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den Justiz-Chef Klein vertreten. Herr Oberrabiner Dr. Jacobi pries
in kurzen Worten die Tugenden des Verstorbenen. Herr Wilh. Schwarz
gab namens des Ausschusses der israel. Kultusgenreinde Worte der Trauer
zum Ausdrucke. — Im Namen des städtischen Gemeinderathes hielt
Herr Advokat Dr. N. v. Crukovic dem Verstorbenen einen warmen
Nachruf.
Frankreich.
* Paris, 12. November. In der heutigen Sitzung der Deputir-
tenkammer interpellirte der Deputirte Laur über die finanzielle
Krisis und klagte den Finanzminister Rouvier an, er liefere die
Finanzen Frankreichs den Juden und den fremden Anleihen aus.
Laur verlangt die Ausweisung der jüdischen Bankiers. Rou¬
vier erwiederte, er werde auf einen derartigen Vorschlag nicht antworten.
EineGoldeÄtziehung sei in Frankreich nicht vorhanden, der Goldbestand der
Bank von Frankreich fei vollständig normal, die Finanzen Frankreichs
würden mit Klugheit und Anstand geleitet. Er werde sich nicht so weit
erniedrigen, mit Laur darüber zu diskutiren. Was das Haus Roth¬
schild angehe, welches Laur beschuldige, auf eine günstige Gelegenheit zu
warten, um seinen Sitz außerhalb Frankreichs zu verlegen, so dürfte es
doch nicht im Jmteresse Frankreichs liegen, den Pariser Markt eines so
mächtigen Faktors zu berauben. Die Kammer nahm hierauf mit 431
gegen 32 Stimmen die einfache Tagesordnung an.
Rußland.
X Odessa, 27.^ Oktober. Dieser Tage verabschiedeten sich in
feierlicher Weise die Offiziere des 16. Jägerregiments S. M.
des Kaisers, mit ihrem konnuandirenden Obersten Sablin an der Spitze,
von ihrem gewesenen Kameraden Staatsrath Dr. Alexande r M ar-
ko witsch Fink elfte in, der kürzlich seine Entlassung genommen hat.
Dr. Finkelstein war im Laufe von 21 Jahren Oberarzt dieses privile-
girten Regimentes und genoß während dieser langen Zeit die Liebe und
Achtung seiner Kameraden sowohl, wie seiner Untergebenen. Diese
Hochachtung und Verehrung zeigte sich besonders deutlich bei Gelegenheit
der Abschiedssoiree, die feine Kameraden ihm zu Ehren veranstalteten
und bei welcher Dr. Finkelstein durch kostbare Geschenke, wie durch
Lobsprüche in hervorragendem Maße ausgezeichnet wurde.
*Grodno, 2. November. Ein entsetzlicher Massenmord ist
dieser Tage im Kobrinschen- Kreise des Gouvernements Grodno verübt
worden. Im genannten Kreise liegt ein großer Wald der „Ossowezki-
Ljeß", wo ein reicher Holzhändler, der Jude Apfelbaum, mit einer zahl¬
reichen Familie wohnte. Dieser Apfelbaum führte bereits seit langen
Jahren einen ausgedehnten Holzhandel und wurde im ganzen Kreise für
einen sehr reichen Mann gehalten. Er war außerdem dafür bekannt,
daß er seinen armen Glaubensgenossen gern und reichlich half, selbst aber
ein ziemlich bescheidenes Leben in seinem am Rande des Waldes belegenen
Hause führte. Kürzlich brach nun im Hause Apfelbaums Feuer aus,
das beinahe das ganze Gebäude einäscherte. Die herbeigelaufenen Barlern
arrs der Umgegend wunderten sich zuerst, beim brennenden Hanse
Niemanden von der Familie Apfelbaums vorzufinden. Als sie sich nun
hineinwagten, gelang es ihrren, vier Leichen herauszuziehen; acht Leichen
wurden danrr später unter beit Trümmern aufgefunden. Alle waren er-
rrrordet. Apfelbaums Familie bestand aus 12 Personen, darunter vier
Männer, zwei Frauen rrnd sechs Kinder. Auch letztere rvaren von ben
Mördern nicht verschont geblieben. Wie die Untersuchung ergab, hatten
sie zwei Kinder mit Beilschlägen getödtet, alle Anderer: waren rnit Messern
ermordet. Um die Spur des entsetzlichen Verbrechens zrr verwischen,
halten die Mörder das Haus in Brand gesteckt. Dank der sofort ein¬
geleiteten energischen Untersuchung gelang es den örtlichen Behörden, den
Mördern auf die Sprrr zu kommen, urrd rnehrere von ihnen sind bereits
verhaftet. Es erweist sich, daß der Massenmord von einer aus 20 be¬
waffneten Männern zusammengerotteteu Bande verübt war. — Wenn
antisemitische Blätter sich in der Aeußerung gefallen, der größte Theil dieser
Bande bestehe aus Juden, so liegt die Tendenz dieser Lüge auf der Hand.
Von Mali und Fern.
