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Misoeil en.
= Bismarck und Lasker. Von dem Poschinger'schen Werk
„Fürst Bismarck und die Parlamentarier" ist jetzt der zweite Band er¬
schienen. Aus dem hochinteressanten Werk dürfte die Leser unserer
Zeitung eine allerliebste ganz dem Abgeordneten Lasker gewidmete Unter¬
haltung bei einem Theeabend in der Familie Bismarck (am 21. November
1676) von Interesse sein:
„Es war intimster Familien-Thee, anwesend die Fürstin, die Kom¬
tesse, einige Verwandte, Herr v. P. u. s. w. Die Unterhaltung betraf
Barzin, die Ernte, die Kleekultur, dann die Reise des Kaisers nach
Italien, an welcher der Fürst nicht hatte theilnehmen können, dann den
eben eröffneten Reichstag.
„Ich hoffe doch, daß wir dieses Mal vor Weihnachten fertig
werden," meinte der Fürst.
„Der Mensch denkt und — Lasker lenkt," griff Herr v. P. ein
Der Fürst runzelte die Stirn, als wenn ihm der Scherz nicht gefiele.
Geheimrath Z. mochte das wohl nicht bemerkt haben. Denn er siel nach
der Bemerkung des Herrn v. P. gleich mit den Worten ein: „Da ist
mir heute ein seltsames Schriftstück zugegangen; es betitelt sich: Das
beste Mittel, die Reichs- und Landtagssessionen abzukürzen, oder was
Lasker alljährlich dem Staate kostet."
Es folgte darauf ein männliches und weibliches Gelächter, an dem
nur der Fürst nicht theilnahm.
„Wo haben Sie das Schriftstück, lieber Geheimrath V sagte
Herr v. P.
„Oh, ich habe es bei mir," erwiederte der Geheimrath, „wenn ich
wüßte, daß ich damit nicht langweilte, würde ich es vorlesen."
Die Thee-Gesellschaft forderte stürmisch das Vorlesen. Der Fürst
willigte durch sein Schweigen ein.
Ich muß jetzt bemerken, daß ich das Schriftstück nicht wörtlich
wiedergeben kann. Es ist mir heute nur eine flüchtige Durchsicht des¬
selben gestattet worden, wobei es mir nur möglich war, die verschiedenen
Zahlen, die darin figurirten, zu notiren. Im Uebrigen bin ich über¬
zeugt, daß der schalkhafte Z. selber das Schriftstück verfaßt oder durch
einen seiner Untergebenen hat aufsetzen lassen. Er liebt solche Späße.
Der Geheimrath las also ungefähr wie folgt: „Seitdem Lasker im
Jahre 1865 die Parlamentstribüne betreten, hat er am Dönhoffplatz
und am andern Ende der Leipzigerstraße im Ganzen 927,745,328 Worte
gesprochen." — Lautes Staunen außer beim Fürsten.-„154 mal
so viel Worte, als das ganze Alte Testament (incl. Apokryphen) ent¬
hält, oder 42 mal so viel, als Goethe geschrieben, oder 3,9 mal so viel,
als Cicero in den von ihm aufbewahrten Reden gesprochen. Wenn
man Lasker's sämmtliche in den verschiedenen Parlamenten gesprochenen
Worte hintereinander auf einen Streifen Papier schriebe, so würde
dieser mehr als neunmal um die Erde reichen, d. h. neunmal von Berlin
aus über den Atlantischen Ozean, Amerika, den Stillen Ozean, Japan,
Asien, Jerusalem bis wieder nach Berlin reichen." — Schallendes Ge¬
lächter, in das schließlich der erst widerstrebende Fürst einfällt. „Spricht
Lasker nur noch zwei Drittel einer Legislaturperiode so fort wie bisher,
so reicht der Streifen vom Dönhoffplatz bis an den Mond." Stürmische
Heiterkeit.
„Nun, und wie lange wird es dauern, bis der Streifen die Sonne
erreicht?" fragte darauf eine weibliche Stimme.
„Das sagt leider der Statistiker nicht," erwiederte Geheimrath Z.
„Dafür hat sein Name schon längst die Sonne erreicht," fiel Herr
von P. ein.
Der Geheimrath fuhr fort:
„Anträge und Amendements hat Lasker im ganzen 27,344 gestellt,
wovon 27,211 angenommen sind. An Bravos verzeichnen die steno¬
graphischen Berichte nicht weniger als 11,874 in nur 11 Jahren!
Darunter 8881 stürmische Bravos. Zur Ordnung ist er einmal ge¬
rufen."
„Wie? was?" siel hier die Gesellschaft ein, „Lasker ist auch einmal
zur Ordnung gerufen?"
Jetzt bemerkte der Fürst selber: „Gewiß, vor einem Jahre im
Reichstage wegen einer Aeußerung gegen Windthorst; ich habe ihm
dazu nur herzlich gratuliren können."
