
mäßig verpackten Palleten zur Vertheilung gebracht, so daß den armen
Kindern jedes Gefühl der Beschämung erspart blieb. Besonderes Ver¬
dienst um diesen wohlgelungenen Theil der Feier hat sich unser Ge¬
meindemitglied Herr G. Ruhemann erworben. Um auch dem Gaumen
einen willkommenen Genuß zu bieten, wurden die Kleinen nunmehr
mit Chokolade und Kuchen erfreut, welches sie sich vortrefflich munden
ließen. Der allseitige Anklang, den beide Festveranstaltungen bei den
sehr zahlreich erschienenen Gästen gefunden, läßt erwarten, daß uns das
nächste Jahr ein gleich schönes Fest in noch größerem Maßstabe bringen
werde. Schließlich sei noch bemerkt, daß an die Kinderfeier sich am
Abend noch ein sehr gut gelungenes Fest für die Erwachsenen reihte,
bestehend in Festessen, Ball und musikalischen, sowie theatralischen Auf¬
führungen. An diesem Feste nahmen außer den Logenmitgliedern auch
sehr viele Gemeindemikglieder Theil. Neben der eigentlichen Festrede,
welche die Bedeutung des Chanukafestes schilderte, würzten viele treff¬
liche Toaste die Feier. Jedenfalls gebührt der „Westfalia-Loge" das
Verdienst, hier zum ersten Male eine derartige Feier angeregt und da¬
mit gleichzeitig aus die Beseitigung eines bedauerlichen Ge- oder richtiger
Mißbrauchs hingewirkt zu haben, welchem leider noch immer so viele