- Der Stadtverordnete Herr Louis Liebermann hat der „Stiftung
eines Ungenannten" zur Vergrößerung ihres Kapitalsvermvgen die
Summe von 15,600 Mark überwiesen, und zwar 15,000 Mark in drei¬
einhalbprozentiger Berliner Stadtanleihe und 600 Mark in Baar. — Zu
wohlthätigen Zwecken ist der Stadt Berlin vom Rentier Siegfried
Lessing ein Legat von 10,000 Mark hinterlassen worden. — Am 17.
d. M. verschied plötzlich der Lehrer Herr Dr. Egers, welcher in Fach¬
kreisen durch seine Kenntnisse auf dem Gebiete der Wissenschaft des
Judentbums, sowie durch seine Lehrthätigkeit an der israelitischen Lehrer¬
bildungsanstalt sich einen Namen erworben hat. — Am 16. November
starb hochbetagt Frl. Albertine Sachs, eine Schwester des seligen
Rabbiner Dr. Michael Sachs. Sie war durch den Adel ihres Charakters
und durch Wohlthätigkeitssinn in weiten Kreisen beliebt und geehrt. —
Eine offene Trennung der Antisemiten und Konservativen hat
bei der Wahl eines Stadtverordneten im 40. Berliner Wahlbezirk statt¬
gefunden. Während die Konservativen entschieden für den bisherigen
Vertreter des Bezirks, Stadtv. Gericke, eintraten, haben die Antisemiten
in der Person des Herrn Dr. ined. Schantz einen eigenen Kandidaten
aufgestellt. — Die Gemeinde Siegburg feierte am 15. d. M. das Fest
des fünfzigjährigen Bestehens ihrer Synagoge. — In der Versammlung
zu Bielefeld, in welcher Herr Lic. Graebner über den Antisemitismus
sprach, erlitten die Antisemiten, welche mit der Absicht, die Versammlung
zu ftöreit (siehe Correspondenz) hingekommen warm, ein klägliches
Fiasko. — In der Stadt Meiningen die Fahne des Antisemitismus
aufzupflanzen, fordert der in Erfurt erscheinende „Thüringer Landbote"
auf. Die Abhaltung einer Versammlung werde erfolgen, sobald ein ge¬
eignetes Versammlungslokal zu haben sei. — Die Einweihung eines
neuen Logen heims in Hamburg vereinigte die Mitglieder der Henry
Jones-Loge des U. O. B. B. und ihre Damen am 11. d. M. gu einer
höchst erhebenden Feier. Der offizielle Akt wurde in weihevoller Weise
durch den Großpräsidenten des Ordens in Deutschland, Herrn Dr.
Maretzky aus Berlin, unter Assistenz des Großschatznreisters Herrn
Bergel vollführt. Zu dieser Feier waren Delegirte der Logen mehrerer
anderen deutschen Städte, u. A. Berlin, Frankfurt a. M., Stettin er¬
schienen. — Der Prediger Mannheimer-Verein in Wien hat bei
Gelegenheit des diesjährigen Geburtstages seines Begründers am 17.
Oktober d. I. 1700 Gulden vertheilt. Es wurden 6 Rabbiner, 10 Rab-
binerwittwen, 16 Lehrer und 18 Lehrerwittwen bedacht. — In Pest
starb, wie von dort berichtet wird, Dr. med. Ignaz Hirschler, der das
wesentliche Verdienst hat, die moderne Augenheilkunde in Ungarn einge¬
bürgert zu haben. Hirschler war seiner Zeit Präsident des ersten jüdischen
Kongresses und länge Jahre Vorsteher der Pester Gemeinde. Eitreu
ausführlichen Bericht behalten wir uns vor. — An der Subskription in
England für die russischen Juden haben sich nach Ausweis der Sammel¬
liste auch Christen betheiligt; außer nicht namentlich aufgeführten christlichen
Freunden" begegnen wir dem Earl Roseberry, dem Freunde des Grafen
Bismarck, mit 300 L. (6000 Mark) und dem Herzog von Westminster
mit 200 L. (4000 Mark). Es sind weniger die reichen Gaben,die erfreuen,
als die Geber. — Der französische Linienkapitain Waldteufel ist zum
Bataillonschef befördert worden.— Dem „Czas" zufolge fand in Balta in
Russisch-Polen eine Judenverfolgung statt. Das mit'Sensen
und Hacken bewaffnete Volk überfiel die Juden, verwundete viele
und zerstörte deren Häuser. Das Militär unterdrückte diese Tutnulte,
ohne daß jedoch die Ruhestörer verhaftet wurden. — Der
„Grashdanin" dementirt aufs Energischste die Gerüchte von bevor¬
stehenden Verschärfungen der Maßnahmen gegen die russischen Juden. —
Der Konstantinopeler Korrespondent der Köln. Ztg. hatte eine Unter-
redrrng mit den: neuen Großvezier, welcher besonders betonte, das
Verbot der Masseneinwanderutrg russischer Juden in die
Türkei sei ausschließlich eine durch ben prekären Gesundheitszustand be-
sonders Konstantinopels, aber auch anderer türkischer Küstenstädte bedingte
Nothwendigkeit. Wie sehr ein solches Verbot auch dem warmen, menschen¬
freundlichen Herzen des Sultans widerstrebe, so nutzte er sich doch dieser
Nothwendigkeit fügen. — Der Khedive hat das jüdische Hospital in
Alexandrien, welches sein Entstehen der Munifizenz des Barotr
B e h o r de M e n a s e e verdankt, mit seinem Besuche beehrt. Seine
Hoheit sprach seine Bewmtdernng über die treffliche Einrichtung bieder
Anstalt in den atrerkettnendstetr Worten aus.
Druck und Verlag von Rudolf Mo Ne in Berlin.
Verantwortlich für die Redaktion: Mai Bauchwitz in Berlin.