Der Geheimrath fortfahrend:
„Die 927,745,328 Worte Lasters vertheilen sich auf 866,194 Reden
und 74,312 persönliche Bemerkungen. Davon beziehen sich 44,912 Reden
auf das Budget- und Finanzwesen, 1953 Reden auf das Strafgesetzbuch,
126 auf Wucherzinsen, 14 auf die Lumpen-Ausfuhr des Zollvereins,
17 auf die Jmpfordnung, 289 auf den Kulturkampf, 71 auf deu
Gründungsschwindel, 77 auf Aktienwesen, 9 auf die Rinderpest, 22 auf
die Leckage in Niederlagen, 4 auf die Prostitution in Berlin, 6 auf die
Zwangskehrbezirke der Schornsteinfeger, 13 auf die Rebläuse . . ."
„Genug, genug," fiel hier die Gesellschaft ein, deren Lachen die
Stimme des Vorlesers mehr und mehr übertönte.
„Lieber Geheimrath, bitte, sagen Sie noch einmal, wie viel Worte
hat Lasker im Ganzen schon geredet," sagte die Fürstin.
„927,745,328 Worte, Durchlaucht."
„Fehlt nicht viel an der ersten Milliarde," bemerkte Herr von P.
„Was meinst Du, Otto, wenn die fünf Milliarden voll sind, müßte
Lasker doch so gut in den Adelsstand erhoben werden wie Herr
von Bleichröder; er zählt doch auch von Erschaffung der Welt. Was
er wohl sagen würde, wenn er eines Morgens einen großen Brief er¬
hielte mit der Adresse: Sr. Exzellenz, dem Herrn Staatsminister
von Lasker. Denn Minister wird er doch längst sein, ehe er die fünfte
Milliarde ausgeredet hat. Welches Portefeuille hast Du eigentlich für
ihn in petto?"
Der Fürst machte zu diesen Worten eine Miene, als wenn er sagen
wollte, daß er über diesen Gegenstand den Scherz nicht liebe. Er er¬
wiederte ernsthaft:
„Ich hätte Lasker ganz gerne im Ministerium zur Seite; er ist
blos zu vielseitig; Wahl macht Oual; ich weiß nicht, ob man Justiz,
Finanzen, Inneres oder Handel ihm anvertrauen soll."
„Den Krieg, lieber Otto, den Krieg," fiel Herr von P. ein.
„Oder den Kultus," bemerkte eine weibliche Stimme.
„Nun," erwiederte der Fürst, „ein guter Jurist ist auch leicht ein
guter Kultusminister, Falk oder Lasker." Große Bewegung.
Aus dieser Erzählung ist zu entnehmen, daß Bismarck sich mit dem
Gedanken, Lasker zum Minister zu machen, ernsthaft getragen, und daß
er dem großen Parlamentarier in der Zeit seines ersten Wirkens eine
außerordentliche Werthschatzung entgegengebracht hat. Daß Bismarck
sich dessen später bei dem in Amerika erfolgten Ableben Laskers nicht
mehr erinnerte und sich einer offiziellen Ehrung des Tobten in so herz-
! loser Weise widersetzte, kann angesichts der obigen Erzählung nur immer
j wieder bedauert werden. L. Htz
*
= Die Nr. 49 der „Mittheilunge n aus dem Verein zur
Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstaße 13,
Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Der Meineidsprozeß Leuß. —
Zur sozialpolitischen Beurtheilung des Antisemitismus. XU. — Der
j Antheil der Juden am Verbrechen in Oesterreich. — Zur Abwehr. —
Aus dem antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Leroy-Beaulieu über
den Mammonkultus. — Sprechsaal.
Geschäftliche Notizen.
---- Die 160 Druckseiten umfassende, reich illuslrirte Preisliste über
Cotillon- und Carneval-Gegenstände der Fabrik von Gelbke u. Bene¬
dict us in Dresden für die Wintersaison 1895 ist erschienen und wird
Interessenten auf Verlangen gratis und franco geliefert. In derselben
werden über den Cotillon, dieses amüsante Tanz-Arrangement, sehr
werthvolle und für die Herren Ballarrangeure,gewiß sehr willkommene
Rathschläge ertheilt.
= Johann Strauß, der „Wiener Walzerkönig", der gelegentlich
seines vielbesprochenen Jubiläums im vorigen Herbst so viele Beweise
der großen Volksbeliebtheit seiner Musik empfing, hat einen neuen
Walzer komponirt und der „Gartenlaube" gewidmet.
Die Gartenlaube, das in der ganzen Welt verbreitete, nicht minder
volksthümliche Familienblatt, bietet den prächtigen „Gartenlaube-Walzer
von Strauß" für Klavier ihren Abonnenten gratis als künstlerisch aus¬
gestattete Extrabeilage zum Beginn des neuen Jahrgangs.
Biooker 8
holländ.
Cacao
wurde auf der Weltausstellung in Antwerpen 1894 mit dem
„Grand Prix“, der höchsten Auszeichnung, prämiirt Eine
derartige hohe Anerkennung wurde bis jetzt noch keinem holländ.
Fabrikate verliehen; mithin bleibt Blooker’s Cacao die feinste Marke.