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bte Stimrnfühnr dcr beiden Parteien bemühten an den Tag zu legem
wurde doch der Brand von einzelnen Unwissenden ans llebcreifer an¬
gefacht. Da war es Simon Bacher rniD^ 'ftb# 1 b rplST der diesen
Brand löschte. Den Erisapfel bildeten zwei Fragen, die heute selbst von
den streng Orthodoxen als überwunden betrachtet werden, die Bimah-
und Chuppafrage stand auf der Tagesordnung, und als der Kampf am
heftigsten loderte, da wandte sich der kaum zwanzigjährige junge Mann,
der damals aus der weltberühmten Jeschibay des Rabb. Moses Perls s. A.
in Boryhod nach Hause kam, an den Gaon Rapoport in Prag, der den
jungen Bacher mit einer ausführlichen Antwort auszeichnete. Die Konser¬
vativen beugten sich vor dem Urtheile der großen Lehrer in Israel und
der Friede war wieder hergestellt. Die Kulturbestrebungen, die der junge
Bacher förderte und ins Leben rief, finden sich ausführlich in den ersten
Jahrgängen dieser geschätzten Zeitung regiftrirt. Regen Antheil an feiner
Ausbildung aus diesem Gebiete nahmen feine beiden Oheime Adolf Bacher
und Adolf Janovitz s. A., die westeuropäische Kultur nach Miklos ver--
pflanzten. Simon Bacher entsproß der Familie des Rabbi Chain: Jair
Bachrach in Worms (starb 1702) bekannt unter dem Namen min
Seine erste Arbeit erschien in der jüdischen Zeitschrift: prtSP did
der selige Stern in Wien redigirte unter dem Namen pöJJfin (die Glocke
von Schiller) im Jahre 1842. Als der selige Rabbiner Leop. Löw in
Szegedin die theologische Zeitschrift „Ben Chananja" ins Leben rief,
da blieb auch Bacher mit seinen wissenschaftlichen Beiträgen nicht aus.
Inden jüdischen Zeitschriften: nntPH IBDöP! nnPH TJfcH
finden sich viele treffliche Beiträge, die über unsere Kulturzustände dem
künftigen Geschichtsschreiber vielen Aufschluß bieten werden, außerdem
finden sich daselbst viele selbständige Arbeiten, die uns Einblick in sein
echt jüdisches Gemüth gewähren, das er bis zu seinem Lebensende treu
bewahrte. Außerdem erschienen von Bacher im Jahre 1860
(Jojachim, Trauerspiel von Dr. L. Philippson s. A.), im Jahre 1870
O2NN JJTI3 (Nathan der Weise von Lessing). 1876 eine
Sammlung hebr. Gedichte, deren Reinerträgniß unserer Vaterstadt Miklos,
die damals bei einem Brande hart mitgenommen wurde, gewidmet wurde.
Im Jahre 1881 erschien der eine Sammlung religiöser Ge¬
dichte, die sänuntlich in der Fach-Preffe der allgemeinen Anerkennung sich
erfreuter:.
Mit dieser: hier angeführter: Arbeiter: sind durchaus nicht alle
Arbeiten des Verblichenen angeführt, dem: bei jedem wichtiger: Ereignis
welches die Judenheit betraf, wußte der schöpferische Geist Bachers unsere
Gefühle meisterhaft zum Ausdruck zr: bringen. So übertrug er die letzte
Derascha des seliger: Meisel ir: meisterhafter hebräischer Sprache. Seine
Verdienste um die jüdische Litteratur soller: später gewürdigt werden. Um
der: Verblichener: trauerr: seine treue Lebensgefährtin Frau Dorothea
Bacher geb. Tedesko, ferner fünf Söhr:e, deren ältester Professor Dr.
Wilhelm Bacher, und drei Töchter. An: 12. d. M. fand unter großer Theil-
nahme die Beerdigung des Verblichenen statt. Auf Wunsch des Ver¬
blichenen hielt sein treuer Freund Dr. M. Kayserling die Leichenrede,
kein Auge blieb trocken, als dieser gewandte Redner den Verlust schilderte,
der mit dem Hinscheiden Bachers das ungarische Judenthum wie auch die
Glaubensgenossen in: Allgemeinen getroffen. Nachdem Dr. Kayserling
seinen nSDÜ endete, setzte sich der Zug in Bewegung und wir übergaben
der Muttererde das, was an Simon Bacher sterblich war; feilt Wirken
und Schaffen, sein Musterbild der wahren jüdischen Bescheidenheit wird
in unserer Mitte, so lange Juden die Sprache der Väter pflegen und die
Produkte eines jeden Zeitalters zu berücksichtigen verstehen, werden fort¬
leben. .n"2"2"3"?>.
Rußland.
* Moskau, 19. November. Der Wiener „Neuzeit" wird von hier
gemeldet: Wie man aus Petersburg schreibt, sollen die Emigrations-
Komitees Baron Hirschs mit Genehmigung der hohen Regierung
binnen Kurzem gegründet werden. In der Residenz soll eine Oberver¬
waltung und in den größeren Centren Rußlands und Polens sollen
Filialen errichtet werden. Die Entstehung dieser Institutionen ist
zweifellos ein epochemachendes Ereigniß im Leben der russisch-polnischen
Juden, das die besondere Aufmerksamkeit aller derjenigen, denen die
Sache unserer Glaubensgenossen am Herzen liegt, auf sich lenken muß.
Indessen hängt das Gelingen dieses bewunderungswürdigen Unternehmens
von der Wahl der entsprechenden Exekutiv-Kräfte ab.
Von Nah und Fern.
----- Die Inhaber der Firma W. Collin, Herr Georg und Gustav
Collin, sind von der Frau Prinzessin von Wales, zu deren Hofbuch-
bindern ernannt worden. — Einer unserer bekanntesten Mitbürger, der
Begründer der hiesigen Konfektionsfirma D. Levin, der Königliche Kom¬
me r z i e n r a t h Herr D a v i d L e v: n, ist am gestrigen Sonntag, Abends
8 Uhr gestorben. Der Heimgegangene war ein seif made man im besten
Sinne des Wortes, der durch seine Umsicht, seine Thatkraft und uner¬
müdlichen Fleiß aus kleinen Anfängen das von ihm begründete Kon¬
fektionsgeschäft im Laufe der Jahre zu einem Etablissement enrporbrächte,
das in erster Linie der Branche steht und eines - Weltrufes sich zu er¬
freuen hat. — Am Montag, den 30. d. Mts., Vormittag 11 Uhr,
findet die Eröffnung der israelitischen Volksspeiseanstalt in
Berlin, Klosterstraße 99, statt. Zur Feier des Tages sollen mehrere
Hundert Portionen Essen umsonst vertheilt werden. — Nachdem
die Deutschsozialen den ehemaligen österreichischen Abg. Schönerer
zu einigen Vorträgen engagirt haben, wollen die Böckelianer nicht
nachstehen. Sie haben sich einen anderen österreichischen Antisemiten¬
führer, Ernst Vergani, den Todfeind Schönerers, kommen lassen.
Derselbe sollte am 23. und 25. November in Berlin, einige Tage
später in Potsdam auftreten. — Wie uns aus Rogasen gemeldet wird,
beabsichtigt Hr. Rabbiner Ludwig A. Rosenthal die auf ihn gefal¬
lene Wahl der Gemeinde Allenstein nicht anzunehmen, sondern in seinem
jetzigen Wirkungsorte zu bleiben. — Herr B. Lieb mann in Köln
wurde bei den Stadtrathswahlen der zweiten Klasse sowohl von der
liberalen als auch Centrumspartei mit großer Mehrheit wiedergewählt.
— Baron Dr. Mundy, der Schriftführer der Wiener freiwilligen
Rettungsgesellschaft, hat in seinem letzten Vorträge über das Jahr¬
hundert der Menschlichkeit folgende Aeußerrmg gethan: „Eines muß ich
offen sagen, gerade unter dem nichtchristlichen Theile der reichen und
wohlhabenden Bevölkerung ist der Wohlthätigkeitssinn ein größerer."
— Einer althergebrachten Sitte gemäß wurden in Wien am Martinitag
(dem 11. November) die von der israelitischen Kultusgemeinde in Preß-
burg für den Hof bestimmten Martinigänse in der Hofburg abgeliefert.
Um halb 12 Uhr Vormittags fuhren zwei Vorstandsmitglieder der
Gemeinde beim Reichstrakte der Hofburg mit den in feines weißes
Linnen verpackten Gänsen vor, wahren Prachtexemplaren, deren jede
das respektable Gewicht von mehr als acht Kilogramnr wog, und
trugen dieselben in die kaiserliche Kammer. Ein Leibkammerdiener
übernahnr hier die Gänse und legte sie auf eine große Silbertasse. Die
Gänse waren mit Bändern in den ungarischen Farben reich geschmückt. —
Hr. Dr. Springer ist zun: Chef des Laboratoriums der patho¬
logischen Physiologie im Charite-Krankenhause in Paris ernannt worden.
— In Florenz starb Signor Sabbato Montefiore, ein glühender
Patriot. Als Italien in Gefahr war, hat er tapfer für dessen Befreiung
mitgekämpft. Eine große Anzahl seiner ehemaligen Kampfgenossen gab
ihm das letzte Geleite. Graf Arriobene, Vize-Präsident der Gesellschaft
der Veteranen, sprach eine ehrende Grabrede. — Die am Sonntag, den
2. d. M. in London stattgehabte zweite Delegirtenversammlung
der englischen „Chowawe Aon" -Gesellschaften, zu welcher sich 21 Dele-
girte eingefunden hatten, und welche unter Vorsitz des Herrn Elim
H. D'Avigdor tagte, faßte unter Anderem einen Beschluß über die Aus¬
setzung eines Preises von 15 Pfd. Sterl. auf das beste englisch-hebräische
Konversationsbuch, und wegen Ueberreichung einer Massenpetition an
das Londoner „russisch-jüdische Komitee" um Verwendung eines Theiles
der von demselben gesanwrelten Gelder zu Gunsten der hilfsbedürftigen
Juden in Palästina. — In Newy ork ist, durch die Zeitumstände hervor¬
gerufen, eine eigenartige Broschüre erschienen. Das kleine Büchlein,
welches für den geringen Preis von 20 Pfennigen verkauft wird, ist
zur Belehrung für die russisch-jüdischen Einwohner bestimmt und enthält
den Text der Verfassung der Vereinigten Staaten mit Erklärungen in
englischer und hebräischer Sprache, sowie im jüdisch-deutschen
Idiom.
Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin.
Verantwortlich für d:e Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.
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